Mein Tag beim ADAC Fahrsicherheitstraining in Linthe : Einmal schleudern bitte!

Ein Tag, ein Auto, eine Mission: Beim Pkw-Intensivkurs gehen die Teilnehmer an ihre Grenzen, die eigenen psychischen und die physischen des Autos. Mein Fahrsicherheitstraining beim ADAC in Linthe...

Janine Ziemann
Nicht nur die eigenen Erfahrungen sind lehrreich beim ADAC Fahrsicherheitstraining, auch die Beobachtung der anderen Teilnehmer bringt Erkenntnisse. Je nach Fahrzeugtyp, Bereifung und Alter reagiert jedes Auto sehr unterschiedlich.
Nicht nur die eigenen Erfahrungen sind lehrreich beim ADAC Fahrsicherheitstraining, auch die Beobachtung der anderen Teilnehmer...Foto: Manuela Mehnert

Fahrsicherheitstraining - das klingt furchtbar öde. Zudem weckt es lästige Erinnerungen an meine Führerscheinzeit. Wenn ich montags früh vor der Arbeit in den nagelneuen Golf IV stieg, begrüßte mich die Lehrerin mit den Worten "Rücken gerade! Beide Hände ans Steuer!" Geholfen hat es nichts. Bis heute liebe ich es, mich in den Sitz zu lümmeln - Rückenlehne in Halbschlafposition, rechte Hand am Schaltknüppel. Bei gutem Wetter hängt außerdem der linke Ellenbogen aus dem Fenster. Eh klar, oder? Doch auf dem Heimweg vom ADAC Intensivkurs war meine Sitzposition aufrecht, beide Hände brav am Steuer – ganz freiwillig! Der Tag brachte noch weitere Einsichten, aber fangen wir von vorne an…

Neun Uhr morgens, ADAC Fahrsicherheitszentrum in Linthe: Etwas abgehetzt stehe im Foyer, denn der Bahnstreik hat die Straßen verstopft, sodass ich das letzte Stück Autobahn mit zweihundert Sachen zurücklegen musste, um noch rechtzeitig anzukommen. Schon taucht eine junge Frau auf und ruft über die herumlungernden Köpfe hinweg: "Pkw-Intensivkurs!" Nach und nach erheben sich meine Mitstreiter. Die Trainerin, Sofie D., führt uns in einen kleinen Seminarraum im ersten Stock. Wir haben Glück, manchmal sind es zehn oder zwölf Leute pro Kurs, wir sind heute nur zu sechst. "Das wird ein intensiver Intensivkurs", denke ich, während ich damit beschäftigt bin, möglichst wenig von meinem Cappuccino auf der Treppe zu verschütten. Bis 18 Uhr abends werden wir hier unsere Grenzen austesten - physisch wie psychisch - und lernen, was im Ernstfall zu tun ist.

Die Begrüßungsrunde macht sofort klar: Hier sind nicht nur alle Altersgruppen und Fahrzeugtypen vertreten, sondern auch die unterschiedlichsten Beweggründe für die Teilnahme am Training. "Ich hab mich für den Kurs zum zweiten Mal angemeldet, um mein ein Jahr alten Toyota Verso besser bei Gefahrensituationen kennenzulernen“, erklärt Peter W. (71 Jahre) seine Anwesenheit. Auch Ulrich R. (54 Jahre), der einen Gutschein gewonnen hat, wollte das Training mit seinem Neuwagen absolvieren und hat ihn daher gezielt aufgehoben. Der 54-Jährige möchte am nächsten Tag in die Steiermark aufbrechen und sich vorher etwas besser vertraut machen mit seinem neuen Polo. So pragmatisch sehen das nicht alle. Martin S. (20 Jahre) möchte einfach „möglichst viel Spaß haben mit den letzten Millimetern Profil vor dem geplanten Reifenwechsel“ und Christin S. (25 Jahre), die zum zweiten Mal dabei ist, sammelt Stempel für ihr Trainingsbuch, denn sie hat es auf das Drift-Training abgesehen. Dafür setzt der ADAC einige Grundlagenkurse voraus.

25 Hektar im Dienst der Fahrsicherheit: Das ADAC-Gelände in Linthe bietet zahlreiche Trainings für Anfänger und Fortgeschrittene an - darunter auch Spezialkurse für Offroad, Driften oder Motorradfahren.
25 Hektar im Dienst der Fahrsicherheit: Das ADAC-Gelände in Linthe bietet zahlreiche Trainings für Anfänger und Fortgeschrittene...Foto: Manuela Mehnert

Ich bin zum ersten Mal dabei und fahre einen Mazda MX-5 mit Allwetterreifen. Beides schon ordentlich in die Jahre gekommen. Der Wagen hat zwölf Jahre auf dem Buckel, die Reifen fast vier. Noch ein weiter Teilnehmer hat Ganzjahresreifen drauf, aber funkelnagelneue. Der Rest ist mit Sommerreifen von zwei bis fünf Millimetern Profil angerückt "Wie schön, da haben wir ja fast alles vertreten. Wir werden später die Unterschiede ganz deutlich sehen, vor allem auf nasser Fahrbahn", freut sich die Trainerin. Na, das kann ja lustig werden. Wir bekommen jeder ein Funkgerät, damit die Trainerin uns während der Fahrt Anweisungen durchgeben kann. Also dann, auf in die erste Runde!

Mit Tempo durch den Hütchen-Parcours

Unsere erste Station trägt den nüchternen Namen "Multifunktionsfläche". Hier hat Sofie eine lange Reihe Hütchen aufgebaut. Die ersten Slaloms fahren wir "frei Schnauze", möglichst nah an den Pylonen vorbei. Dabei gibt uns Sofie per Funk verschiedene Anweisungen: "Achten Sie mal auf die Position Ihrer Hände am Lenkrad", "Was macht Ihr Oberkörper, wenn Sie in die Kurven gehen?" oder "Wohin geht ihr Blick, während Sie um die Hütchen fahren?". Ich komme gerade mal auf 40 km/h, da geht mein Roadster schon ordentlich in die Knie. Bei der Zwischenbesprechung erfahren wir, wie es besser geht.

Die endlose Kurve: Halb trocken, halb nass können die Teilnehmer in der Kreisbahn herausfinden, was ihre Wohlfühlgeschwindigkeit ist und wann der Wagen aus der Kurve fliegt.
Die endlose Kurve: Halb trocken, halb nass können die Teilnehmer in der Kreisbahn herausfinden, was ihre Wohlfühlgeschwindigkeit...Foto: Manuela Mehnert

Dass man bei korrekter Positionierung der Hände „auf drei und neun Uhr“ am meisten Spielraum beim Lenken hat, ist für viele nichts Neues. Aber als Sofie dann erklärt, dass ein aufplatzender Airbag den Arm mit mindestens 300 Sachen ins Gesicht des Fahrers schleudert, wenn die Hände lässig auf zwölf Uhr oder über Kreuz postiert sind, müssen doch alle Teilnehmer schlucken. Allen voran Christin und ich, die es sich im Auto gerne so einrichten wie auch der Couch daheim.

Wir erfahren auch, dass unser Auto tendenziell immer dorthin fährt, wo wir hinschauen. Studien hätten erwiesen, dass viele Unfälle, besonders Baumkollisionen auf Alleen vermieden werden könnten, wenn der Blick die Lücke, statt den Baumstamm fixieren würde. Und auch an der Sitzhaltung wird gefeilt. Die Rückenlehne etwas aufrechter, den Sitz näher ans Lenkrad und den Allerwertesten ordentlich in den Sitz pressen - so lautet der professionelle Rat. Wir sollen ruhig etwas übertreiben, um ein besseres Gefühl für den Wagen zu bekommen. Wirklich erstaunlich, wie viel schneller, ruhiger und enger die ganze Truppe im zweiten Durchlauf um die Hütchen schwenkt – und das auch noch wesentlich schneller.

Richtig in die Eisen steigen

Leicht durchgeschunkelt geht es an die wohl elementarste Übung für jeden Autofahrer: Die korrekte Vollbremsung. Das kann doch jeder, oder? Wir werden eines Besseren belehrt. Erst nach drei bis vier Übungsdurchläufen trauen sich alle Teilnehmer, richtig in die Eisen zu steigen. Das heißt: beide Füße mit Karacho gleichzeitig auf Kupplung und Bremspedal stemmen - und vor allem drauf bleiben bis das Auto vollständig zum Stehen gekommen ist. Wir steigern uns von Runde zu Runde und sind erstaunt, dass der Bremsweg im letzten Durchlauf nicht mal fünf Meter beträgt. Das kann im Ernstfall entscheidend sein.

Beim plötzlichen Ausweichen auf nasser Fahrbahn heißt es vorsichtig lenken, sonst dreht der Wagen fröhliche Pirouetten.
Beim plötzlichen Ausweichen auf nasser Fahrbahn heißt es vorsichtig lenken, sonst dreht der Wagen fröhliche Pirouetten.Foto: Manuela Mehnert

Das ganze Prozedere wiederholen wir anschließend auf nasser Straße mit Gummibelag. Da sieht die Sache schon ganz anders aus. Hier macht sich die Qualität der Reifen krass bemerkbar. Einige Teilnehmer rutschen fast 40 Meter weit, au Backe! Dank der Ganzjahresreifen sind es bei mir rund 20 Meter, aber erst nach einigen Übungsrunden.

Grenzerfahrung in der Endloskurve

Bei der Endloskurve kommen Fahrer und Fahrzeug an ihre Grenzen, wenn es gilt, so schnell wie möglich im Kreis zu fahren. Zunächst testen wir unsere "Wohlfühlgeschwindigkeit". Die liegt bei allen Teilnehmern zwischen 32 und 40 km/h. Dann geben wir Gas und erproben, wann das Heck ausbricht oder das Auto aus der Kurve fliegt. Ehrgeizig schmeißen wir uns in die Runden. Aber da ist nicht viel drin. Kaum zu glauben, dass zwischen Wohlfühlen und Kontrollverlust nur weniger als 5 km/h liegen - und das völlig unanhängig vom Fahrzeugtyp!

Vollbremsung in der Kurve

"Was passiert bei einer Vollbremsung in der Kurve?" fragt Sofie nach der Mittagspause in die Runde. Ratlose Gesichter machen breit. "Da bricht das Heck aus?" spekulieren einige. Wir werden es gleich selbst erfahren, zunächst auf festem Grip, später auf nassem Gummibelag. Frisch gestärkt vom Kantinenessen versuche ich mir die Tipps vom Vormittag in Erinnerung zu rufen. Und siehe da - in der Kurve lässt es sich genauso vollbremsen, wie auf gerader Strecke. Nur das Gegenlenken will wohl dosiert sein - gerade auf rutschiger Fahrbahn. Mein Mazda hat kein ESP, daher macht mein Heck schon bei 40 km/h, was es will. Spaß macht es trotzdem, oder gerade deswegen!

Zum Schluss gibt es ein Gruppenfoto. Erschöpft, aber glücklich verlassen wir das ADAC Fahrsicherheitszentrum in Linthe - mit dem Gefühl, für den Ernstfall besser gerüstet zu sein.
Zum Schluss gibt es ein Gruppenfoto. Erschöpft, aber glücklich verlassen wir das ADAC Fahrsicherheitszentrum in Linthe - mit dem...Foto: Manuela Mehnert

Schleuderspaß auf der Dynamikplatte

Zum krönenden Abschluss des Tages dürfen wir noch einmal ordentlich schlittern. Sofie lässt per Knopfdruck Wasserfontänen vor uns aus der Fahrbahn schießen. Jetzt heißt es in Sekundenbruchteilen zu reagieren. Doch kräftiges Lenken ist dabei fatal - sofort dreht sich der Wagen um die eigene Achse. Dann helfen auch keine technischen Helferlein wie ESP und Co mehr. Doch nach einigen Runden machen wir Fortschritte, nur noch selten dreht sich ein Wagen im Kreis.

Gerade als wir die Sache ein wenig verinnerlicht haben, müssen wir wieder umdenken. Wir fahren über die "Dynamikplatte", die durch einen kurzen Ruck das Heck zum ausbrechen bringt. Hier gilt das Gegenteil: Wer nicht sofort bis zum Anschlag gegenlenkt, hat verloren - dann hilft nur noch eins: die Vollbremsung. Der Reihe nach drehen wir fröhliche Pirouetten. Doch als ich es schließlich schaffe das Auto einzufangen, bin ich ganz stolz und strahle übers ganze Gesicht.

Der Tag war anstrengend, das merke ich hinterher erst richtig. Große Lust auf die 40-minütige Rückfahrt nach Berlin habe ich nicht. Aber ich fahre mit dem guten Gefühl nach Hause, mit meinem Mazda besser vertraut und für den Ernstfall besser gerüstet zu sein.

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