Maserati Gran Turismo : Ganz weit, ganz schnell

Gran Turismos, das waren klassische, luxuriöse Reisesportwagen. Maseratis neues Coupé soll die Tradition fortsetzen – mit 405 PS und acht Zylindern.

Kai Kolwitz
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Den Anspruch trägt der neue Maserati Gran Turismo schon im Namen. -Foto: promo

Gran Turismo. Im Kopf formen sich Bilder, von Brandung an Felsen, von Palmen, endlosen geschwungenen Küstenstraßen, irgendwo, wo es immer warm ist. In den Fünfzigern und Sechzigern war es, als das Konzept in voller Blüte stand. Die Straßen waren schlechter als heute, es gab nur wenige Autobahnen, wer in den Süden wollte, der musste Gebirgspässe überwinden, statt durch Tunnels zu rauschen. Mit den großen edlen Coupés gaben die Luxushersteller ihrer wohlsituierten Klientel damals das ultimative Mittel in die Hand, um große Entfernungen entspannt und äußerst zügig zurückzulegen, ohne danach jedes Schlagloch im Allerwertesten zu spüren. Zwar mussten sich die hochmotorisierten Boliden selbst auf der Rennstrecke nicht verstecken. Aber gefragt war nicht die letzte brettharte Sportlichkeit, sondern die perfekte Synthese aus mondänem Äußeren, Komfort und Tempo. Leistung? Genug.

Den Anspruch trägt der neue Maserati Gran Turismo also schon im Namen. Der Sportwagen kommt für den Hersteller in einer Zeit des Aufbruchs: Zum ersten Mal seit Menschengedenken konnte man im zweiten Quartal 2007 einen Gewinn ausweisen, für das laufende Jahr peilt man die Marke von 7000 Fahrzeugen an, und der S-Klasse-Rivale Quattroporte stößt auf viel Wohlwollen bei denen, denen BMW, Mercedes und Porsche zu sehr Massenware liefern und denen ein Ferrari zu vulgär ist.

Mit dem Quattroporte teilt sich der Gran Turismo den Motor und die Basis, beim Coupé allerdings in Radstand und Länge etwas eingekürzt. Ein Kleinwagen ist der Neue damit trotzdem nicht: 4,88 Meter Länge liegen knapp unter Luxuslimousinen-Standard, auch wenn die Designer von Pininfarina dem Gran Turismo ein Kleid verpasst haben, das den Sportler deutlich kürzer wirken lässt. Und betörend schön, nebenbei: Lange, geschwungene Motorhaube, fließende Dachlinie, langer Radstand und kurzer, kraftvoller Überhang am Heck sind klassische GT-Zutaten, die den Wagen dezent und trotzdem besonders wirken lassen. Der Gran Turismo ist edel, ohne dabei zu dick aufzutragen.

Im italienischen Stadtverkehr sorgt das schon mal dafür, dass dem Gran Turismo von einem neuen Cinquecento die Schau gestohlen wird. Aber das ändert sich, wenn es in die Berge geht. Denn hier machen Touristen und Einheimische dem markanten Haifischmaul fast schon fast unangenehm schnell die Straße frei, obwohl der Fahrstil alles andere als halbstark ist.

Aber eben doch Gran-Turismo-typisch. Denn das Coupé ist im Gebirge einfach schneller als die anderen: schneller beim Beschleunigen, in 5,2 Sekunden von null auf 100, die in die Sitze drücken und Überholmanöver auf einen Wimpernschlag zusammenschnurren lassen, schneller bei den Kurvengeschwindigkeiten und schneller beim Einlenken, bei dem Fahrwerk und Gewichtsverteilung dafür sorgen, dass sich der Wagen fast schon mit Blicken steuern lässt. Nur die Sechs-Gang-Automatik könnte manchmal einen Hauch schneller herunterschalten (was man mit den Schaltpaddeln am Lenkrad korrigieren kann) und die Bremsen einen definierteren Druckpunkt liefern, auch wenn man nach einigen Kurven weiß, wann die Verzögerung so richtig einsetzt. Als Bonus gibt es den Sound des Achtzylinders mit seinen 405 PS: sonor blubbernd im Stadtverkehr, brüllend und fauchend hinter dem vielen Dämmmaterial, wenn Beschleunigung gefragt ist. Und eigentlich schon ein wenig zu leise, denn dieses Orchester würde man gern deutlicher hören.

In seiner Historie war Maserati schon einigen Verwerfungen unterworfen. Vom mondänen Ferrari-Gegenspieler auf der Straße wie auf der Rennstrecke über Traumwagen wie den Ghibli, eine Ära zweifelhafter Massenware in den Achtzigern, die Übernahme durch Fiat und seit einiger Zeit die Rückbesinnung auf die alten Werte. Der Ausstrahlung des Gran Turismo schadet das allerdings kein bisschen, im Gegenteil. Der Innenraum und das Armaturenbrett, in der Vergangenheit nicht immer eine Stärke von Maserati, sind aufgeräumt, sehr viel Leder, am besten hell oder rot, macht den Wagen edel und gleichzeitig behaglich. „Taylormade“ nennt der Hersteller diese Philosophie der Gestaltung, individuell abgestimmt statt fest genormt, kleine Zeichen der Handarbeit inklusive.

Das alles hat natürlich seinen Preis: Gut 112 000 Euro muss der edle Zweitürer seinem potentiellen Besitzer wert sein, und auch an der Tankstelle ist der Gran Turismo kein Sonderangebot. Zwar nennt Maserati optimistische 14,3 Liter als Durchschnittsverbrauch, was 332 Gramm CO2 pro Kilometer entspricht und wohl immer noch der Tatsache geschuldet ist, dass im EU-Testzyklus nicht schneller als 120 Stundenkilometer gefahren wird. Wer den Sportler fordert, kratzt an der 20-Liter-Marke, auch wegen des enormen Leergewichts von fast 1900 Kilogramm. In Zeiten der Klimadiskussion könnte man das kritisieren, aber wer das tut, der muss bei allen Fahrzeugen dieses Segments die Sinnfrage stellen. So kann man nur darauf verweisen, dass in diesem Jahr nur um die 500 Gran Turismos nach Deutschland kommen sollen, kaum merkbar zwischen all den 80 000-Kilometer-pro-Jahr-Vertreter- Dieseln. Und als einzigen Alltagswagen werden nur wenige den Gran Turismo nutzen wollen, allein schon deshalb, weil kaum jemand den Mut haben wird, ihn in Berlin nachts auf der Straße stehen zu lassen. Stattdessen: Der Gran Turismo ist ein Auto, an dem man sich freuen kann, wenn man es fahren oder einfach nur anschauen darf. Und sollte man damit nicht schnell noch nach Nizza?

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