Mit dem Unimog durch Horstwalde : Der Durchkommer

Der Unimog ist seit gut 60 Jahren ein automobiles Unikat. Weltweit wird er hoch geschätzt wegen seiner Robustheit und vor allem wegen seiner Fähigkeiten im Gelände. Wir sind im aktuellen Modell eine Runde mitgefahren.

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Krumme Tour: Die Achsverschränkung beim Unimog ist enorm. Seit dem Modellwechsel vor zwei Jahren hat der Unimog auch serienmäßig ein regulierbares Reifendruckkontrollsystem an Bord.
Krumme Tour: Die Achsverschränkung beim Unimog ist enorm. Seit dem Modellwechsel vor zwei Jahren hat der Unimog auch serienmäßig...Foto: Mercedes

„Durch dieses Auto war ich in der ganzen Welt im Einsatz", sagt Gottfried Hatz. Der 60-Jährige sitzt hinter dem Steuer eines Unimogs und steuert gekonnt und mit flottem Tempo durch den märkischen Sand bei Baruth. Noch drei Monate hat er bis zur Rente, seit den Siebzigern arbeitet Hatz bei Daimler und ist heute als Ausbilder für Fahrer und als Servicefachmann tätig. Kein Kontinent, auf dem er nicht auf dem Unimog geschult hat, wenige Länder, die er nicht beruflich bereist hat. „Dieses Fahrzeug ist weltweit eine Marke“, erklärt er. Etwas Wehmut schwingt mit, wenn er das so sagt. Für ihn ist es schwer, sich vorzustellen, dass das für ihn bald enden wird.

Der Unimog ist ein automobiles Einzelstück, zu ihm gibt es im Grunde kein Pendant. Der Grund dafür ist simpel und liegt in der Historie begründet. Unimog steht für „Universal-Motorgerät“. Der Wagen wurde in der Nachkriegszeit als landwirtschaftliches Gerät entwickelt. Von der Basiskonstruktion her ist das Fahrzeug ein Traktor, aufbauend auf einem Leiterrahmen mit zwei Portalachsen, bei denen in den Radnaben kleine Getriebe sitzen, weswegen die eigentliche Achse höher gelegt werden kann. Ersteres garantiert eine robuste Bauweise, Letzteres viel Bodenfreiheit. Das bringt aber auch eine Eigenständigkeit mit sich, die die Kosten hochtreibt. Die Montage ist zwar an einer Art Fließband organisiert, wird aber fast ausschließlich in Handarbeit erledigt.

Motor des Unimog sitzt hinter der Vorderachse

Warum der Unimog für Spezialeinsätze weltweit so beliebt ist, demonstriert uns Ingenieur Wulf Aurich. Mit einer Metallstange kurbelt er das Fahrerhaus eines Unimogs nach vorne. Darunter findet sich ein neuer Motor der Baureihe „OM934“. Vierzylinder mit Turboaufladung. Hinter der gekühlten Abgasrückführung sitzen ein geschlossener Partikelfilter, Harnstoffeinspritzung und ein Kat gegen die Stickoxide. 231 PS leistet das Aggregat. Die Daten könnten auch zum Motor einer C-Klasse gehören. Allerdings nicht die 5,1 Liter Hubraum und das gigantische Drehmoment von 900 Newtonmeter. Der Antrieb ist eine der wenigen Baugruppen, die direkt aus der Lkw-Großserie kommen.

Waschgang: Bis zu einer Tiefe von 1,20 Meter geht es für Daimler Allzweck-Nutzfahrzeug durch Gewässer. Dazu braucht der Unimog allerdings eine optionale Erweiterung, die unter anderem den hochverlegten Luftfilter beinhaltet. Ansonsten reicht es aber immer noch für 70 Zentimeter
Waschgang: Bis zu einer Tiefe von 1,20 Meter geht es für Daimler Allzweck-Nutzfahrzeug durch Gewässer. Dazu braucht der Unimog...Foto: Mercedes

Allerdings sitzt der Motor seit der Einführung der neuen Modellgeneration im vergangenen Jahr hinter der Vorderachse. Dadurch ergibt sich nicht nur ein verbesserter Schwerpunkt, sondern auch Spezialgeräte wie Pumpen, Mähwerke oder Kehrmaschinen lassen sich nun direkt vom Motor aus antreiben. Eine zweite Möglichkeit neben der Verbindung am Getriebe, die der Unimog schon immer hatte.

Aurich zeigt uns eine Spezialausführung des Unimogs für den Einsatz bei Waldbränden. Hinter dem Motor ist die elektrische und pneumatische Verkabelung mit feuerfestem Material geschützt. „So kann der Unimog nahe an den Brandherd fahren und kommt vor allem auch wieder weg, selbst wenn es richtig heiß wird“, sagt der 47-Jährige. Er arbeitet seit 15 Jahren in der Entwicklung des Nutzfahrzeug-Klassikers.

Wo heute der Unimog seine Furchen zieht übten früher die Sowjets

Was hohe Geländetauglichkeit bedeutet, erfahren wir eindrucksvoll in den brandenburgischen Wäldern von Horstwalde. In den 1930er Jahren machte hier Wernher von Braun Versuche mit Raketen, die Nazis erprobten Panzer und andere Kettenfahrzeuge. Dann kamen die Sowjetarmee und die Nationale Volksarmee der DDR, und nach der Wende richtete das Bundesamt für Materialforschung hier eine Außenstelle ein. Ansonsten kümmert sich ein Förderverein um die Nutzung und Instandhaltung.

Gemacht für Abseits befestigter Straßen: Der Unimog ist aus der Idee eines Allzweck-Traktors heraus geboren worden.
Gemacht für Abseits befestigter Straßen: Der Unimog ist aus der Idee eines Allzweck-Traktors heraus geboren worden.Foto: Mercedes

Nach der tiefen Sandpiste, durch die wir mit gefühlten 100 und real immerhin noch 50 Stundenkilometern gefahren sind, ackert sich der U5023 (die ersten beiden Zahlen stehen für das Modell, die letzten beiden für die Motorleistung) einen steinigen Hügel hoch. Obwohl das Fahrerhaus beim neuen Modell hinter die Vorderachse gewandert ist und die Passagiere dadurch deutlich ruhiger sitzen, ist das immer noch ein wilder Ritt. Während ich mich am Handgriff festkralle und mit dem Fuß fest gegen den Boden stemme, sitzt Hatz bemerkenswert ruhig hinterm Steuer. Einen hydraulisch gefederten Sitz habe ich auch, das kann es nicht sein. 45 Jahre Erfahrung schon eher.

Wer zu wenig Erfahrung hat geht vom Gas - ein Fehler

Hatz sagt, er sei noch nie stecken geblieben. „Meistens sind es Fahrfehler“, erklärt er. „Wer zu wenig Offroad-Erfahrung hat, der geht vom Gas. Das darf man nicht machen“, sagt er grinsend. Grundvertrauen in die Technik – wir fahren eine 70 Zentimeter hohe Stufe hinauf. Hatz schaltet die Kamera ein, die den Bereich vor dem Fahrzeug zeigt. Nicht, dass er sie brauchen würde. Er weiß ganz genau, wie er an das Hindernis heranfahren, wo er Gas geben oder langsam machen muss. Es geht nur darum, mir zu zeigen, dass der Unimog auch eine solche Kamera an Bord hat.

Steigungen bis 45 Grad klettert der Unimog recht mühelos hoch, auch auf Geröllpisten.
Steigungen bis 45 Grad klettert der Unimog recht mühelos hoch, auch auf Geröllpisten.Foto: Mercedes

Der Böschungswinkel, also der maximale Steigungswinkel, ohne dass die Karosse am Boden kratzt, beträgt 41 Grad vorne und fast unglaubliche 51 Grad hinten. Die allermeisten Offroad-Fahrzeuge schaffen weniger. Auch über Rampen mit einem Winkel von je 34 Grad fährt der Unimog und mit einer optionalen Erweiterung schafft das Fahrzeug Wassergräben bis zu 1,20 Meter Tiefe. Bei einem Meter kann man sogar Gas geben, so wie hier in Horstwalde: Mit voller Fahrt geht es durch die Senke. Locker zwei Kubikmeter Wasser schiebt der Unimog aus der Kuhle, es spritzt bis übers Fahrerhaus.

Die Aufbauten des Unimog sind an nur drei Punkten mit dem Rahmen verschweißt

Weiter auf die Buckelpiste. Erst als ich bei der zweiten Durchfahrt aussteige, sehe ich, in welchem beeindruckenden Winkel sich die beiden Achsen dabei gegeneinander verschränken. An nur drei Punkten sind die Aufbauten mit dem Leiterrahmen verschweißt. Und der wiederum biegt sich bis zu einem gewissen Grad mit.

Im Einsatz ist der mehr als 60 Jahre alte, immer wieder mal runderneuerte Unimog in Europa vor allem in unzugänglichen Waldgebieten. Außerhalb unseres Kontinents sind es auch schon mal Wüsten, die Tundra oder auch Bergmassive.
Im Einsatz ist der mehr als 60 Jahre alte, immer wieder mal runderneuerte Unimog in Europa vor allem in unzugänglichen...Foto: Mercedes

Zum Abschluss kommen wir an die Steigungsbahnen, bis zu 45 Grad geht es hier runter. Der Unimog würde auch mehr schaffen, bei der Seitenneigung geht es bis zu 38 Grad. Dann noch eine Abschlussrunde auf einem historischen Unimog von 1977. Der ist genauso geländegängig wie das neue Modell. Nur weniger komfortabel ist er und schüttelt noch wilder. Man sollte sich einen Cocktailshaker mit auf den Ritt nehmen. Spaßiger lässt sich auf keinen Fall ein Drink mixen.

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