Mercedes E-Klasse : Auf dem Weg zum Autopilot

Die neue Mercedes E-Klasse ist das Technologie-Highlight im schwäbischen Modell-Fuhrpark – vorausgesetzt, man hat das Geld dafür. Mit vielen Assistenten geht es einen großen Schritt in Richtung autonomes Fahren.

Frank Wald
Achtung, Auto denkt mit! Die E-Klasse bündelt auf kluge Weise eine Vielzahl von Assistenzsystemen zum Auto-Piloten. Der Fahrer muss aber mit regelmäßigen Tastenbefehlen signalisieren, dass er noch bei der Sache ist – sonst bremst der Wagen bis zum Stillstand.
Achtung, Auto denkt mit! Die E-Klasse bündelt auf kluge Weise eine Vielzahl von Assistenzsystemen zum Auto-Piloten. Der Fahrer...Foto: Promo

Große Sprüche hat das Mercedes-Marketing („Das Beste oder nichts“) immer schon geklopft, wenn es um die Modelle mit dem Stern ging. Die neue E-Klasse, die am 9. April zu Preisen ab 45 303 Euro (E 200) beim Händler steht, haben die schwäbischen Wortdrechsler nun zu einem „Meisterstück der Intelligenz“ erkoren. Gemeint ist damit vor allem die clevere Kopplung bekannter und neuer Assistenz- und Sicherheitssysteme, mit denen die zehnte Generation des Business-Bestsellers nun fast von alleine fahren kann. „Damit geht die neue E-Klasse den nächsten großen Schritt in Richtung autonomes Fahren“, sagt Mercedes-Vertriebsvorstand Ola Källenius.

Eines der Highlights ist der sogenannte „Drive Pilot“, eine Kombination aus dem Abstandstempomat Distronic und den aktiven Spurhalte- und Spurwechselassistenten. So sperrig die Bezeichnungen, so einfach ist deren Bedienung. Zweimal am Stockhebel hinterm Lenkrad gezogen und der Wagen stellt auf Autopilot. Bis Tempo 210 folgt er nun stur der Spur, ob geradeaus oder leicht kurvig, hängt sich an den vorausfahrenden Wagen, bleibt auf gesetzeskonformem Abstand und überholt sogar selbstständig, sobald der Blinker gesetzt wird und die Nebenspur frei ist. Bis 130 km/h soll das sogar alles funktionieren, wenn die Spuren nicht eindeutig liniert sind. Und ist das Comand Online System mit Navigation und Verkehrszeichenerkennung an Bord, bremst oder beschleunigt das System auch noch gemäß der registrierten Tempolimits.

In der Praxis funktioniert das System schon nahezu perfekt, auch wenn es hie und da nicht immer so eindeutig reagierte, als dass man ihm vollkommen vertrauen und die Hände in den Schoß legen könnte. Soll man aber auch gar nicht. Eine Hand muss immer am Lenkrad bleiben oder die Smartphone-ähnlichen Touch-Control-Wischtasten darauf streicheln, damit das System weiß, dass der Fahrer noch bei der Sache ist. Ist er das nicht, greift nach mehreren Warnstufen der aktive Nothalteassistent ein und bremst das Auto notfalls bis in den Stillstand runter. „Die Kontrolle und die Verantwortung hat nach wie vor der Fahrer“, sagt E-Klasse-Produktmanager Martin Hülder, „aber wir entlasten damit den Vielfahrer und machen das routinierte Fahren sicherer.“ Dabei helfen ebenso die Totwinkel- und Ausweich-Lenkassistenten, die wie von Geisterhand nicht durch Lenkeingriffe, sondern durch gezielt einseitiges Bremsen den Wagen aus der drohenden Frontal- oder Seitenkollision manövrieren.

Automatischer Ein- und Ausparkroboter

Kaum weniger verblüffend funktioniert der automatische Ein- und Ausparkroboter. Zwar kann auch BMW seinen neuen 7er schon mit einem Druck auf den Schlüssel vor- und zurückrollen lassen. Mercedes nutzt hier jedoch das Smartphone als digitalen Autoschlüssel und via App dessen Display als Bedienfeld. Mit kreiselndem Daumen darauf startet man den Wagen und gibt ihm die Richtung vor. Das Auto legt anschließend selbstständig den entsprechenden Gang ein und bugsiert sich selbst, inklusive kleiner Lenkkorrekturen, aus Garage oder Parklücke. Das funktioniert auch, wenn der automatische Parkdetektor eine Lücke im quer parkenden Verkehr entdeckt hat, die zu schmal zum Aussteigen wäre. Einfach aussteigen und den Wagen per Handy in die Parkbucht „kreiseln“ lassen.

Schick und schlau: Der Innenraum der E-Klasse.
Schick und schlau: Der Innenraum der E-Klasse.Foto: Promo

Selbstverständlich lässt sich Mercedes die intelligenten Meisterstücke bezahlen. Ab Werk gibt es nur den Müdigkeitswarner, Brems- und Seitenwindassistenten sowie das Pre-Safe-Insassenschutzsystem. Der Drive-Pilot hingegen ist nur als Element des Fahrassistenz-Pakets für mindestens 2 261 Euro zu haben, plus 3773 Euro extra, wenn auch noch das Comand-Online-System dabei sein soll. Und auch den Remote-Park-Pilot gibt es nur im Paket mit 360-Grad-Kamera für 1726 Euro plus Umrüstung auf den digitalen Handy-Autoschlüssel (119 Euro). Und damit hat man nur einen winzigen Teil der 63 Seiten langen Ausstattungsliste angekreuzt.

Darin sind auch die beiden jeweils 12,3 Zoll großen Multimedia-Displays in HD-Qualität (1012 Euro) zu finden, die beim Start beinahe den gesamten Armaturenträger wie ein Breitwand-Kino illuminieren. In der serienmäßigen Mietwagen- und Taxiversion fällt das Cockpit dagegen mit Audiosystem und 8,3-Zoll-Display sehr viel nüchterner aus. Immerhin, ein Dreispeichen-Multifunktionslenkrad in Nappa-Leder, schlüsselloses Starten, Klimaautomatik und elektrisch verstellbare Vordersitze sind Serie. Vorne sitzt es sich Business-Class-typisch ausgezeichnet, hinten werden Bein- und Bewegungsfreiheit schon etwas eingeschränkt. Was verwundert – ist die neue E-Klasse gegenüber dem Vorgänger doch um gut vier Zentimeter auf 4,92 Meter und beim Radstand sogar um 6,5 Zentimeter gestreckt. Das Kofferraumvolumen immerhin fasst ordentliche 540 Liter.

Erste Version einer neuen Mercedes Dieselgeneration

Bei all den neuen Technikfeatures tritt das Fahren fast schon ein wenig in den Hintergrund. Nicht zuletzt, weil es so unaufgeregt und selbstverständlich passiert. Mittelfristig soll es ein gutes Dutzend Motoren geben, vom Basismodell E 200 mit 184-PS-Benziner über eine Plug-in-Hybrid-Version E 350 e mit 30 Kilometer elektrischer Reichweite bis zu den V6-Modellen E 400 4Matic mit 333 PS oder dem E 350 d mit 258 PS sowie den AMG-Sportlern, die im Herbst mit der Kombi-Variante folgen sollen.

Genug Platz für die Beifahrer auch auf den Rücksitzen.
Genug Platz für die Beifahrer auch auf den Rücksitzen.Foto: Promo

Die interessanteste Neuheit – und der heiße Tipp für alle Firmen- und Flottenfahrer – ist der E 220 d (ab 47 124 Euro) mit der ersten Version einer neuen Mercedes-Dieselgeneration. Der 194 PS starke 2-Liter-Vierzylinder beeindruckt mit Leichtfüßigkeit und Laufruhe. Satte 400 Newtonmeter Drehmoment schon ab 1600 Touren sorgen für einen mächtigen Schub in allen Fahrsituationen. Und wenn er will, drückt der Selbstzünder den 1680-Kilo-Benz in 7,3 Sekunden auf Tempo 100. Auffallend ist dabei die für einen Diesel ungewöhnliche Stille im Auto, sicher nicht zuletzt auch der vorbildlichen Aerodynamik geschuldet. Nicht weniger zum entspannten wie komfortablen Gleiten verführt die stets ab Werk verbaute 9G-Tronic-Automatik, die unmerklich, seidenweich und schnell ihre neun Stufen der jeweiligen Fahrsituation anpasst. Und auch eine fünfstufige Fahrprogrammauswahl ist serienmäßig an Bord, die zumindest im E 220 d nach dem Comfort- oder Eco-Modus ruft. Hier zeigt der neue Diesel eine weitere Stärke: 3,9 Liter Sprit auf 100 Kilometer nach Norm oder 102 Gramm CO2-Ausstoß pro Kilometer hat Mercedes aufs Datenblatt geschrieben, auf unserem Bordcomputer waren es 5,8 Liter. Nicht schlecht.

Die Mehrfahrgelegenheit - Carsharing in Berlin


Carsharing gilt als Verkehrskonzept der Zukunft, in Berlin wächst das Angebot rasant. Die einen macht die neue Ich-Mobilität glücklich, andere reich, manche wütend. Begegnungen mit Pionieren und Kritikern - und eine Datenanalyse mit vielen interaktiven Grafiken.

Mehrfahrgelegenheit –
ein Projekt von MEHR BERLIN

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben