Mercedes E-Klasse-Cabrio : Maß mancher Dinge

Das E-Klasse Cabrio ist ein gutes Auto, keine Frage – und doch sollte man nicht alle Versprechungen für bare Münze nehmen.

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Offenbar sind die Marketingleute von Mercedes mal bei Modedesignern fremdgegangen und sogar zu Poeten geworden: Sie schwärmen von einem offenen Auto, in dem sich Passagiere dank Mütze und Rollkragen sowie eingebautem Schal wie in einem „Warmluftsee“ fühlen dürfen. Wie bitte? Nein, es geht hier nicht um die neueste Wintermode, sondern um technische Neuerungen. Denn es war ja schon immer so, dass ein neues Auto stets etwas Besonderes bieten muss. Also mutiert dieses Cabrio zum perfekten Allwettermobil für „vier Jahreszeiten, vier Personen“. Deshalb ist das Stoffverdeck 23,5 Millimeter dick, absolut winterfest, und es schirmt die laute Welt wirksam ab. Stimmt!

Bei der Vorstellung des Neulings schneite es, und es war saukalt. Eine Herausforderung für Mütze, Rollkragen und Schal – gemeint sind damit a) die „Weltneuheit“ Aircap, b) das zwischen den Fondkopfstützen integrierte hochfahrbare Windschott und c) die weiterentwickelte Nackenheizung Airscarf mit nun beweglichen Ausströmern. Alles zusammen kostet schlappe 4236 Euro und soll im Auto eben jenen Warmluftsee auch an kalten Tagen erzeugen. Theoretisch. Die erste Reihe fühlt sich zweifelsohne wohl. Auch bei kurz über null Grad und bei Tempo 120. Da funktioniert der Trick, wenn der elektrisch ausfahrbare Spoiler im Frontscheibenrahmen den Luftstrom über die Köpfe hinweg leitet. Vorausgesetzt, die Seitenscheiben sind hochgefahren. Da die Klimaautomatik „weiß“, ob der Fahrer geschlossen, offen oder offen mit Aircap fährt, kann sie den Luftstrom entsprechend regeln. Etwas für Warmduscher zwar, aber das macht schon Spaß. Auf den ausfahrbaren Spoiler hat Mercedes 20 Patente angemeldet; aber VW hat einen ähnlichen (allerdings handbetriebenen) Spoiler schon 2006 auf den Markt gebracht – im Eos.

Die hinten Sitzenden profitieren weniger von der Erfindung: Bis Tempo 80 lächeln die Harten noch tapfer, ab 100 ist aber auch für sie Schluss mit lustig. Bitte anhalten! Trotz schlauer Technik zieht es im Fond des großen Wagens wie Hechtsuppe. Wer hier Freunde mitnimmt, sollte nicht zu sehr auf die Pauke hauen. Zumal sich ein überraschender Umstand hinzugesellt: unschöne Enge. Vier Personen? Das ist nur die halbe Wahrheit. Mit seiner Länge von 4,70 Meter – damit 17 Zentimeter kürzer als die Limousine – ist das E-Klasse Cabrio zwar das größte, auch offen zu fahrende deutsche Auto. Aber nur auf dem Papier. Um das Hinterteil schön elegant formen zu können, rutschte ein Teil der aufwendigen Mechanik des Verdeckkastens nach vorn. Und weil das Cabrio so breit wie die Limousine ist, gibt’s im Fond gut zehn Zentimeter weniger Ellenbogenfreiheit. Und so zwickt es eben auf den hinteren Plätzen. Das neue Modell stößt hier an seine Grenzen.

Uneingeschränkt Freude kommt beim Fahren auf, denn auch das Cabrio verfügt über die exzellenten Gene der E-Klasse Limousine. Und so fährt sich die offene Variante trotz ihrer Länge erfrischend handlich. Die straffe Federung gibt sich verbindlich, die exakte Lenkung mitteilsam und die Euro-5-Triebwerke sind ebenso kräftig wie leise. Selbst auf Holperpisten wirkt der offene Viersitzer so unerschütterlich steif, als sei er wie ein MacBook aus dem Vollen gefräst worden. Da ist es wieder, das beruhigende Mercedes-Gefühl: Ich bin zu Hause.

Doch um so weit zu gelangen, müssen viele große Scheine den Besitzer wechseln. Da ist die rollende Sonnenbank ebenfalls ein echter Mercedes: Weil viele der attraktiven Dinge, die das Leben in diesem Cabrio erst so richtig schön machen, vergleichsweise teuer sind, erreicht der tatsächliche Kaufpreis schnell schwindelerregende Höhen. Und so dürfte der neue Stern im jungen Frühling viel rarer sein, als die ersten vorwitzigen Krokusse, die sich schon an die Sonne trauen.

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