Mobil in den Winter : Weiße Wildnis

Vor dem Autofahren in den Bergen haben viele Flachländer Angst. Aber so schwer ist die Sache nicht. Wie man Bodenhaftung behält – und welche Technik dabei helfen kann

Kai Kolwitz

Bergbewohner haben’s gut. Denen liegt das winterliche Fahren auf steilen oder abschüssigen Strecken fast schon in den Genen. Was soll man auch machen, wenn es geschneit hat und man trotzdem zur Arbeit oder zum Einkaufen muss? Ganz anders liegt der Fall bei Gästen aus dem Flachland: Deshalb ist die Situation gar nicht so selten, in der der Alm-Öhi im alten Ascona Kreise um die stecken gebliebenen Allradfahrzeuge der Skitouristen fährt. Aber was soll man auch tun als Berliner oder Brandenburger? Trockentraining fällt mangels Bergen in der Region aus. Da hilft es nur, sich für den Skiurlaub zumindest so fit wie möglich zu machen.

Und das fängt mit der Vorbereitung an: Winterreifen sind eine Selbstverständlichkeit, genauso wie Scheibenfrostschutz, Defroster-Spray, Eiskratzer – und noch mehr: „Handfeger, Schaufel, Schneeketten, zwei bis drei Kilo Sand, Starthilfekabel, Abschleppseil“ zählt ADAC-Mann Andreas Hölzel auf. Der Sand deshalb, um auf glatten Straßen den Bereich vor den Antriebsrädern griffiger zu machen und so vielleicht doch noch anfahren zu können – übrigens kann man es stattdessen im Notfall auch mit den Fußmatten vor den Reifen probieren.

Vor allem zwei Situationen sind es, vor denen Flachland-Touristen in den Bergen Respekt haben: Anfahren am Berg und die Fahrt bergab auf glatter Fahrbahn. Was Letzteres angeht, erklärt Hölzel: „Es gibt kein Patentrezept. Die Empfehlung lautet: kleinen Gang einlegen und die Motorbremse benutzen.“ Allerdings: Wenn der Wagen trotzdem ins Rutschen kommt, kann es nötig werden, sich externer Bremshilfen zu bedienen, bevor ernsthaftes Unglück geschieht. Das können Schneehaufen an der Bergseite sein oder die Leitplanke. „Das kann zwar teuer werden, ist aber oft das kleinere Übel“, erklärt der Experte.

Was das Anfahren am glatten Berg angeht, gilt dagegen: am besten vermeiden. Sprich, vorher Schwung holen und versuchen, die Steigung mit seiner Hilfe zu meistern. Dazu hat Hölzel eine überraschende Ergänzung: „ASR und ESP sollten ausgeschaltet werden, sonst kann es passieren, dass das Fahrzeug stehen bleibt, weil die Systeme die Motorleistung herunterregeln.“ Ein weiterer Tipp des Profis: Manche Autos schlagen sich an glatten Steigungen besser, wenn man sie rückwärts zu nehmen versucht. Auch der zweite Gang ist einen Versuch wert. Wenn gar nichts mehr hilft, muss man eben eine passende Stelle finden, um Schneeketten aufzuziehen. Mit denen hat man idealerweise schon an geeigneter Stelle geübt: Sie gehören auf die Antriebsräder, bringen signifikant mehr Traktion, aber auch ein anderes Fahrverhalten und sollten nur so lange benutzt werden wie nötig. Oder, auch wenn’s peinlich ist, auf halber Strecke umdrehen und einen neuen Anlauf nehmen. Am besten rechtzeitig, bevor man die Räder beim Durchdrehen komplett eingegraben hat. Falls doch, hilft die Schaukelmethode: Erster Gang, bis nichts mehr geht, Rückwärtsgang genauso und immer abwechselnd, bis die Flucht gelingt. Das ESP muss dazu ausgeschaltet sein. Immerhin: Im Zweifel hat der Bergauffahrende Vorfahrt, um nicht neu anfahren zu müssen.

Ob dagegen Front- oder Heckantrieb das bessere Winterauto ergibt (Allrad schlägt sowieso alles), dazu können auch die ADAC-Männer kein eindeutiges Urteil abgeben: Ein Fronttriebler bricht beim Beschleunigen nicht so leicht aus wie ein Hecktriebler. Dafür ist bei Zweiterem die Belastung der Antriebsachse am Berg besser, was für mehr Traktion sorgt. Beides hat also Vor- und Nachteile. Ein anderes Vorurteil hat sich dagegen weitgehend überholt: Mit Automatik fährt es sich im Winter inzwischen in der Regel nicht mehr schlechter als mit Handschaltung. Zum einen verfügen viele moderne Schaltautomaten über spezielle Programme für glatte Strecken, zum zweiten lässt sich das Gas bei Automatik-Fahrzeugen oft sogar besser dosieren als bei Handschaltern. Durchdrehende Räder lassen sich so vermeiden – und gegen ungewolltes Hochschalten am Berg oder im Gefälle lassen sich auch Automaten meist im kleinen Gang blockieren, um Drehmoment und Motorbremse nutzen zu können.

Bleibt als Fazit: Mit der nötigen Gelassenheit und der Einsicht, dass im Schnee alles ein bisschen langsamer geht, lassen sich in den Bergen die meisten Situationen auch von Flachländern lösen. Und dann gäbe es da ja noch ein ganz spezielles Expertentraining: In Österreich sind Gaudi-Rennen am Berg im Winter nicht unüblich. Mit alten Autos und Sommerreifen, damit es nicht zu einfach wird.

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