Mercedes CLC : Der Junge mit der großen Klappe

Heute bringt Mercedes den überarbeiteten CLC zu den Händlern. Das Design ist neu, aber unterm Blech steckt die alte C-Klasse. Interessant ist das Sportcoupé trotzdem – denn mit ihm wollen die Stuttgarter endlich auch Mitdreißiger für die Marke gewinnen.

Susanne Leimstoll
Mercedes CLC
Der neue Mercedes CLC verabschiedet sich vom Vier-Augen-Gesicht. -Foto: Promo

Die anderen haben sie sowieso schon auf ihrer Seite, die eher Konservativen, die ein deutsches Statussymbol fahren wollen: die raumgreifende Limousine, das Sicherheitspaket mit Stil, die noble Karosse, die, bodenständig-elegant, nicht angeberisch wirkt, nie modisch-kurzlebig, sondern von richtungsweisendem Design. Sie haben sie sicher, die Besserverdiener, die sich irgendwann den Klassiker gönnen, weil sie ihn sich nach ein paar Jahren Erfolgsjob eben leisten können oder ordentlich was zurückgelegt haben. Aber die Jungen, Mensch, wo bleiben die Jungen? „Jung, das hieß bei uns doch bisher vierzig plus“, seufzt Mercedes Produktmanager Andreas Heidl.

Modern soll er sein!

Mercedes hat die Nase voll davon, dass die sportlich-dynamischen Aufsteiger der Dreißig-plus-Generation in diesem Land glauben, sie müssten 1er BMW oder Audi A3 fahren. Der Konzern aus dem Ländle der Tüftler will neue Käuferschichten erobern, kontert jetzt mit großer Klappe – und bewirbt sein kleines Sportcoupé als „neuen Stern“. Damit riskiert der Hersteller beim CLC eine dicke Lippe: Offensichtlich wurscht, dass es sich lediglich um die mit 1100 neuen Teilen optisch und technisch aufgemotzte Variante der alten C-Klasse handelt. Denn der „Neue“ – das letzte C steht für Compact – mogelt unterm Blech mit vielen Details vom Vorgänger: Plattform, Cockpit, Motoren. Aber das neue Design-Kleidchen täuscht prima drüber hinweg: Es zeigt eine kantigere Linie, ein neues Gesicht, ein markantes Hinterteil.

Aus mindestens zwei weiteren Gründen könnte der Eyecatcher tatsächlich das Modell für Mercedes-Neueinsteiger werden: Er ist erschwinglich, da in Brasilien produziert und, zumindest in der Diesel-Variante, sparsamer als seine Vorgänger. 200 CDI und die beiden Benziner 180 und 200 Kompressor kosten in der Standardausführung 28 113 bzw. 19 601 Euro, also etwa 3000 Euro weniger als die vergleichbare C-Limousine. Der 200 CDI verbraucht 5,8 Liter auf 100 Kilometer, etwa zehn Prozent weniger als das Vorgängermodell.

Schon das bisherige C-Klasse Sportcoupé hatte es geschafft, Neukunden einzufangen. Zwei von drei Käufern, behauptet Mercedes, habe man von der Konkurrenz abgeworben. Und, noch schöner für den Konzern: Mehr als zwei Drittel seien treu geblieben und später auf größere, teurere Modelle umgestiegen. Die Eroberungsrate von 70 Prozent will man mit dem Neuen halten, besser: steigern. Seit 2001 verkaufte sich das Coupé weltweit 320 000 mal. Das haut keinen um, da muss noch was ran. Wie gesagt, was Jüngeres. Wie in Spanien oder Frankreich: Dort entscheiden sich 35-Jährige für den sportlichen Mercedes. Männer natürlich. Denn der CLC ist ein Auto für Jungs.

Schnittig soll er sein!

Auf der Fashion-Week Berlin hatte das Sportcoupé seinen ersten Auftritt: Model Eva Padberg spielte wasserstoffblonde Patin, räkelt sich jetzt in der Werbung in rotem Chiffon auf schwarzer Kühlerhaube oder darf auf dem Beifahrersitz Smokey Eyes machen. Denn hinterm Steuer sitzt der Beau mit Gel im Haar. „Mercedes baut keine Autos für Frauen“, sagt Produktmanagerin Silke Kauer. Aber in verschiedenen Stadien des Entwicklungsprozesses würden Frauen befragt. „50 Prozent muss es gefallen.“ Das kommt dann nämlich auch gut bei Männern. Beispiel: der breite Lufteinlass unterm Kühler. Schön sportlich. „Frauen finden das stark“ – und ihren Süßen damit noch stärker.
Wer braucht schon weibliche Formen am Auto? Die haben die Designer beim 4,45 Meter kurzen Zweitürer beseitigt und durch harte Kanten, konkave und konvexe Flächen à la S-Klasse ersetzt. Dazu ein aufgebocktes Hinterteil, eine spitz zulaufende Front – „Pfeilung“ nennen Fachleute sowas. Der ganze Wagen strebt nach vorn, als konzentriere er sich auf den Startschuss für den Langstrecken-Sprint. Ein geduckter Ungeduldiger, der auf die eine, kleine Initialzündung wartet. „Schauen Sie mal“, sagt Uwe Haller, Typprojektleiter fürs CLC-Design bei der Präsentation ganz aufgeregt und malt begeistert Striche auf den Block, „keine Stelle bleibt parallel, sondern zielt auf die mittlere Line.“ Der dynamische Karosserie-Knick beginnt an der unteren Lamellenleiste der Motorhaube und taucht auch am Heck wieder auf. Selbst die Chromzierleiste, die sich ums Fahrzeug zieht, fällt leicht nach unten. Der kleine Wilde hat das Gesicht der neuen C-Modelle. Tschüs Vierauge, die Scheinwerfer geben einem, Braue gesenkt, den Hoppla-jetzt-komm- ich-Blick. Und auch der fette Stern im Kühlergrill schreit: Baby, it’s me! Das angehobene Heck ist seinen Spoiler los, klaut sich mit dem Diffusor im Stoßfänger etwas von seinen Sportwagen-Brüdern, passt aber trotz der hübsch breit in die Heckklappe gezogenen Leuchten leider auch gut nach SO 36: Wahre sportliche Dezenz hätte auf die rot blinkende Leuchtdiodenreihe als drittes Bremslicht verzichtet. Mediterrane Weihnachtsbeleuchtung muss nicht wirklich sein.

Sportlich soll er sein!

Wer sich im Fitness-Studio nicht die Oberarm-Muckis antrainiert hat, die dieses Einskommafünftonnen-Sportcoupé um die Kurven wuchten könnten, investiert lieber gleich 2196 Euro ins Sportpaket. Das macht den CLC mit 18-Zoll-Felgen, Breitreifen, tiefer gelegter Karosserie, dunklen Zierleisten, Rauchglas-Scheinwerfern nicht nur hübscher, sondern vor allem gefügig. Mit der neuen Direktlenkung, einer variablen, auf den Lenkwinkel abgestimmten Zahnstangenübersetzung, lassen sich Haarnadelkurven praktisch einhändig meistern. Je enger die Kehre, desto direkter spricht sie an. Es gibt keine großen Lenkbewegungen, das Auto reagiert nett agil. Für das Kind im Manne hat die Sportvariante noch was zum Spielen: Tacho und Drehzahlmesser sind mit Rennflaggen-Karo unterlegt und mit dem Einschalten der Zündung rotieren die Zeiger erst einmal um die gesamte Skala, ehe sie in die Startposition gehen und man die genoppten Pedale aus Edelstahl durchtritt.

Echte Rennfahrer werden auch beim Bedienen der wie schon beim Vorgängermodell hakenden manuellen Sechsgang-Schaltung nicht hektisch, lassen von vornherein 2150 Euro für die Automatik springen oder 2250 Euro für die Siebengang-Automatik im Sechzylinder-Benziner. Am Fahrwerk werden sie Spaß haben. Das ist straff, gut gedämpft und lässt einen spüren: Mich haut so leicht nichts aus der Kurve.

Wer auf den CLC steht, findet bei der Motorisierung sicher was Passendes: Vier Vier- und zwei Sechzylinder von 122 bis 272 PS (Benziner 143 bis 272, Diesel 122 bis 150 PS) stehen zur Wahl. Der schnellste ist in 6,3 Sekunden auf 100 und fährt 250 Spitze. Die großen Sparer sind die Benziner alle nicht – wir reden hier schließlich von sportlichen Autos. Der 200 Kompressor mit 184 PS und 235 Kilometern Spitze schluckt acht Liter, wenn man ihn nicht fährt als sei man Häkinnens Werbespot-Frau. Wem das Innendesign – immerhin gibt es farblich außer der Kombination grau-schwarz auch noch einen dunklen Cognacton – nicht zu langweilig, weil schwäbisch solide ist, hat Lust, etwas Zeit mit dem CLC zu verbringen. Dank gut konturierter Sportsitze drückt nichts.

Großzügig soll er sein!

Nur Sportwagen sind eng, ein Sportcoupé hat Platz. Vorne. Da macht der CLC keine Ausnahme. Den Rücksitz sollten Erwachsene von mehr als 1,75 Metern Größe meiden, außer sie nutzen die gut ausgebaute Breite im Fond und legen sich quer. Dann muss man nicht mal die Beine anhocken oder den vom niedrigen Himmel bedrohten Kopf einziehen oder kann alternativ durch das für 1713 Euro zugekaufte Panorama-Glasdach gucken. Die Easy-Entry-Sitze lassen einen gut rein, und ein sportlicher Fahrer hilft einem danach wieder raus. Vorausgesetzt, er hat das Coupé trotz der Guckloch-Heckscheibe vorschriftsmäßig abstellen können – vermutlich dank Parctronic für 821 Euro. So viel zum Thema Großzügigkeit. Fast. Denn der CLC mutiert dann zum Platzwunder, wenn man lästige Mitfahrer draußen lässt und die Rückbank umklappt. Der Junge mit der großen Heckklappe bietet dann 1100 Liter Fassungsvermögen. Platz für Gepäck und Golfausrüstung des Fahrers – und den Schrankkoffer von Eva Padberg.

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