Maserati Gran Turismo : Rot und Spiele

Maserati gewährt, wonach Schnellfahrern gelüstet: Im viersitzigen Gran Turismo S zieht man die Gänge, wo man sie hin haben will.

Gerd Nowakowski

Achtung, das ist eine Warnung. Fahren Sie nicht mit diesem Wagen zum Monatstreffen ihrer Ökologiegruppe. Und zur Debatte über Armut und soziale Gerechtigkeit beim Ortsverein der Linkspartei auch nicht. Dort machen sie sich keine Freunde: 440 PS, auf Tempo 100 in 4,9 Sekunden, 295 km/h Spitze – das ist ein gehöriges Kraftwerk, das Maserati auf die Straße bringt. Vor allem in so verführerischen Linien, geschnippelt von Pininfarina, dass öffentliche Aufmerksamkeit garantiert ist. Hinter dem riesengroßen Schlund mit dem filigranen Dreizack haben die Ingenieure aus Modena den 2007 vorgestellten Gran Turismo noch einmal gehörig aufgerüstet und sportlich getrimmt. Das merkt man. Der Wunsch, den Wagen perfekt zu machen wie einen guten Cappuccino, feinherb und cremig zugleich, gibt dem Maserati einen unvergleichlichen Auftritt. Ein Auto mit zwei Gesichtern: Wer überholt wird, sieht im Rückspiegel erst die aggressive Frontpartie und dann eine elegant fließende Linie.

Und was für ein Sound. Mit sonorem Brüllen springt der Achtzylinder an. Der bullige 4,7 Liter V8-Motor zieht ein gigantisches Drehmoment aus der Tiefe seiner Zylinder. Das ist in jedem Moment auf beeindruckende Weise abrufbar, wenn die Drehzahlen hochjagen, und das knapp 1,8 Tonnen schwere Fahrzeug über die Straße katapultieren. Das Auto will fahren, schnell fahren. Überall und allzeit bereit. Was einst vom Wortsinn her eine bequeme Reiselimousine mit vier Sitzen sein sollte, ist nun ein extrem rassiger Sportwagen. Mit vier Sitzen.

Anders als beim Gran Turismo, der serienmäßig nur mit Schaltautomatik geliefert wird, kann die Automatik ab- und der ungebremste Fahrspaß eingeschaltet werden. Das Sechs-Gang-Getriebe lässt sich mit der Schaltwippe am Lenkrad so präzise beherrschen. Das völlig neue elektro-hydraulisch unterstützte Getriebe schafft dabei Schaltzeiten von 100 Millisekunden. Das macht süchtig. Wer die Gänge hochzieht, spürt das dramatische Grollen und eine unglaubliche Beschleunigung. Auf freier Landstraße ist das knapp fünf Meter lange Gefährt ratzfatz auf 180. Es liegt dabei dank des straffem Fahrgestells und integriertem Heckspoiler so bratzig auf der Straße, dass jede Kurve zum Vergnügen wird. Auch auf der Autobahn ist man jenseits von Tempo 200 so entspannt, dass man sich nicht einmal grämt, dass man die Höchstgeschwindigkeit wohl nie erleben wird. Tempo 295 schafft der Gran Turismo S – außer für die Formel 1 war kein von Maserati gebautes Modell jemals schneller. Der Motor wird übrigens bei Ferrari gebaut, der Rahmen wird ebenfalls bei der wenige Kilometer entfernt in Maranello produzierenden roten Konkurrenz gespritzt und auch das Getriebe wird zugeliefert.

Motor vorne, Getriebe hinten direkt an der Achse, starr verbunden in Transaxle-Bauweise – das ist eine ideale Gewichtsverteilung, die den S zum Kurvenwedler macht. Für den festen Griff im rechten Moment sorgen völlig neu konstruierte Bremsen. Nun hat der Wagen übergroße Stahl-Aluminium-Scheiben, die mit extraharten Griff zupacken, wenn es zur Sache geht: Von Tempo 100 auf Null in 35 Metern, verspricht Maserati.

Wie ambitioniert die Ingenieure an den S herangegangen sind, ist in vielen Details zu spüren – auch an der hervorragenden Verarbeitung. Straffe Sitze mit guter Seitenstütze, edles Leder und Alcantara für den Innenraum, eine überkomplette Ausstattung vom gut sichtbaren Navi bis zum Garagentor-Sensor lassen wenige Wünsche offen. Der Innenraum ist italienisches Designvergnügen. Nur die fast anachronistisch anmutende analoge Uhr wirkt wie eine Erinnerung an die ehrwürdige Geschichte des Hauses Maserati.

Trotz der unbändigen Kraft kommt der Gran Turismo nie grobschlächtig daher, sondern lässt Stil und zeitlose Eleganz spüren. Die gelungene Silhouette wird bestimmt von den hochgezogenen Radkästen neben der lang gestreckten Motorhaube, vom ausgeprägten Seitenschweller, und über die am Heck breit ausladenden Kotflügel. Der Kofferraum mit 260 Litern reicht allerdings gerade für zwei Personen – immerhin will der Gran Turismo ein vollwertiger Viersitzer sein. Allerdings fühlen sich bei groß gewachsenen Fahrern auf den hinteren Sitzen nur kleinwüchsige Menschen oder Kinder gut untergebracht. Doch Familienväter sind wohl nicht ganz die Zielgruppe.

Das ist definitiv der Wagen für die Generation Erben. Mit Dankbarkeit wird der Neffe an den fleißig schaffenden Opa denken, wenn er mit diesem Meisterstück italienischer Autobaukunst über die Straßen jagt. Schlappe 127000 Euro kostet die Basisversion. Jeden Euro ist dieses Auto wert für die unvergleichlich schöne Art, von A nach B zu kommen. Aber langweilige Autos gibt es ja auch schon genug. Wer so denkt, stört sich auch kaum an den über 25 Litern Benzin, die der Wagen in der Stadt verbraucht – von den 386 Gramm C02 pro Kilometer zu schweigen.

Wer als Besitzer eines Gran Turismo S beim Ortsverein der Linkspartei mitmachen will, dem sollte sich vielleicht auf die Schriftstellerin Francoise Sagan berufen. Die Französin, schon damals ein Star, fuhr im unruhigen Mai 1968 mit ihrem Sportwagen zu einer Vollversammlung der Studenten im Pariser Odéon. Auf die Frage am Eingang, „Ist die Genossin mit ihrem Ferrari gekommen, um die Revolution zu unterstützen?“, antwortete sie: „Falsch. Es ist ein Maserati.“

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