Mazda 6 : Schick losgeschickt

Der neue Mazda 6 kommt heute zu den Händlern. „Schön“, denken Passat-Fahrer, „aber das ist auch alles“. Damit liegen sie falsch.

Eric Metzler
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Chefdesigner Youichi Sato mit dem neuen Mazda 6. -Foto: dpa

Um zu zeigen, wo die Extreme beim Entwickeln liegen, vergleichen wir ruhig mal Äpfeln mit Birnen: Fiats Kompaktwagen Bravo, der seit einem guten Jahr auf dem Markt ist, wurde mehr oder weniger virtuell entwickelt: gezeichnet, getestet und für gut befunden allein am PC. Ganz anders die Genese des Mazda 6, der mit Stufen- und Fließheck heute zu den Händlern kommt (der Kombi folgt im Frühsommer). Mehr als 120 Prototypen wurden in Hiroshima von Hand gedingelt und bemustert. So ein Prozess zum Anfassen kostet satt Geld und satt Zeit – aber es zeigt, wie ambitioniert eine Firma zu Werke geht, wie wichtig ihr ein neues Modell ist.

Bei Mazda und seinem Sechser muss solcherlei Ehrgeiz nicht wundern: Mehr als bei anderen Importeuren hängt das Wohl und Wehe der Marke an der Kompakt- und der Mittelklasse. Seit 2002 definiert gerade der Sechser das unverwechselbare Profil von Mazda im Massengeschäft; damals, wie die Manager noch heute sagen, „haben wir den Schritt in die Moderne“ geschafft. Tatsächlich wagte man seinerzeit einen Quantensprung im Design, schüttelte mit einem schnittigen Entwurf das Biedermann-Image des kantigen Vorgängers 626 ab. Die Schönheitsoperation brachte dauerhaften Erfolg – nicht zuletzt, weil die allseits gerühmte Zuverlässigkeit des 626 an Bord blieb.

Jetzt bringt Mazda einen komplett neuen 6er und hofft, in Deutschland damit noch mehr als 25 000 Exemplare im Jahr unters Volk zu bringen. Die Aussichten dafür sind gut: Der Neue ist extrem ansehnlich, er fährt sich sehr leichtfüßig und er ist mit allen vier Motoren sparsamer unterwegs als bisher. Aber der Reihe nach.

SCHARF & WEICH: DIE OPTIK

Die Limousine wurde schick, aber auch geschickt gezeichnet. Die Karosserie erlaubt dem Fahrer eine außergewöhnliche Übersicht. Der Blick durch die hintere Scheibe ist beim Fließheck so weit und so frei, wie bei kaum einen anderen Großserienauto, mit dem wir in den letzen Monaten unterwegs waren.

Was die Gestalt des Wagens angeht, geben wir diesmal den Gestaltern selbst das Wort. "Es ist Zeit, Japanisch zu sein“, sagt Chefdesigner Youchi Sato und was er damit meint, packt er in drei Begriffe: Yugen, womit „harmonische Übergänge“ gemeint sind. Sato denkt an den Nebel im Wald und blickt dabei auf Kotflügel und Haube, auf Seitenfläche und Heck: Alles fließt ineinander. Mit Rin zitiert der Gestalter „Spannung und Stärke“, das Schwert steht ihm für die scharfe Kante, etwa die zwischen Motorhaube und Tür, auch für die starken Kontraste im Innenraum. Mit Seichi schließlich meint Sato die „Liebe zum Detail“; da schwärmt er vom Design japanischer Gebrauchsgegenstände und freut sich über die Instrumententafel im 6er – die nämlich gleiche hochwertigen Chronographen.

Ob man dem Asiaten auf derlei mutigen Denk-Reisen folgen mag oder nicht – hochwertig und stimmig wirkt der 6er allemal. Außen trägt er das wohl sportlichste Gesicht aller asiatischen Familienautos; innen ist er modern, doch nicht zu modisch gezeichnet. Es gibt keine Übertreibungen, aber Materialien, die gut aussehen und die sich gut anfühlen.

LEICHTER & SPARSAMER: DIE TECHNIK

Gewicht wollen in diesen Zeiten alle verlieren. Aber Mazda möchte beim Abspecken Musterschüler sein. Beim neuen Mazda 2 hat die Diät vor Monaten fast 100 Kilo gebracht; beim 6er zeigt die Waage trotz einer um fast sieben Zentimeter längeren Karosserie immerhin 35 Kilo weniger an. Dieser Wert hat spätetsens an der Tankstelle Gewicht: Das Einsteigsmodell 1.8 verbraucht mit 6,8 Litern 12 Prozent weniger Normalbenzin als der Vorgänger. Anteil daran hat auch der cw-Wert von 0,27. So eine Marke beim Thema Luftwiderstand ist nur zu erreichen, wenn man bis ins Kleinste aktiv wird. Ein Beispiel dafür sind die „Deflektoren“, gebogene Plastikstreifen, die den Wind vor den Vorderrädern so umleiten, dass dies den Verbrauch senkt und zugleich hilft, die Bremsen zu kühlen.

Ähnlich erfinderisch war Mazda für Funktionen, die der Fahrer häufig nutzt und von denen er sich häufig ablenken lässt: Ein- und dieselben Lenkradtasten für Klima, Audio, Navi und Telefon, das hat es bislang noch nicht gegeben. Die Logik des Ganzen erschließt sich verblüffend schnell und verhilft zu selten einfacher Bedienung. Hat was.

Extrem leichtgängig ist die elektronische Servolenkung, schon im Stand ist kaum Widerstand zu spüren, sodass zwei Fingerchen reichen. Uns ist das des Angenehmen etwas zuviel; gleiches gilt für das gute, aber eben sehr weich abgestimmte Fahrwerk. Im Ganzen fühlt sich der Mazda 6 wie ein Federball an, gelegentlich wankt er ein wenig; das satte Gefühl eines Dreier-BMW vermisst man schon mal. Einige Wahrnehmungen in Kürze: Der Innenraum ist sehr gut verarbeitet; die Sitze bieten zu wenig Seitenhalt; die Investitionen in bessere Türdichtungen und neue Dämmmaterialien haben sich gelohnt. Die Kopffreiheit hinten ist so la la.

Von den drei Benzinern empfehlen wir den Zweiliter mit 147 PS – allerdings nicht, weil er um Längen spurtstärker wäre als der gleichfalls vom Vorgänger übernommene Einstiegsmotor 1.8. Der 2.0 wirkt bei flotter Fahrt schlicht weniger angespannt, vor allem ist er anders als der Kleinste auch mit sechs Gängen oder als Automatikversion zu haben. Neuer Top-Motor des Modells ist der 2.5 – abgeleitet aus dem bisherigen 2.3 bietet er 170 PS und verbraucht trotz vier PS mehr sieben Prozent weniger Sprit (8,1 Liter). Gegen den bekannten Zweiliter Diesel mit 140 PS und Partikelfilter ist nichts einzuwenden – sieht man davon ab, dass für den Selbstzünder auch in Zukunft keine Automatik in der Verkaufsliste steht. Weil Kunden danach fragen, schreiben Mazdas Statthalter in Deutschland diese Kombination immer wieder auf einen Wunschzettel und schicken ihn mit freundlichem Gruß nach Tokio – bislang vergebens.

ALLES IN ALLEM: DAS FAZIT

Die zweite Generation des Mazda 6 macht einen guten Eindruck – ein Auto für Familien, die Komfort am liebsten in sportlicher Verpackung genießen. Die Preise (siehe Kasten) kommen den deutschen Mitbewerbern inzwischen recht nahe – Verarbeitungsqualität und Wiederverkaufswert aber auch. Unterwegs fühlt man sich in einem Passat geborgener. Das liegt nicht an der Qualität des Fahrzeugs. Da geben sich die zwei nichts. Vielmehr ist es ein Fluch der guten Tat: Mazda hat den 6er so leichtfüßig gemacht, dass es uns zuweilen vorkam, als hätten wir nichts unterm Hintern.

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