Mercedes E-Klasse und Volvo V90 : Kombis gegen den Trend

Einfach mal die SUV-Welle ignorieren: Mit dem Mercedes E-Klasse T-Modell und dem Volvo V90 kommen zwei gelungene Kombis auf den Markt.

Peter Maahn
Die Linie macht’s: Lifestyle ist angesagt beim Mercedes T-Modell.
Die Linie macht’s: Lifestyle ist angesagt beim Mercedes T-Modell.Foto: Promo

Der SUV-Boom ist ungebrochen. Mercedes freut sich über einen Verkaufszuwachs der hochbeinigen Mobile von 45 Prozent in den ersten fünf Monaten dieses Jahres, Volvo hat seinen großen und teuren XC 90 hierzulande schon über 10.000-mal verkauft. Dennoch halten die rivalisierenden Premiummarken an einer oft totgesagten Spezies von Autos fest. Beide stellten jetzt ihre neuen Riesen-Kombis vor.

Nur knapp ein Vierteljahr nach dem Start der E-Klasse-Limousine folgt schon das T-Modell, wie Mercedes seine Kombis zumindest in Deutschland immer noch nennt. Vor genau 39 Jahren stand das „T“ einmal für „Transport“ und „Tourismus“. Attribute, die kein Verkäufer seinen heutigen Kunden noch zumuten würde. Obwohl die Begriffe heute noch gelten.

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Mercedes präsentiert extralange E-Klasse in Peking
Mercedes präsentiert extralange E-Klasse in Peking

Während der 4,93 Meter lange Fünftürer erst im Herbst zu haben ist, konnte sein Pendant aus dem hohen Norden schon gefahren werden. Der brandneue Volvo V90 überragt die E-Klasse um einen Zentimeter, knüpft ebenfalls an eine lange Tradition an. Lange vor Mercedes entdeckten die Schweden die Vorteile der „Kombinationskraftwagen“ und brachten 1953 den PV 445, dessen Limousinen-Schwester der berühmte Buckel-Volvo war. Startschuss zu vielen großen Familienmobilen. Da die eckigen Riesen oft auf den für die Lehrkräfte reservierten Parkplätzen vor deutschen Gymnasien gesichtet werden konnten, hatten diese Volvo schnell den Ruf als „Lehrer-Kombis“ weg.

Heute ist alles anders: Mercedes und Volvo bedienen längst eine andere Klientel. Die meisten T- und V-Modelle gehören zu Firmenfuhrparks, sind beliebt bei besserverdienenden Handelsvertretern für lange Strecken oder dienen als Basis für Kranken- oder Bestattungswagen. Für das gute Viertel an Kunden, das sich ganz privat für mindestens 50.000 Euro ein Fünf-Meter-Schiff in die Garage stellt, steht die Größe des Laderaums nicht mehr im Vordergrund des Interesses. Lifestyle ist angesagt, denn T-Modell und V90 sind schon optisch ein Statement. Flacher als früher, die abfallende Dachlinie soll Dynamik vermitteln, das einst kantige Heck wird vom deutlich angeschrägten Rückfenster geprägt.

Design vor Laderaum

Für beide Neulinge gilt: Das durchaus sportive Design fordert seinen Tribut, wenn es um den Laderaum geht. Die Staufläche im Mercedes schrumpft um 130 Liter, hält mit immer noch beachtlichen 1820 Liter den Bestwert unter den Premiumkombis. Denn der Volvo kommt nur auf 1526 Liter. Doch Peter Mertens, den deutschen Entwicklungschef in schwedischen Diensten, ficht das nicht an. „Wer transportiert heute noch den gerade gekauften Kühlschrank selbst nach Hause. Wir lassen doch inzwischen alles liefern.“ Daraus schließt der Ingenieur, der bei Mercedes einst Projektleiter für die A-Klasse war, dass ein schicker Kombi wie der V90 seinen betuchten Kunden nicht mehr unbedingt als Kleinlaster dienen wird.

Dennoch überzeugen beide Konkurrenten mit pfiffigen Ideen, bei denen es dann doch ums Beladen geht. Elektrisch öffnende Hecktüren, die auch aufs Fußwackeln unter dem hinteren Stoßfänger reagieren, diverse Hilfsmittel wie Teleskopstangen oder Boxen zum sicheren Verstauen, verstellbare Rücksitzlehnen, die beim Volvo zum Beispiel per Knopfdruck nach vorne klappen. Wer sein edles Gefährt zuweilen als Zugmaschine für Pferde- oder Bootsanhänger nutzt, freut sich bei Mercedes über die elektrisch ausfahrbare Anhängerkupplung oder eine neuartige Befestigung für Fahrradträger.

Die meisten der feinen Extras müssen bei beiden Autos extra bezahlt werden. Das gilt auch für die zahllosen Assistenzsysteme. Mercedes spricht wie schon bei der viertürigen E-Klasse vom intelligentesten Auto der Welt, das dank seiner zahlreichen Sensoraugen dem autonomen Fahren immer näher kommt. So kann auch das T-Modell per Smartphone-App ferngesteuert ein- und wieder ausgeparkt werden. Doch die Schweden ziehen nach, auch der V90 bietet eine lange Liste an elektronischen Helfern, die mit Kamera- oder Radaraugen zusammenarbeiten.

Der Volvo V90 ist schon optisch ein Statement. Flacher als früher, die abfallende Dachlinie soll Dynamik vermitteln.
Der Volvo V90 ist schon optisch ein Statement. Flacher als früher, die abfallende Dachlinie soll Dynamik vermitteln.Foto: Promo

Die größten Unterschiede finden sich unter den jeweiligen Motorhauben. Volvo setzt bekanntlich ausschließlich auf Vierzylinder-Triebwerke mit „nur“ zwei Litern Hubraum. Sie leisten als Diesel oder Benziner zwischen 190 und 407 PS, alle mit Achtgang-Automatik. Das stärkste Herz kombiniert einen 320-PS-Benziner mit einem 83 PS starken Elektromotor, verbraucht nach Norm nur 2,7 Liter auf 100 Kilometer und kann 45 Kilometer weit rein elektrisch unterwegs sein. Aufgeladen wird auch an der Steckdose. Solch ein sogenannter Plug-in-Hybrid ist auch für die E-Klasse in Vorbereitung. Derzeit setzt Mercedes auf die bekannten Triebwerke, die schon in der Limousine Dienst tun und nach und nach auf den Markt kommen. Heck- oder Allradantrieb, Vier- bzw. Sechszylindermotoren, Diesel und Benziner, von 150 bis 401 PS. Zum Start ist immer eine Neungang-Automatik an Bord, eine Version mit Schaltgetriebe folgt später.

Wohlfühlen auf Langstrecken

Über die Preise schweigt Mercedes noch, sie werden aber wohl bei etwa 48.000 Euro beginnen. Da der Volvo früher auf den Markt rollt, ist sein Eintrittsgeld kein Geheimnis mehr. V-Fahren mit Frontantrieb und 190 Diesel-PS kostet mindestens 45.800 Euro. Der Allrad-Diesel (235 PS, zwei Turbos plus Kompressor) ist gut 12 000 teurer. Der Preis des Hybrid-Modells steht noch nicht fest.

Beiden Kombis, ob aus Süddeutschland oder Mittelschweden, ist das feine Ambiente gemein. Je nach Bankkonto sorgen edle Materialien, Internetanbindung, Farbmonitore statt klassischer Instrumente, HiFi-Anlagen und vieles mehr fürs Wohlfühlen auf Langstrecken. Und doch droht Ungemach aus der jeweiligen Modellfamilie. Denn die SUV-Modelle beider Konzerne können gar nicht so schnell gebaut wie derzeit verkauft werden.

Der übrigens aus Schweden stammende Mercedes-Vorstand Ola Källenius, demnächst neuer Entwicklungschef bei Daimler, erklärt den Unterschied zwischen den Kundengruppen: „SUV-Fahrer lieben die hohe Sitzposition, die gute Übersicht.“ Wer nach wie vor einen klassischen Kombi bevorzugt, würde sich dagegen über dessen limousinenhaftes Fahrgefühl, die Eleganz und Sportlichkeit freuen. Källenius: „Platz haben aber beide im Überfluss.“

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