Mille Miglia : Zeitsprung im Zeitraffer

Die Mille Miglia war eines der härtesten Rennen der Welt. Heute fahren Oldtimer die Tour in Italien - wir durften mit Ex-Rennfahrer Jochen Mass ins Auto.

Paul-Janosch Ersing

Einmal im Jahr herrscht Ausnahmezustand auf den Straßen zwischen Brescia und Rom: Mehr als 350 historische Autos erinnern bei der Mille Miglia an das legendäre Straßenrennen der Jahre 1927 bis 1957.

Villa Fenaroli, Rezzato. 15. Mai, 9 Uhr

Da ist es: Auf dem Innenhof des Hotels steht ein außergewöhnlich flaches Fahrzeug, abgedeckt unter einer blauen Plane. Es scheint noch zu schlafen, so, als würde es die Ruhe vor dem Sturm genießen. Das muss es sein, das Gefährt, das mich bald quer durch Italien befördern wird. Doch wo steckt der Pilot? Der kommt kurze Zeit später um die Ecke geschlendert, eine Reisetasche in der Hand. Irgendwie wirkt er, als wolle er mal eben einen kleinen Wochenendurlaub am nahe gelegenen Gardasee verbringen, nicht wie ein Rennfahrer vor dem Start. Aber der entspannt wirkende Herr ist Jochen Mass, Ex-Formel-1-Fahrer und Markenzeichen der Mille Miglia der Neuzeit. „Keine Sorge, ich mach das jetzt zum 17. Mal“, versucht er meine Aufregung zu mildern. „Genieß einfach die Landschaft.“ Und dann: „Los, steig ein, wir fahren zur Fahrzeugabnahme!“ Als er den Motor des Mercedes-Benz 300 SLR, Baujahr 1955, zum ersten Mal anlässt, fallen mir fast die Ohren ab.

Messegelände, Brescia. 15. Mai, 10 Uhr

Bevor es in die Altstadt geht, muss jedoch noch eine Hürde genommen werden: Der persönliche Check-in von Fahrer und Beifahrer. Zum Erstaunen aller nehmen es die italienischen Organisatoren ganz genau: Ohne ärztliche Untersuchung bekomme ich keine Rennlizenz. Der Doktor misst Blutdruck, hört mich ab und kontrolliert den Puls – vor lauter Aufregung ist der bei 98. Nach einer halben Ewigkeit wird mir körperliche Gesundheit attestiert. Ich bin erleichtert. Das Gefühl wandelt sich in eine gewisse Genugtuung, als ich sehe, dass selbst gestandene Rennfahrer mit der Bürokratie zu kämpfen haben: Am Nebentisch telefoniert Mika Häkkinen mit seinem Management und erkundigt sich nach seiner Führerscheinnummer. Ohne die geht nämlich gar nichts.

Viale Venezia, Brescia. 15. Mai, 21:06 Uhr

Gleißendes Licht und jubelnde Menschen auf den Tribünen. Mit der obligatorischen Fahrt über die Startrampe geht sie los, die Mille Miglia 2008. Das „Che bello!“ der Schaulustigen entlang der Strecke ertönt tausendfach. Pünktlich kommt der Regen, starker Regen. Jochen Mass scheint das nicht zu stören, er verschmilzt mit dem 300 SLR zu einer Einheit. Das Fahrzeug mit der Startnummer 292 – ich ducke mich vergeblich hinter die winzige Windschutzscheibe, um den heranpeitschenden Tropfen auszuweichen – ist die Nummer 10 seiner Baureihe. Es stammt aus der Zeit, als Mercedes die Mille Miglia zum zweiten Mal gewann und mit Stirling Moss am Steuer einen Rekord für alle Zeiten aufstellte: Der Brite raste in zehn Stunden, sieben Minuten und 48 Sekunden mit einem Durchschnittstempo von 157,7 km/h über die Strecke. Wir haben zweieinhalb Tage Zeit.

Staatsstr. 482 Ostiglia. 15. Mai, 23:30 Uhr

Ich beginne daran zu zweifeln, dass die Nachricht, die Mille Miglia sei heute kein Straßenrennen mehr, auch bis zu Jochen Mass durchgedrungen ist. Fragen ist unmöglich: Das Brüllen des Triebwerks verhindert jede Konversation – schützende Ohrstöpsel tun das Weitere. Die rasante Fahrt durch die italienische Nacht wird zu einem Stummfilm, der mit stetigem Brummen unterlegt ist. Hin und wieder hebt der Mann am Steuer den Daumen oder gestikuliert mit der rechten Hand, wenn ein langsames Fahrzeug nicht sofort rechts ranfährt. Nach und nach entwickelt sich zwischen uns eine simple Zeichensprache. Man fühlt sich an die Legende der 15 Handzeichen erinnert, mit denen sich Stirling Moss und sein Beifahrer Denis Jenkinson einst verständigten.

Ferrara. 16. Mai, 0:10 Uhr

Die Ankunft am ersten Etappenziel verläuft bilderbuchmäßig: eine nächtliche Piazza, angestrahlte pittoreske Gebäude, glückliche Gesichter – Fähnchen schwenkend. Wir stellen das Motorengebrüll ab und machen uns leicht benommen zu Fuß auf den Weg ins Bett. Derweil kümmern sich die Mercedes-Monteure in weißen Overalls den Rest der Nacht um ihren silbernen Schatz, damit er morgen wieder röhrt wie neu.

San Marino. 16. Mai, 12 Uhr

„Ach komm, wir fahren am Schlauch vorbei.“ Jochen Mass hat keine Lust auf die vorgesehene Zeitmessung auf der Passstraße. „Am Berg anfahren ist gar nicht gut für die Kupplung. Und der Motor wird viel zu heiß.“ Also ziehen wir links am Mess-Schlauch des Kontrollpunktes vorbei, staunende Blicke der Offiziellen folgen uns. Ein 300 SLR ist nun einmal nicht dafür ausgelegt, Streckenabschnitte von einigen hundert Metern in einer exakten Zeit abzufahren.

Petersdom, Rom. 16. Mai, 21 Uhr

In der Stadt am Tiber zeigt sich die Mille Miglia von ihrer absurden Seite: Es gibt fast keine Zuschauer. Kaum jemand winkt uns zu. Und so tuckern die Oldtimer hinter einer Polizei-Eskorte am Petersplatz vorbei, Trastevere streifend, am Zirkus Maximus entlang und rund ums Kolosseum. Einer nach dem anderen verschwindet unbeachtet in der Tiefgarage nahe der Villa Borghese.

Palazzo Vecchio, Florenz. 17. Mai, 16 Uhr

Langsamfahren ist nichts für Jochen Mass. Kaum zu glauben, dass die Toskana schon hinter uns liegt. Jede kurze Gerade, jede gut einsehbare Kurve nutzt mein Pilot dazu, Mitstreiter zu überholen. Ein kurzes Aufheulen des Motors kurz vorher signalisiert dem Vorausfahrenden das Vorhaben und ersetzt zugleich den fehlenden Blinker. „Im Großen und Ganzen machen die Leute sofort Platz, wenn sie uns kommen sehen und hören“, hatte mich der alte Hase anfangs beruhigt. Und tatsächlich: Bis auf wenige Ausnahmen geben alle den Weg frei und winken uns hinterher.

Maranello. 17. Mai, 19:30 Uhr

Wir erreichen Feindesland. Hin- und hergerissen beäugen die Ferrari-Mitarbeiter den 300 SLR, als er mit dem ihm eigenen Getöse mitten über das Werksgelände rollt. In der Heimat der roten Renner hat es ein Silberpfeil eben nicht leicht. Ferrari-Urgestein Jean Todt würdigt uns keines Blickes. „Steig ein, wir fahren weiter“, drängt Jochen Mass, „wir haben ja noch 150 Kilometer vor uns.“

Viale Venezia, Brescia. 18. Mai, 00:15 Uhr

Der Regen ist wieder da und wir sind es auch. Tausend Meilen sind abgespult. Und zwar so, dass die Technik und das Können des Fahrers das Tempo bestimmten – und nicht etwa die Straßenschilder. Die Ordnungshüter haben Jochen Mass auch in diesem Jahr nicht aus dem Verkehr gezogen – auch wenn wir mehrfach Drohgebärden sehen konnten. „Meine uniformierten Freunde waren wie immer sehr hilfsbereit“, zieht der 61-Jährige bei der Zielankunft in Brescia sein Fazit. Dabei lächelt er, ganz verschmitzt.

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