Das neue Tourenbike BMW S 1000 XR : Mit einem Lächeln im Gesicht

BMW greift die Multistrada an und bringt mit der S 1000 XR ein handliches Tourenbike mit Power auf den Markt. Leichter als die bekannten, schweren Boxer und vor allem agiler. Ein gelungener Kompromiss zwischen Reisemotorrad und Sport-Bike.

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Für eine relativ schwere Reiseenduro ist die BMW S1000 XR geradezu hungrig nach engen Kurven. Die Sitzposition ist aufrecht, aber die XR lässt sich dennoch gut und stabil ins Eck drücken.
Für eine relativ schwere Reiseenduro ist die BMW S1000 XR geradezu hungrig nach engen Kurven. Die Sitzposition ist aufrecht, aber...Foto: Bernhard Limberger / BMW

Bei vielen Motorradfahrern schlagen zwei Herzen in einer Brust: Man mag es sportlich und gibt gern auf Rennstrecken Gas. Andererseits kennt man die angenehmen Seiten einer großen Enduro: Bei längeren Fahrten ist die aufrechte Sitzposition schlicht bequemer. Und durch die größere Silhouette, die in der Designersprache Flyline heißt – aber dazu später mehr – wird der Endurofahrer auch besser gesehen. Wie aber kombiniert man diese beiden Seiten? Als BMW im vergangenen Jahr den Roadster S 1000 R vorgestellt hatte, flüsterte ein Projektleiter verschwörerisch: „Dann warte mal die XR ab.“ In dieser Woche war es so weit. Die erste Journalistengruppe wurde von BMW ins Hinterland von Barcelona eingeladen, um den neuen wassergekühlten Vierzylinder S 1000 XR zu testen. Und das ging gut ab - mit dieser „Wespe“.

Ein Habicht auf Beutefang bei Multistrada und Co

BMW-Designer Andreas Martin kriegt sich bei der Präsentation am Abend vor dem Fahrtag vor lauter Begeisterung kaum ein. Mit der XR habe man ein „neues Segment“ kreiert: Adventure Sport. Touringqualitäten gepaart mit sportliche Erscheinung und gutem Handling. Das heißt nichts anderes, als Kunden gewinnen zu wollen, denen das BMW-Königsmodell, die 1200 GS, nicht zusagt, sei es, weil sie mit Boxern nichts anfangen können, sei es, dass ihnen die 1200er zu wuchtig ist. BMW will mit dieser neuen 160-PS-Maschine die Biker locken, die gern mal schnell in die Kurven gehen wollen, aber auch nichts gegen lange Fahrten haben. Natürlich geht es ebenso um die Konkurrenz: der Multistrada Fans abspenstig zu machen.

Cockpit kompakt: Über dem Lenker bleibt die BMW S 1000 XR bescheiden.
Cockpit kompakt: Über dem Lenker bleibt die BMW S 1000 XR bescheiden.Foto: BMW

Zwischen der Ducati und der XR gibt es einen Unterschied, wenn man sich die „Fluglinie“, also die Flyline, wie Designer Martin sagt, anschaut und vorne den Schnabel betrachtet. Wie beim Supersportler S 1000 RR, der HP4 und dem Roadster S 1000 R hat auch die XR ein Split Face, also ein ungleichmäßiges Gesicht. Aber es wirkt brachialer. Auf den ersten Blick scheinen die Scheinwerfer symmetrisch zu sein, im Inneren kann man die Asymmetrie dennoch erkennen. Als Sonderausstattung zwischen den Scheinwerfern gibt es eine senkrechte LED-Leuchte fürs Tageslicht. Betrachtet man die XR von vorn, erinnert sie an eine Wespe. Die Front der Multistrada ähnelt dagegen einem Habicht . Zugegeben, das ist eine subjektive Interpretation, die den Designern immerhin ein freundliches „Ach, das ist ja echt interessant“ entlocken konnte.

Komfortables Funbike mit vielen Helferlein

Die XR mit ihrer aufrechten Gestik wirkt kraftvoll, aber gleichzeitig agil. Das liegt an den langen Federwegen, dem kurzen, hohen Heck und dem optischen Kontrast zwischen lackierten und matten Flächen. Die Designer setzen auf bewusste optische Brüche. „Ein Kraftpaket“, sagte ein Kollege. Man sitzt auf der XR sehr bequem. Der Knieschluss ist perfekt. Schon vor dem Start fühlt sich die Maschine passend an. Die Sitzhöhe beträgt regulär 840 Millimeter. Fahrer über 1,90 Meter können auf 855 Millimeter oder Sonderanfertigungen zurückgreifen, kleinere können sich für eine Sitzhöhe von 820 Millimeter und einer Tieferlegung entscheiden.

Und los geht’s. Serienmäßig bietet die XR die Fahrmodi „Rain“ und „Road“ sowie die automatische Stabilitätskontrolle ASC (Automatic Stability Control). Wir sind die XR mit dem Dynamik-Paket gefahren: Schaltassistent, die weiteren Fahrmodi „Dynamic“ und „Dynamic Pro“ sowie die dynamische Traktionskontrolle DTC (Dynamic Traction Control) und ABS Pro. Dieses ABS verhindert beim Bremsen in Schräglage oder bei Notbremsungen das Blockieren der Räder und abrupte Lenkkraftveränderungen.

Obwohl die BMW S 1000 XR Front recht ebenmäßig wirkt, ist sie zweigeteilt. Die beiden Scheinwerfer erfüllen unterschiedlich Aufgaben.
Obwohl die BMW S 1000 XR Front recht ebenmäßig wirkt, ist sie zweigeteilt. Die beiden Scheinwerfer erfüllen unterschiedlich...Foto: BMW

Die Route von rund 250 Kilometern durch das Hinterland von Barcelona, vorbei am Kloster Montserrat, ist verwinkelt. Erst längere Kurven, dann wird es enger mit Serpentinen. Bis auf kurze Autobahnabschnitte ist das wohl die ideale Strecke für so ein hochmotorisiertes Funbike. Hunderte Kurven, die Berge rauf und runter. Sehr gute Fahrstabilität, kein Ruckeln, die Gasannahme ist direkt, und mit oder ohne Schaltassistent macht das Herausbeschleunigen aus den Kurven einfach nur Spaß. Wheelies und das Abheben des Vorderrads müssen aktiv „gezündet“ werden: Dafür gibt es einen Codierstecker, um den „Dynamic Pro“-Modus zu aktivieren. Die Geschwindigkeit der XR gibt BMW übrigens mit mehr als 200 km/h an. Ein Kollege soll es geschafft haben, auf 230 km/h zu beschleunigen.

Geschmeidiges Kraftpaket

Apropos Geschwindigkeit: Das Windschild ist in zwei Stufen einstellbar und hält Gegenwind gut ab. Während der Fahrt lassen sich die Modi per Tastendruck wechseln: kurz das Gas schließen und der ausgewählte Fahrmodus wird aktiviert. Im „Dynamic“-Modus ist das ABS so ausgelegt, dass die Elektronik erkennt, wenn das Vorderrad abhebt, sie lässt aber zu, dass sich das Rad auf unebenen Stellen leicht lupft.

Der Vierzylinders ist eine angepasste Version aus der S 1000 R. Der Motor der XR leistet 118 kW (160 PS) bei 11 000 Umdrehungen pro Minute und ein maximales Drehmoment von 112 Newtonmetern bei 9250 Umdrehungen. Vor allem im niedrigen und mittleren Drehzahlbereich zieht die XR damit kraftvoll durch: Für brenzlige Situationen gibt es ausreichend Reserven. Im Dynamic-Modus ist im unteren Drehzahlbereich ein blubbernder Sound zu hören. Ansonsten surrt die XR permanent. Wer es satt in den Ohren mag: BMW bietet als Sonderzubehör einen Akrapovic-Schalldämpfer an. Die Form der Endtöpfe mit ihrem fünfeckigen Querschnitt ist gewöhnungsbedürftig: Er ist ziemlich weit heruntergezogen, damit auch ein Koffer montiert werden kann.

Der Endtopf der BMW S 1000 XR ist optisch etwas gewöhnungsbedürftig.
Der Endtopf der BMW S 1000 XR ist optisch etwas gewöhnungsbedürftig.Foto: BMW

Wer gern zu zweit in den Urlaub fahren möchte, wird wohl als Sonderausstattung auf das Touring-Paket zurückgreifen, das unter anderem Heizgriffe, Kofferhalter, eine Vorbereitung für Navigationsgeräte, einen Hauptständer und eine Gepäckbrücke beinhaltet. Die XR wiegt vollgetankt 228 Kilogramm und ist somit nicht unbedingt von der leichten Sorte. Beim Handling macht sich das Gewicht kaum bemerkbar: Die Maschine ist ausgesprochen wendig.

Ab dem 13. Juni steht die S 1000 XR beim Händler. Der Grundpreis liegt bei 15 200 Euro. Baureihenleiter Bernd Scherer gibt eine Stückzahl von jährlich 8000 Fahrzeugen an. 2014 wurden im Spandauer Werk 123 000 Motorräder produzieren. 100 Millionen Euro will der Konzern in Berlin für die Erweiterung investieren. Welche Modelle werden kommen? Ein neuer Boxer? Aber vorher unbedingt die XR mal fahren. Sie zaubert ein genüssliches Lächeln ins Gesicht.

Leicht und kurvenfreudig: Die BMW S 1000 XR findet einen guten Kompromiss zwischen Lastentier und Kurvenräuber.
Leicht und kurvenfreudig: Die BMW S 1000 XR findet einen guten Kompromiss zwischen Lastentier und Kurvenräuber.Foto: Bernhard Limberger / BMW

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