Mercedes S 400 : Beim heiligen Prius – es ist vollbracht

Genug der Schelte, genug der Häme: Mercedes bringt mit dem S 400 endlich ein Hybridmodell – und hofft so, ein Trauma zu überwinden.

Eric Metzler
Mercedes S 400
Mercedes S 400 -Foto: promo

Also doch: Der erste deutsche Serienhybrid ist fertig. Im Dickicht der Fahrzeugpräsentationen ist das eine dramatische Nachricht: Nur selten markieren einzelne Autos eine derart brutale Kehrtwende. Ob man sie beklatscht oder beklagt, gleicht der berühmten Frage nach dem Glas Wasser. Halb voll? Halb leer? Nur drei Jahre haben die Entwickler gebraucht, um den S 400 Hybrid auf die Räder zu stellen. Das ist toll. Denn das Ergebnis – der Inbegriff der Oberklasse verheißt einen Verbrauch von 7,9 Litern – ist beeindruckend. Und es zeigt, zu welchen Leistungen deutsche Ingenieure in der Lage sind, wenn der Druck, das Budget und der Rückhalt aus dem Vorstand stimmen. Zugleich schmeckt die Premiere bitter herb: Wenn so etwas in drei Jahren zu schaffen ist, wo stünden wir dann heute, wenn Mercedes früher als 2006 aus dem Tiefschlaf erwacht wäre?

Gleich wie – jetzt erleben wir erst mal den Beginn einer Hybrid-Offensive über viele Modellreihen hinweg. „Jedes Jahr einen“, hat Zetsche neulich versprochen, und wer den Vorstandschef kennt, weiß, wie ernst er das meint. Natürlich setzen die Schwaben weiter auf Dieselmaschinen, da sind sie führend. Auch forschen sie unverdrossen an Brennstoffzellen und strombetriebenen Minis, die sich an der Steckdose aufladen lassen. Doch in trockenen Tüchern und ab Juni zu kaufen ist einstweilen allein der Hybrid – auch ein Ergebnis der öffentlichen Meinung, die nur in einer überhitzten Klimadebatte gedeihen konnte und sich als resistent gegen differenzierte Fakten erwies. Mit einem sicheren Gespür für die richtige Botschaft zur richtigen Zeit ist es den Japanern seit Beginn des Jahrzehnts gelungen, ihren Hybrid zu einer Chiffre für sauberes, umweltbewusstes Fahren zu stilisieren. Dass eine Technologie, bei der es darum geht, Verzögerungsenergie aufzufangen und wiederzuverwerten, im bremsintensiven Stadtverkehr Vorteile hat, ist unbestritten. Aber dass nicht alle Autofahrer dieser Welt nur in der Stadt unterwegs sind, ging in der Vereinfachung unter.

Lange sah es so aus, als könne Mercedes dem ideologischen Klimawandel stoisch trotzen.Motto: Wir sind wir – und das ist eine Mode. Es ist noch nicht lange her, da postulierte Dieter Zetsche, der Hybrid sei nicht die Antwort auf alle Fragen (siehe Beitrag rechts). Da hatten es Kritiker leicht, den Stern zu entzaubern: Die sitzen auf dem hohen Ross und laufen doch der Zeit hinterher. Spätestens, als die Bild-Zeitung mit Toyota 100 Prius’ verloste und damit die Titelseite füllte, war klar: Am Hybrid kommt hierzulande niemand vorbei. Auch nicht Mercedes.

Zetsche, der als schneller und sicherer Autofahrer gilt, tat irgendwann das, was am ehesten hilft, wenn die Wand immer näher kommt und einfach nicht ausweichen will: Handbremse bei voller Fahrt, wenden in derselben Sekunde und mit Vollgas ab in die andere Richtung. „Der hat uns mächtig Feuer unterm Hintern gemacht“, flüstern Entwickler – und deshalb komme man mit dem Hybrid noch vor Konkurrenten auf den Markt, die schon viel länger daran schrauben.

Mutig ist die Art, in der sie bei Daimlers den Einstieg in den Umstieg angepackt haben. Sie haben nicht nach den erstbesten Buchstaben aus dem hauseigenen Alphabet gegriffen, nicht nach dem A, dem B oder dem C. Nein, es musste ein besonderes Schrift-Zeichen sein; das einzige, das auch in China und Amerika verstanden wird. Deshalb macht das Flaggschiff den Anfang. Ob sich der Hybrid im weltweit erfolgreichsten Oberklassenmodell gut verkauft; ob irgendwer bereit ist, tausende Euro mehr zu zahlen, das ist gar nicht entscheidend. Entscheidend ist, das eigene Trauma zu überwinden.

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