Mercedes Sprinter : Einer für alle Gelegenheiten

Keiner ist so erfolgreich: Der Mercedes Sprinter wurde seit seiner Einführung über 2,9 Millionen Mal verkauft Seine extreme Vielseitigkeit macht den Transporter einzigartig in seiner Klasse

Paul Mühlenweg
Immer vorneweg. Am 1. Februar wurde im Mercedes-Werk in Ludwigsfelde gefeiert - wo der Sprinter seit 1991 montiert wird. In den vergangenen 25 Jahren liefen im Brandenburger Werk 660 000 Transporter vom Band.
Immer vorneweg. Am 1. Februar wurde im Mercedes-Werk in Ludwigsfelde gefeiert - wo der Sprinter seit 1991 montiert wird. In den...Foto: Bernd Settnik/dpa

Glamour gibt es woanders. Bei den Pkw zum Beispiel, die mit rauschenden Festen ihre Premieren feiern, Sportwagen oder auch den beliebten SUVs. Das Geschäft mit den kleinen Transportern ist eher bodenständig. Hier kauft der Handwerker um die Ecke, der Kurierdienst oder der Blumenhändler. Und die müssen mit spitzem Bleistift rechnen. Umso erstaunlicher, dass es Mercedes mit dem Sprinter gelungen ist, ein ganzes Fahrzeugsegment so eindrucksvoll zu besetzen.

Unsere Begegnung mit dem Sprinter der aktuellen Generation beginnt auf dem Hof einer Messebaufirma in Berlin Schöneberg. Schließlich geht es um die Meinung von Profis. Heraus kommt Olaf, ein Tischler, der schon viele Messestände gebaut hat. „Auf den Sprinter isch halt Verlass“, schwäbelt Olaf, der aber ansonsten nichts mit Mercedes zu tun hat.

Das Geschäft mit den Kleintransportern oder großen Vans wurde Mercedes nicht gerade in die Wiege gelegt. Genauer gesagt haben es die Schwaben eher zugekauft. Der erste Transporter stammte noch aus dem Hause Hanomag-Henschel. 1970 übernahm Daimler das Unternehmen, das damals zu Rheinstahl gehörte und erst ein Jahr zuvor aus einem Zusammenschluss der beiden Namensgeber entstand. 1977 folgte der T1, die erste Eigenentwicklung von Mercedes in diesem Segment. Und den beerbte schließlich 1995 der erste Sprinter. Für den tat sich Daimler mit Volkswagen zusammen, die den baugleichen LT (2. Generation) auf den Markt brachten.

Was ist der Unterschied zwischen einem Sprinter und anderen Transportern, fragen wir Olaf. „Man hat das Gefühl, dass sich Daimler weiterentwickelt. Jeder neue Sprinter wird ein bisschen besser“, sagt der Tischler. Als Beweis zeigt er uns die USB-Anschlüsse hinter dem Lenkrad. „Da lässt sich das Handy ablegen und gleich aufladen.“ Wichtig für Leute, die oft den ganzen Tag auf Achse sind und Zeitdruck haben.

Der Sprinter als Multitalent

Tatsächlich kümmerte sich Mercedes um seinen ersten Sprinter, während VW den LT ohne großen Markterfolg bis 2006 nahezu unverändert baute. Schon nach vier Jahren kam bei Daimler das erste Facelift, der Sprinter bekam sein eigenes Gesicht. 2006 wurde das Fahrzeug komplett neu entwickelt und die Produktion der offenen Baumuster (nur mit Fahrerhaus oder Doppelkabine ausgestattet) vom Düsseldorfer Stammwerk ins brandenburgische Werk Ludwigsfelde (siehe Kasten) verlegt. Hier liefen bis zur Wende noch Ifa-Lkw vom Band.

Vor allem die unvergleichliche Variabilität ist der wesentliche Grund für den Erfolg des Sprinter. Von Beginn an besetzte der Transporter die Gewichtsklassen von 2,8 bis zu 4,6 Tonnen, bot drei verschiedene Radstände und eine breite Palette an Motoren, inklusive eines Benziners. Das machte aus dem Sprinter das Multitalent, das seit dem Start vor mehr als 20 Jahren rund 2,9 Millionen Mal gebaut wurde und in 130 Ländern der Erde unterwegs ist. Seit Jahrzehnten wird er in Argentinien gebaut und auch in China hat Daimler eine Fertigung.

Olaf und seine Kollegen sind viel mit dem Sprinter in Deutschland und im benachbarten Ausland unterwegs. „Das Gute ist, dass der sich auch ordentlich beladen noch gut fährt“, sagt Olaf: „Da gehen andere schon ziemlich in die Knie.“ Tatsächlich, so hört man heraus, geht es oft ziemlich überladen vom Hof. Eine einfache Kostenkalkulation. Wenn ein zweites Fahrzeug gemietet werden muss, dann koste alles doppelt. Sprit, Miete und natürlich auch der Fahrer.

Die Hauptursache für die letzte große Überarbeitung waren die Motoren. Frühzeitig stellte Daimler auf Euro-6-Motoren um. Als erster Transporter erfüllte der Sprinter diese neue Norm. Daneben gab es noch einige nützliche Assistenten, die auch nicht oft in Transportern zu finden sind. „Gut, den Seitenwind-Assistent bemerkt man jetzt nicht sooo“, sagt Olaf. Das komme im Alltag eher selten vor. Aber den Auffahrschutz und den Totwinkel-Warner weiß der Tischler zu schätzen. „Wenn wir abends von der Baustelle losfahren, sind wir alle platt. Auch der Fahrer. Da isch scho ganz gut, dass das Autole mit aufpasst.“

Platz vor Komfort

Fährt er denn auch Benziner oder Erdgas? Immerhin einen Otto-Motor (Vierzylinder, 156 PS) hat Mercedes im Angebot. „Nee, das macht keinen Sinn. Höchstens Erdgas, aber das lohnt sich eher für regelmäßige kurze Strecken.“ Der Erdgasantrieb interessiere ihn schon (ebenfalls 156 PS). Aber für die Messe macht das keinen Sinn. „Wir brauchet Drehmoment für das ganze Zeug hinten drin!“

Deshalb findet sich auch seltener ein Mixto, hinten mit Laderaum und vorne zwei Reihen mit sechs Sitzen. „Für uns hätte der wohl zu wenig Ladefläche“, sagt Olaf: „Wobei: Da hätten wir endlich Platz für unsere Klamotten.“ Die müssen im Kasten-Sprinter meist hinten beim Material mitfahren. Aber Platz ist wichtiger als Komfort. „Dennoch hält man es auf der Zweierbank vorne auch ganz gut aus.“ Die Messebaufirma hat einen Sprinter mit Kastenaufbau. Für größere Aufträge wird meist noch einer dazu gemietet.

Für die Konkurrenz scheint es schwer, den Vorsprung des Sprinters in seinem Segment aufzuholen. Viele machen es über den Preis, was bei den kleineren Varianten, unwesentlich größer als ein VW-Bus, noch ganz gut funktioniert. Doch Olaf ist sich sicher: „Das rechnet sich net auf Dauer.“ Bei einer anderen Firma hatten sie viele französische Transporter. „Die standen oft in der Werkstatt. Da ist die Ersparnis schnell dahin.“

Freilich kommt auch der Sprinter nicht ganz ohne Blessuren durch den Alltag. So ein Transporter wird schließlich hart rangenommen und da geht schon mal was kaputt. Vor allem bei Laufleistungen von 60 000 Kilometern und mehr pro Jahr. „Die Werkstattbesuche sind bei Daimler schon schmerzhaft“, sagt der Messebauer Olaf. Da stöhne der Chef, wenn die Rechnung kommt. Aber der stöhne sowieso oft. Wenn er nicht laut wird, dann sei das ein gutes Zeichen. Und das verhindert am besten ein gut, funktionierendes Team. Und da gehört für Olaf der Sprinter dazu.

Die Mehrfahrgelegenheit - Carsharing in Berlin


Carsharing gilt als Verkehrskonzept der Zukunft, in Berlin wächst das Angebot rasant. Die einen macht die neue Ich-Mobilität glücklich, andere reich, manche wütend. Begegnungen mit Pionieren und Kritikern - und eine Datenanalyse mit vielen interaktiven Grafiken.

Mehrfahrgelegenheit –
ein Projekt von MEHR BERLIN

0 Kommentare

Neuester Kommentar