Millionenfacher Rückruf im VW-Abgasskandal : Das müssen VW-Kunden jetzt wissen

Immer neue Fakten und immer neue Details im VW-Abgasskandal erschüttern Volkswagen in seinen Grundfesten. Nur allmählich lichtet sich auch für die Kunden der Nebel. Antworten auf die drängendsten Fragen beim #dieselgate.

von
Der VW-Abgasskandal DieselGate dürfte für das Image der Marke ein Totalschaden sein. Aber wie groß ist der Schaden für den Kunden? Foto: dpa
Der VW-Abgasskandal DieselGate dürfte für das Image der Marke ein Totalschaden sein. Aber wie groß ist der Schaden für den Kunden?Foto: dpa

Noch immer beherrscht Volkswagen fast täglich die Schlagzeilen der Wirtschafts-Ressorts, fast täglich kommen neue Details ans Licht. Der Konzern, einst Megastar der deutschen Wirtschaft, wird durch täglich neu enthüllte neue Details wie ein geprügelter Hund durch die Presselandschaft getrieben. Und das sicherlich zurecht, denn der VW-Abgasskandal, im mittlerweile schon feststehenden Begriff "#DieselGate" genannt, ist der größte Betrug, den es jemals an Kunden der Autoindustrie gab. Dagegen nimmt sich die Diskussion um unrealistische Normverbräuche fast kleingeistig aus.

Die wirklich gebeutelten hier sind aber die Autobesitzer. Und zwar mindestens doppelt, wenn nicht sogar öfter. Denn der Kunde hat, besitzt er ein Auto mit dem fragwürdigen Motor Typ EA 189 an Bord, derzeit so einige Ungewissheiten zu ertragen. Gleiches gilt für Kunden von Seat, Skoda und auch Audi, die ebenfalls von den Manipulationen betroffen sind. Das einzig sichere in der aktuellen Lage ist, dass „Sicherheit und Mobilität“ auf keinen Fall gefährdet waren oder sind. Das betonen Volkswagen und die Töchter Audi, Seat und Skoda in ihren Pressestatements denn auch besonders. Fehlte gerade noch, möchte man meinen.

Was könnte noch auf die Kunden zukommen? Wo, von wem und für was könnten sie eventuell Geld zurück bekommen? Was geschieht mit den Autos und deren Wert? Zusammen mit Experten beantworten wir die Fragen nach aktuellem Kenntnisstand. 

Die Ausgangslage:

Nach Aussage von Verkehrsminister Dobrindt und den Zahlen des Kraftfahrtbundesamtes in Flensburg sind in Deutschland 2,4 Millionen Fahrzeuge betroffen. Ursprünglich war von 2,8 Millionen Fahrzeugen die Rede. Aber die restlichen 400.000 sind wohl nicht mehr angemeldet oder ins Ausland verkauft worden. Das Kraftfahrtbundesamt hat VW nun zu einem Rückruf verdonnert. Die freiwillige Umrüstung, die Volkswagen vorgeschlagen hatte, hat die Behörde verworfen. So wird ab dem kommenden Januar eine Rückrufaktion anlaufen, in deren Rahmen sämtliche Halter betroffener Modelle angeschrieben werden. Diese sind dann auch verpflichtet in die Werkstatt zu fahren und die Änderungen an ihrem Fahrzeug vornehmen zu lassen. Wer sich hier verweigert, dem droht der Entzug der Zulassung für sein Fahrzeug. Das Kraftfahrtbundesamt wird die betroffenen Autos nach einer Mahnung an die Zulassungsstellen melden, die dann ihrerseits aktiv werden. Unklar ist bisher noch, wie die VW-Werkstätten den Ansturm bewältigen sollen. Auch für das Kraftfahrtbundesamt wird diese Rückrufaktion "eine gewaltige Aufgabe", wie Sprecher Stephan Immen sagt. 2,4 Millionen Halter müssen angeschrieben und dann im Laufe des kommenden Jahres durch die VW-Werkstätten geschleust werden.

Wann wird mein Auto zurückgerufen und was wird dann damit gemacht?

Die Schummelsoftware im Motor Typ EA 189 umfasst Motoren mit den Hubräumen 2 Liter, 1,6 und 1,2 Liter. Nach jetzigem Kenntnisstand werden im Januar als erste die Motoren mit zwei Litern Hubraum (2.0 TDI) in die Werkstätten gerufen. Hier genügt es wohl ein Software-Update zu machen und dadurch die Schummelsoftware zu beseitigen. Schwieriger wird es bei den 1,6-Liter-Motoren. Hier werden auch physische Bauteile benötigt. Was das im Detail ist, hat VW noch nicht bekannt gegeben. Wahrscheinlich muss aber der gesamte Katalysator und sogar neue Injektoren verbaut werden. Davon sprach zumindest der neue VW-Chef Matthias Müller in einem Interview. Offiziell äußert sich Volkswagen dazu noch nicht. Da die Bauteile kurzfristig in diesen Mengen nicht verfügbar sind, wird der Rückruf für diese Motoren erst im September 2016 starten. Für die 1,2 Liter großen Motoren ist noch gar keine Lösung in Sicht. Daher ist auch der Start des Rückrufs noch offen.

Grundsätzlich müssen Autofahrer erst reagieren, wenn sie vom Kraftfahrtbundesamt angeschrieben werden. Dann ist die Fahrt zur Werkstatt allerdings verpflichtend. Verkehrsminister Alexander Dobrindt gab auf einer Pressekonferenz Entwarnung für betroffene Kunden. Die Typengenehmigung für die Autos wird nicht entzogen, obwohl die Schummelsoftware bei den 2,4 Millionen Autos wohl aktiv ist und diese damit auch deutlich mehr Stickoxide emittieren als erlaubt. Herbert Engelmohr vom AvD rät aber zur Ruhe: "Nicht sinnvoll ist es, vorsorglich einen Termin bei den Werkstätten und Autohäusern zu erfragen, da diese jetzt noch keine Einzelheiten kennen werden."

Bekomme ich einen Ausgleich für den Aufenthalt in der Werkstatt?

Volkswagen und die Töchter Audi, Seat und Skoda werden bemüht sein die Maßnahmen an den Autos in einem überschaubaren zeitlichen Rahmen zu halten. Schon aus Eigennutz, denn wenn der Werkstattaufenthalt länger als einen halben Tag dauert hat der Kunde Anspruch auf ein angemessenes Ersatzfahrzeug. Angemessen bedeutet etwa gleichwertig. Einen Porsche wird man für den Polo in der Werkstatt also nicht bekommen. Die Softwaremaßnahmen an dem Motor Typ EA 189 die als 2.0 TDI ausgelegt sind, dürften relativ schnell vonstatten gehen, da wahrscheinlich nur ein Software-Update gemacht werden muss. Bei den 1.6 TDI, die ab September an der Reihe sind, wird es komplexer. Ein Katalysator und neue Injektoren, wenn es dabei bleibt, sind nicht gerade in einem halben Tag auszuwechseln. Eine Auszahlung des monetären Equivalents zu einem Mietwagen, also eine Ausfall-Entschädigung in Geld, ist ebenfalls möglich. Dabei dürften die Beträge aber relativ gering bleiben, da VW nur die möglicherweise entstandenen Mietwagenkosten ersetzen muss.

Der Rückruf von 2,4 Millionen Autos im Zuge des VW-Abgasskandals wird wohl im Januar 2016 beginnen. Wann diese Aktion abgeschlossen sein wird, bleibt erst mal offen. Foto: dpa
Der Rückruf von 2,4 Millionen Autos im Zuge des VW-Abgasskandals wird wohl im Januar 2016 beginnen. Wann diese Aktion...Foto: dpa

Wie und wo erfahre ich, ob mein Auto vom VW-Abgasskandal betroffen ist?

Alle Hersteller haben mittlerweile Seiten eingerichtet, wo Kunden über die Eingabe ihrer Fahrgestellnummer herausfinden können, ob ihr Auto zu dem Kreis der Betroffenen zählt. Bei den meisten Modellen findet sich die Nummer in einer kleinen Aussparung unten rechts in der Windschutzscheibe. Wem das zu kompliziert ist, der kann natürlich auch zu den örtlichen Vertragshändlern gehen und dort nachsehen lassen.

Hier finden Sie die Auskunftsseiten der Hersteller im Netz:

Die Auskunftsseite von Volkswagen.

Die Auskunftsseite von Audi.

Die Auskunftsseite von Skoda

Die Auskunftsseite von Seat.

Habe ich einen Wertverlust bei einem Auto mit der Schummelsoftware?

Diese Frage ist derzeit noch völlig offen. „Einen etwaigen Wertverlust zum gegenwärtigen Zeitpunkt zu prognostizieren, ist aus Sicht des ADAC nicht seriös“, sagt Christian Buric vom ADAC. Der Bundesverband der Verbraucherzentralen geht zwar davon aus, dass mit dem Rückruf und der Beseitigung der Schummelsoftware die Autos dann den Angaben beim Verkauf entsprechen. Aber: „Ob sich durch eine Umrüstung Veränderungen beim Fahrzeug einstellen werden,  die einen neuen Mangel hervorrufen könnten, kann zur Zeit noch nicht gesagt werden“, erklärt Sprecherin Ute Hempelmann. Wer den Markt kennt kann allerdings davon ausgehen, dass bei höheren Verbrauchswerten auch der Marktwert der Fahrzeuge sinken dürfte. Um Regressansprüche an Volkswagen anmelden zu können ist die Lage aber noch zu unklar. Der ADAC rät hier noch etwas Geduld zu haben. Zu lange sollten Kunden, die einen Gebrauchtwagen mit der Schummelsoftware gekauft haben, aber nicht warten. Dazu Herbert Engelmohr vom Automobilclub von Deutschland (AvD): "Da ein solcher Anspruch dem Kaufvertragsrecht zuzuordnen ist, sind auch Fristen zu beachten: Geltendmachung innerhalb von zwei Jahren bei neuen und ein Jahr bei gebrauchten Kfz."

Verliere ich eventuell meine Umweltplakette?

Das ist sehr unwahrscheinlich zum jetzigen Zeitpunkt. Dazu Klaus Engelmohr von AvD: „Dafür gibt es weder rechtliche Ansätze noch sind irgendwelche praktischen Schritte von Behörden bekannt geworden.“ Da es sich bei der Plakette für die Umweltzone um eine Feinstaubplakette handelt, die so nichts mit den Stickoxidemissionen zu tun hat, dürfte es dafür auch keine rechtliche Handhabe geben. Der Fall könnte nur eintreten, wenn die Schadstoffklasse an sich aberkannt wird. Christian Buric vom ADAC betont: „Eine grüne Plakette erhalten nach den derzeit geltenden Bestimmungen Diesel-Pkw ab Euro 4.“ Auch Verkehrsminister Dobrindt erklärte gegenüber der Presse, dass die betroffenen Fahrzeuge weiterfahren dürfen. 

Ich habe mein Auto mit der Abwrackprämie gekauft. Muss ich die zurückzahlen?

Dieses Szenario ist so gut wie auszuschließen. Zumindest für den Kunden. Ute Hempelmann von der Verbraucherzentrale: „Wenn es überhaupt einen Rückforderungsanspruch geben sollte, gehen wir davon aus, dass der VW-Konzern diesen leisten sollte.“ Darin sind sich alle Experten einig.

Mein Auto war wegen der Euro5-Norm die ersten Jahre steuerbefreit. Droht mir jetzt eine Nachzahlung?

Das wäre, zumindest theoretisch möglich. Der AvD sieht dafür aber rechtlich ebenfalls keine Grundlage: „Das Bundesverkehrsministeriums hatte bereits 2009 bei der Neufassung der Typzulassungsregeln erklärt, dass der Entzug der Typzulassung die Betriebserlaubnis des einzelnen Fahrzeugs nicht berührt“, erklärt Herbert Engelmohr. Christian Buric vom ADAC erklärt weiter: "Die Steuerbefreiung für EURO-5-Fahrzeuge endete spätestens am 31.12.2010. Nachdem die Festsetzungsverjährungsfrist 4 Jahre beträgt, ist zum jetzigen Zeitpunkt bereits Verjährung eingetreten." Daher dürfte zumindest diese Sorge für die Kunden vom Tisch sein.

Die Mehrfahrgelegenheit - Carsharing in Berlin


Carsharing gilt als Verkehrskonzept der Zukunft, in Berlin wächst das Angebot rasant. Die einen macht die neue Ich-Mobilität glücklich, andere reich, manche wütend. Begegnungen mit Pionieren und Kritikern - und eine Datenanalyse mit vielen interaktiven Grafiken.

Mehrfahrgelegenheit –
ein Projekt von MEHR BERLIN

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben