Motorboot : Das Boot, das aus dem Keller kam

1959 im Keller eines Vereinsheims erbaut, ist die "Frohe Fahrt" auch ein Stück Berliner Zeitgeschichte.

Stefan Gerhard

Beim sommerlichen Oldieboot-Treffen in Teupitz tauchen immer wieder ungewöhnliche Boote auf, die oft auch eine besondere Geschichte haben. Der Berliner Motorboot-Eigenbau „Frohe Fahrt“ bietet noch dazu eine Geschichte, die sich bis zu seinen Anfängen in einem West-Berliner Keller zurückverfolgen lässt.

Ende der 1950er-Jahre hatten die Eltern des heutigen Eigners Joachim Quednau, beide Mitglieder im Verein für Kanusport Berlin (VKB), ein Problem mit ihrem Ruderboot. Der kleine Sohn wollte nicht wie sein großer Bruder im Boot sitzen und den Eltern beim Rudern zusehen, sondern immer aufstehen. Die Mutter konnte sich aber nicht gleichzeitig in die Riemen legen und den Kleinen festhalten.

Nach ersten Versuchen mit einem Seitenborder am Ruderboot hat Papa Paul Quednau dann ein Motorboot gebaut. Dieses erste Boot wurde von einem luftgekühlten ILO Nautilo mit drei PS angetrieben und nach kurzer Zeit an einen Bekannten verkauft. Dieser Motor läuft heute noch und ist auch im Besitz von Joachim Quednau.

Von Boot Nummer 2 wurden gleich zwei Exemplare auf Kiel gelegt. Die Form war gegenüber der Baunummer 1 etwas schnittiger, als Antrieb diente wieder ein ILO Nautilo, diesmal mit fünf PS, der schon eine moderne Verkleidung besaß. Diese Hülle blieb wegen häufiger Motorprobleme aber häufig demontiert.

So wurde der ILO Mitte der 60er Jahre gegen einen 9,5-PS-Motor der Marke Johnson getauscht. Boot Nummer 4 war dann das Trainingsbegleitboot des Vereins für Kanusport Berlin, angetrieben durch einen König-Motor – eine Berliner Komplettlösung gewissermaßen. Dieses Boot erlitt leider das Schicksal, im fast täglichen Einsatz sehr beansprucht zu werden. Bei einer Sonnenwendfeier des Vereins bildete es schließlich – mit dem Bug zum Himmel – die Basis für das Feuer.

Allen Quednau-Booten gemeinsam war die klar begrenzte Breite, die darin begründet war, dass die Werft der Kellerraum eines Jugendfreizeitheims war. Dieser Raum hatte nur eine Tür und ein Fenster. Dieses Fenster war nur einige Millimeter größer als die maximale Breite und Höhe des Bootes ohne Scheibe. Die Hölzer für die Spanten, die Mahagoni-Sperrholzplatten, Leim und die Nägel konnte man durch die Tür hereinbringen: Wenn daraus ein Motorboot geworden war, musste es durchs Fenster wieder hinaus.

Dem Keller entronnen, ging es dann auf die Gewässer im Westen Berlins – zuerst häufig, dann immer seltener. Das lag vor allem an der sinkenden Größe der Motorbootflotte des VKB, die zeitweise aus zehn Booten bestand. Die „Frohe Fahrt“ war das letzte Motorboot im Verein.

In den 60er Jahren gab es gemeinsame Fahrten des VKB mit muskel- und motorgetriebenen Booten – heute undenkbar. Das begrenzte Revier, bedingt durch den Mauerbau, schränkte die Freude am Motorbootfahren natürlich ein. Die Bootsdichte war so groß, dass man mit motorbootfreien Wochenenden dem Stau auf dem Wasser gegensteuern musste.

Nach dem Tod des Erbauers Paul Quednau lag das Boot vergessen in einem Schuppen in Berlin-Saatwinkel. Witwe Hildegard Quednau hoffte immer, dass das Boot noch einmal auf „Frohe Fahrt“ gehen würde.

Beim Oldieboot-Treffen 2007 war es so weit. Der montierte 3-PS-ILO lief zwar nicht immer, aber sie freute sich vor allem über die Erzählungen vom Treffen und den mit gut 30-jähriger Verspätung erworbenen Bootsführerschein ihres Sohns. Auch nach ihrem Tod im Alter von 90 Jahren war ihre „Frohe Fahrt“ weiter beim Oldieboot-Treffen dabei.

Neben manch piekfein restauriertem Oldtimer wirkt das Boot etwas vernachlässigt, findet Joachim Quednau. Aber ohne den in der Oldtimerszene oft als Ausrede für fehlende Perfektion gebrauchten Begriff „Patina“ zu strapazieren: Der Eigner will die (liebenswürdigen und kleinen) handwerklichen Unzulänglichkeiten seines Vaters, über welche die Mutter manchmal spöttelte, nicht einfach restaurieren.

Manche Erinnerung hängt an den Details, beispielsweise bei den Ablagefächern der ersten Ausbaustufe, „Schwalbenkästen“ genannt. Sie mussten später Seitenverkleidungen mit Kunstlederbezug weichen. Darunter lassen sich heute noch die Spuren des Holzleims der Ablagen zwischen den Spanten erkennen.

Auch der „Frohe Fahrt“-Schriftzug wurde seit dem Bau des Boots nicht erneuert. Der Eigner und Mit-Erbauer des Schwesterboots „Gaudi“ hat ihn mit Pinsel und Schablone aufgebracht. Er hatte nämlich von Berufs wegen die Werbeschriftzüge auf Berliner Doppeldecker-Busse lackiert; damals gab es noch keine computergesteuerten Folienschriften.

So lässt sich erahnen, dass Quednau junior das von seinen Eltern größtenteils eigenhändig Geschaffene nicht einfach „wegrestaurieren“, sondern wie ein Album mit alten Schwarz-Weiß-Fotos erhalten möchte und deshalb jedes Jahr wieder beim Oldieboot-Treffen zu Wasser lässt.

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