Mercedes : Ein Kombi auf Kante

Für das neue T-Modell der C-Klasse propagiert Mercedes Sachlichkeit und praktischen Nutzen.

Kai Kolwitz
Mercedes
C 200 CDI.Foto: Promo

Darf man sagen, dass der Kombi das Sports Utility Vehicle der Neunziger war? Ein bisschen ist das so. Denn in der guten alten Autozeit fuhr man Limousine. Immer. Alle. Coupés waren etwas für Angeber – und ganz weit unten in der automobilen Hierarchie stand der Kombinationskraftwagen. Der war einzig etwas für den selbstständigen Handwerksmeister oder den Metzger mit eigenem Partyservice – und selbst der hatte, wenn das Geld dafür reichte, daneben für das Privatleben noch eine Limo stehen. Ikea gab es in Deutschland schließlich erst ein paar Jahre, für die Urlaubsfahrt wurde getrickst und wenn alles nichts mehr half, kam der Dachträger aufs Auto oder der Anhänger an den Haken.

Doch dann änderte sich das Bild: Nachdem nicht zuletzt Mercedes mit seinen gut ausgestatteten und opulent motorisierten ersten T-Modellen gezeigt hatte, dass ein großes Heck mehr sein konnte als ein Transportmittel für Farbeimer und Schweinehälften, ergoss sich ab Mitte der achtziger Jahre eine wahre Flut von Edel-Kombis auf den Markt: BMW, Audi, Alfa, Saab – alle wollten mittun in dem Segment, das die Welt auf einmal als cool erkannt hatte.

Binnen kurzem führte das dazu, dass man nicht unbedingt etwas zu transportieren haben musste, um sich für Avant, Touring oder T zu entscheiden – so wie man heute kein Revierförster sein muss, um im Geländewagen durch die City zu cruisen. Das dicke Heck war sexy. Und weil das so war, setzten die Hersteller im Design zunehmend auf Lifestyle statt auf Transportkapazität, bis es schließlich Kombis zu kaufen gab, die zumindest ohne umgelegte Bank keinen Liter mehr Ladevolumen zu bieten hatten als die Limousine, von der sie abgeleitet waren.

Warum wir Ihnen das erzählen? Weil Mercedes im Zuge der Entwicklung des neuen T-Modells der C-Klasse das Ende des Lifestyle-Kombi-Booms erkannt haben will. Wer nur gut aussehen will, sei inzwischen sowieso im SUV unterwegs, heißt es aus Stuttgart. Und, im Umkehrschluss, wer einen Kombi kaufe, der werde ihn schon nötig haben.

Nun ist zwar nicht zu erwarten, dass der T-Modell und Co. wieder in die Niederungen reiner Handwerkerautos hinabsinken. Und am Design des Neuen, der ab Dezember bei den Händlern stehen wird, lässt sich die Abkehr von der Hipness Gott sei Dank auch nicht ablesen. Aber positiv ist: Die Erkenntnis hat die Mercedes-Entwickler dazu gebracht, das neue T-Modell mit einem deutlich steileren Heck auszustatten als den Vorgänger. Rund 30 Zentimeter mehr senkrechte Dachlinie bietet der Neue bei sechs Zentimetern mehr an Gesamtlänge und Radstand – ein Unterschied, der sich vor allem bei umgeklappter Rückbank höchst erfreulich bemerkbar macht: 1500 Liter Ladevolumen hat der neue T dann zu bieten, zehn Prozent mehr als der Vorgänger und auch mehr als die Konkurrenten aus München und Ingolstadt (was sein wird, wenn Audi dem neuen A4 die Großheck-Variante zur Seite stellt, sei hier einmal dahingestellt).
Mit den richtig großen Lademeistern ohne Premiumanspruch à la Vectra, Octavia oder Mondeo kann der Benz damit natürlich immer noch nicht mithalten, aber dafür hat der freundliche Mercedes-Händler ja auch die E-Klasse im Schaufenster stehen. Aber schön ist dafür, dass der C-T nicht zu klobig geraten ist. Die Silhouette schafft den Spagat aus wuchtig und elegant, auch ein Verdienst der Tatsache, dass das Modell an sich schon deutlich kantiger ist als der Vorgänger. Den Rest erledigt die Heckstoßstange, die als Bürzelchen den T optisch noch etwas verlängert.

Auch beim Fahren hält sich der Unterschied zur Limousine in Grenzen. Vielleicht einen Hauch behäbiger ist der Kombi, Tribut an die etwa 50 Kilogramm, die er mehr auf den Rippen hat als die Limousine. Auch im Verbrauch liegt das Steilheck deshalb je nach Motorvariante um 0,2 bis 0,3 Liter höher als die „normale“ C-Klasse.

Das Motorenprogramm teilen sich die beiden Mercedes-Varianten, die Spanne reicht dabei von den Einstiegsversionen C 180 K und C 200 CDI mit 156 Benziner- und 136 Diesel-PS bis hin zu C 350 und C 320 CDI, die 272 und 224 PS an die Kurbelwelle weiterleiten. Allen Varianten gemein ist, dass man in ihnen Mercedes-typisch komfortabel und gleichzeitig auch recht sportlich unterwegs sein kann – vor allem dann, wenn das gegen knapp 2000 Euro Aufpreis erhältliche, „Advanced Agility“ getaufte, aktive Fahrwerk an Bord ist, das die C-Klasse zum echten Kurvenräuber mutieren lässt.

Dafür macht sich die neue Dachpartie des Kombis nicht nur im Gepäckraum sehr angenehm bemerkbar, sondern auch auf der Rückbank, wo spürbar mehr Kopffreiheit vorhanden ist als in der Limo – allerdings suchen die Schienbeine immer noch den Kontakt zum Vordermann, wenn der seinen Sitz weit nach hinten gestellt hat.

Erkennbar sind die vielen Gedanken der Mercedes-Entwickler an den eigentlichen Zweck eines Kombis auch an diversen Lade-Details, die einfach praktisch sind. So gehören Taschenhaken und Verzurrösen ebenso zur Serienausstattung wie eine Klappbox für Krimskrams im Kofferraumboden. Die Heckklappe schwingt weit über die Waagerechte nach oben (wo sie sich allerdings gelegentlich eine Windbö fängt, die die Scharniere hoffentlich aushalten), die Rückbank lässt sich nun mit einem Griff umlegen, die Sitzfläche muss nicht mehr getrennt aufgestellt werden. Gegen Aufpreis ist sogar noch einiges mehr möglich: Gleich drei Dachboxen in verschiedenen Größen bietet Mercedes an, elektrische Heckklappe und Niveauregulierung für den Schwerlastverkehr lassen sich als Extra bestellen – und wer die Hängerkupplung wählt, der erhält nicht nur ein ESP mit Gespannstabilisierungsprogramm, sondern auch mächtige 1800 Kilogramm erlaubte Anhängelast – mit einem leichten Autotrailer dürfte eine C-Klasse damit fast eine zweite auf dem Hänger spazieren fahren.

Bleibt die Frage, was Mercedes’ kleiner T-Wagen den Käufer kostet. Für den C 180 K Classic als billigste Variante werden 31.713,50 Euro fällig, ein C 220 CDI steht mit glatten 35.938 Euro in der Liste, jeweils rund 1500 Euro mehr als die Limousine. Ähnlich motorisierte Varianten des BMW 3er Touring oder Audi A4 Avant liegen rund 2000 Euro niedriger – Mercedes untermauert den eigenen Anspruch, der premiumste unter den Premiumherstellern zu sein, auch beim Preis.

Für das Geld gibt es aber einen Wagen, der sich keine große Schwäche leistet und einfach angenehm im Umgang ist. Und was die Sache mit der Mode und dem Kombi angeht: So richtig glauben mag man an das Ende angesichts der Neuerscheinung ja nicht. Und ab und zu müssen wir alle mal in den Baumarkt …

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