Mazda MX-5 : Klassische Moderne

Viele halten den Mazda MX-5 immer noch für einen Möchtegern-Sportwagen. Dabei hat er all die Tugenden alter Roadster

Sven Jürisch

Bis dato sind wir uns nur flüchtig begegnet, der MX-5 und ich. Zwar sah man sich beim Einkaufen, beim Besuch des Fitnesscenters oder beim Italiener um die Ecke, aber mehr als ein paar kurze Blicke war da nicht. Er war mit seiner zierlichen Erscheinung irgendwie zu feminin und gar nicht mein Fall. Für die Damenwelt, vorwiegend jung, blond und sportlich, war er Hingabe pur, aber ein Männerauto? Niemals, mochte seine leichtfüßige Gangart auch noch so deutlich auf die Gene aus dem Hause Lotus hinweisen.

Das ging so über viele Jahre. Zwar wurde auch er mit der Zeit fülliger und setzte die eine oder andere Rundung an, ein Casanova blieb er dennoch. Doch nun ist alles anders. Mit neuem Design für Front und Heckpartie hat er plötzlich die Muskeln, die bisher fehlten. Aus manchen Blickwinkeln erinnert er gar an eine Bonsaiausgabe des jüngst verblichenen Honda S 2000. Und der war ein Männerauto par excellence.

Die neu gezeichneten Schürzen stehen dem MX-5 verdammt gut, genauso die frischer wirkenden Leuchteinheiten im Heck. Der Mazda drückt seinen Körper jetzt optisch fester auf die Piste. Keine Spur mehr von dem hochbeinigen und schmalrädrigen Büroflitzer von einst. Die silbernen Blechrädchen, die mich immer ein wenig an das Kettcar meiner Jugend erinnerten, wichen stämmigen 16- oder 17-Zoll-Rädern, deren Lufthaushalt nun optional von einem Reifendruckkontrollsystem verwaltet werden kann.

Okay, wir können es ja mal versuchen. Quasi ein One-Night-Stand. Vielleicht wird ja mehr draus. Auf die Tür und reingeschlüpft, in die wie ein Maßanzug sitzenden aufpreispflichtigen Recaro-Sportsitze. Das griffige, mit Leder bezogene Dreispeichensportlenkrad – nun um die Tempomatfunktion erweitert –, die Pedale und der kurze, knackige Schalthebel liegen verführerisch auf dem Präsentierteller. Der MX-5 will bedient werden und bietet mir das Handwerkszeug auf dem Silbertablett an. Die Ausstattung des Mazda ist zwar komplett, verzichtet aber auf effektheischende Spielereien. So fehlt ein Navigationssystem in der Aufpreisliste ebenso wie der derzeit so angesagte Nackenlüfter. Im MX-5 zählt reines Offenfahren ohne Weichmacher. Und spätestens wenn das Stoffverdeck mit einer Handbewegung wie eine Schirmmütze nach hinten geworfen wird, ist die Botschaft angekommen.

Nach dem Schlüsseldreh tönt es verdächtig maskulin aus dem Doppelrohrauspuff. Nicht schlecht für einen vermeintlichen Hausfrauenwagen. Dass beim flotten Gaswechsel ein sattes Plopp aus dem Auspuff in den Innenraum vordringt und so längst den Emissionsvorschriften geopferte Fahrfreuden wiederbelebt, übersteigt alle meine Erwartungen an einen Vierzylinder-Sportwagen.

Mit den 160 PS der Zwei-Liter-Version geht es munter vorwärts. Nur 7,9 Sekunden für den Sprint auf 100 km/h sind ein Wort, wenngleich auch nur die halbe Wahrheit. Denn nach der Überarbeitung gibt sich das Aggregat noch drehfreudiger als bisher. So ekstatisch und ambitioniert war selten ein Vierzylinder am Werk. Der Motor spielt auf der Klaviatur bis zur Höchstdrehzahl von 7000 U/min seine Melodie, verharrt dort einen Moment bis zum nächsten Gangwechsel, um dann unbeirrt und kraftvoll von vorne zu beginnen. Radiohören aus der optionalen Bose-Anlage mit immerhin sieben digital abgestimmten Lautsprechern wird da überflüssig. Und spätestens nach der ersten Kurvenkombi im flotten Landstraßentempo ist man von dem MX-5-Virus infiziert. Der nur eine gute Tonne schwere Roadster lenkt nach kurzem Anbremsen zackig in die Kurve ein, schwänzelt bisweilen trotz serienmäßigem ESP und Sperdifferenzial mit dem Heck – leicht und gut kontrollierbar –, um dann bei engagierter Fahrweise auf die nächste Kurve zuzustürmen. Spontan werden Erinnerungen an Emma Peel aus „Mit Schirm, Charme und Melone“ wach. Die gab ihrem Lotus Elan ähnlich die Sporen.

Aber trotz dieser Auslegung behält der MX-5 stets die Contenance und belästigt die Insassen nicht mit ungebührlicher Härte oder unruhigem Fahrverhalten. Einzelradaufhängung mit Aluminiumelementen sowie straff abgestimmte Bilstein-Dämpfer in der Sportversion sind das Geheimnis dieser Spaßpackung.

Dass die Karosse bei diesem Treiben keinen einzigen Mucks von sich gibt, zeigt die auch im Detail vorherrschende gute Verarbeitung des MX-5. Selbst Kleinigkeiten, wie die neu gestaltete Heizungsregulierung, sehen nicht nur hochwertig aus, sie fühlen sich auch so an.

Angesichts dieser Qualitäten verblasst Kilometer für Kilometer das bisherige Bild des Tussiflitzers, und ich ertappe mich bei dem Gedanken an die Preisliste. Die 21 000 Euro für den 1,8 Liter spielen dabei keine tragende Rolle, zugegeben. Zu sehr überstrahlt der prächtige Zwei- Liter das Einstiegsmodell – ab 24 500 gibt es den Großen. Wer es mag, kann den Motor auch mit dem neuen Sechsgang-Automatikgetriebe ordern, dessen Gänge auch manuell über zwei Schaltpaddel eingelegt werden können. Puristen werden auf diese Option jedoch ebenso verzichten wie auf das elektrisch betätigte faltbare Hardtop – und sich lieber an dem unverfälschten Fahrvergnügen des traditionsreichen Roadsters erfreuen.

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