Motorrad : Gespaltene Persönlichkeit

Moto Guzzis Griso hat zwei Gesichter – je nachdem, ob mehr oder weniger als 6000 Touren anliegen

Thilo Kozik

Die neue Kraft ist ebenso unerwartet wie willkommen. Kurz hinter den Stadtgrenzen von Mailand cruise ich. Dann ein LKW, einen Augenblick später ist die Lücke da, ich drehe den Griso-Gasgriff zum ersten Mal richtig auf. Zunächst beschleunigt das Bike in der gewohnten, unaufgeregten Form. Dann streift die Drehzahlmesser die 6000er Marke, der neue ohc-V-Twin atmet spürbar tiefer ein und pusht die Griso mit einem bemerkenswerten Maß an Top-End-Power vorwärts.

Eigentlich hätte mich das nicht überraschen sollen, denn der neue Guzzi-ohc-Achtventiler mit 1151 Kubik ist für 110 PS bei 7500 U/min gut. Doch die tadellosen Manieren des neuen Motors unterhalb der 6000er Schwelle haben ja in keiner Weise den neuen Kämpfermut vermuten lassen. Für den gewachsenen Hubraum von 1151 ccm sind eine größere Bohrung von 95 sowie ein längerer Hub von 81,2 mm verantwortlich. Das beschert ein Viertel mehr Leistung, und dennoch fällt der Motor kompakter aus. Die Griso wiegt nun trocken 222 kg – fünf Kilo weniger als der Vorläufer. Die größten Modifikationen erfuhren die Zylinderköpfe, in denen nun je vier Ventile von einer zahnkettengetriebenen Nockenwelle betätigt werden. Neue Schmiedekolben werden von Öldüsen gekühlt, die Verdichtung stieg von 9,6:1 auf 11:1.

In die Ventildeckel wurde „quattro valvole“ eingestanzt, um die Unterschiede auch äußerlich erkennbar zu machen. Ein weiteres innovatives Erkennungsmerkmal findet sich am Heck, wo die armdicken Auspuffrohre in einem massigen Schalldämpfer münden. Dieser zeigt nicht nur die turbinenartige Griso-typische Endkappe, mit einer neuen, etwas kleineren Öffnung unterhalb ergibt sich von hinten betrachtet eine klare „8“. Damit gelingt der Griso der krönende Abschluss einer beim Digitalinstrument beginnenden Linie, die sich über leicht modifizierte Kunststoffteile bis zum formschönen, in die hintere Radabdeckung eingepassten LED-Rücklicht fortsetzt.

Guzzi hat sich neben dem Motor auch um das Fahrwerk gekümmert. Die 43er Showa-Gabel trägt nun eine Carbon-Nitrit-Beschichtung, neue Frontstopper kombinieren radial montierte Vierkolben-Festsättel von Brembo mit 320 mm Petal-Bremsscheiben. Der Achtventiler wirkt durch den etwas niedrigeren und schwarz eloxierten Lenker ein wenig rennmäßiger. Auch die Sitzbank wurde überarbeitet; aber die Sitzhöhe von 800 mm blieb unverändert.

Nach dem Anlassen des Längsläufers stellt sich ein Gefühl der sanften Weiterentwicklung ein. Der ohc-Motor läuft spürbar sanfter und leiser, die Einscheibenkupplung lässt sich leicht bedienen. Die überarbeitete Marelli-Einspritzung reagiert sanft auf Gasgriffbefehle, zwischen 2000 und 6000 Umdrehungen gibt sich der Motor elastisch genug. Das Sechsganggetriebe und der Kardanantrieb arbeiten unauffällig.

Natürlich sind 140 km/h nach wie vor das begrenzende Nackenmuskeltempo. Aber während dem alten Modell ab 160 km/h langsam die Puste ausging, drückt die neue Griso deutlich kräftiger weiter und dürfte rund 230km/h erreichen.

Dabei liegt die Guzzi äußerst stabil. Angesichts der Dimensionen fällt ihre Agilität erstaunlich groß aus. Die vorgegebene Strecke wies zwar keine engen Kehren auf, doch es gab genügend Möglichkeiten, sich von der Neutralität und dem leichtem Handling der Maschine zu überzeugen. Die sportlich straffen Federelemente harmonieren gut mit dem steifen Rahmen, auch die dicken Metzeler Sportec-Reifen sind eine gute Wahl:

So ist die Griso absolut alltagstauglich. Der Tank fiel mit 16,7 l kleiner aus, was laut Guzzi durch den sparsameren Motor mehr als ausgeglichen wird. Doch das darf bezweifelt werden: Die neue Vorliebe für höhere Drehzahlen und sportliche Fahrweise wird den Verbrauch etwas anheben. Was bleibt, ist ein deutliches Plus an Fahrspaß, ohne die starke Persönlichkeit der Griso zu beeinträchtigen. Im Gegenteil: Jetzt bekommt die muskelbepackte Optik einen adäquaten Mitspieler auf der Motorseite.

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