Elektro-Motorrad der anderen Art : Biene Maja unter Strom

Ist es das Dienstmoped von Batman, Biene Maja oder ein dicker Krabbelkäfer? Keine Frage, die Johammer J1 fällt auf. Und nicht nur optisch

Gerhard Prien
Ju52-Blech gepaart mit Fühlern wie bei der Biene Maja: Die Johammer J1 fällt auf, positiv wie negativ. Entweder man mag sie oder man hasst sie.
Ju52-Blech gepaart mit Fühlern wie bei der Biene Maja: Die Johammer J1 fällt auf, positiv wie negativ. Entweder man mag sie oder...Foto: promo

Zweiräder mit Elektroantrieb liegen im Trend - das ist auch dem letzten Zweifler klar, spätestens seitdem sich selbst die amerikanische Kult-Marke Harley-Davidson mit dem lautlosen Antrieb befasst. Die Firmen Brammo und Zero verkaufen bereits seit einiger Zeit ihre zweirädrigen Stromer und auch die bereits tot geglaubte französische Marke Voxan will künftig mit einem leistungsstarken E-Bike punkten.

Die Elektro-Motorräder sehen jedoch ihren mit herkömmlichen Verbrennungsmotoren angetriebenen Artgenossen noch recht ähnlich. Das muss nicht sein, meint man beim österreichischen Unternehmen Johammer in Bad Leonfelden. Ein umweltfreundliches Motorrad darf auch mal ganz anders daherkommen als ein „normales“ Bike. Die J1 sieht deswegen nicht nur höchst ungewöhnlich und ein wenig gewöhnungsbedürftig aus, sie ist - so verspricht der Hersteller - auch zu hundert Prozent recyclebar.

Love it - or leave it

Denn, so Geschäftsführer Johann Hammerschmid: „Alle Rohstoffe dieser Erde sind begrenzt. Wenn wir wertvolle Rohstoffe verwenden, müssen die daraus hergestellten Produkte so designed sein, dass eine möglichst lange Nutzungsdauer gegeben ist.“ Gut vier Jahre währte die Entwicklung, mittlerweile hat die Produktion begonnen. Bei Johammer hofft man auf einen Verkauf von rund 30 bis 50 Elektro-Motorrädern pro Jahr. Dann wäre die Firma nach sechs Jahren in der Gewinnzone. Ein ehrgeiziges Ziel, denn günstig ist die J1 nicht. Schlappe 23 000 Euro muss der Kunde für die J1.150 - mit 150 Kilometer Reichweite - auf den Tisch legen, für die J1.200, die Reichweiten bis zu 200 Kilometer erlauben soll, werden gar 25 000 Euro aufgerufen. Damit liegen die E-Bikes in der Preisklasse einer Harley Softtail. Und die kann man zu zweit fahren, während die Johammer J1 ein reiner Einsitzer ist.

Im Wesentlichen Batterie: Der Schwerpunkt der Johammer J1 ist durch den Energiespeicher in der Mitte definiert.
Im Wesentlichen Batterie: Der Schwerpunkt der Johammer J1 ist durch den Energiespeicher in der Mitte definiert.Foto: promo

Punkten kann das E-Bike aus der Alpenrepublik - je nach Sichtweise - mit seiner Optik. Das Design polarisiert: love it - or leave it. Wer auffallen mag, der findet hier jedenfalls das richtige Objekt der Begierde. Das einzig „gewöhnliche“ sind die beiden Räder, je eines vorne und eines hinten und nach wie vor so angebracht, dass beide bis zum Boden reichen. Die Beplankung des Chassis schaut aus, als sei sie in einer Erdnuss-förmigen Optik aus den Wellblechüberresten einer Junkers Ju 52, der „alten Tante Ju“ aus den 30-er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, gedengelt worden. Dabei besteht die direkt hinter dem riesigen Vorderrad ohne Speichen beginnende Verkleidung aus Polypropylen.

Eine Menge Hightech an Bord

Ein Cockpit sucht man bei de Johammer J1 vergebens. Vielmehr werden die wichtigsten Informationen über die beiden Außenspiegel eingeblendet.
Ein Cockpit sucht man bei de Johammer J1 vergebens. Vielmehr werden die wichtigsten Informationen über die beiden Außenspiegel...Foto: promo

Zwei recht hoch liegende Lenkerenden ragen ebenso über das „Chassis“ hinaus wie die beiden Rückspiegel, bei denen man sich unwillkürlich an Fühler eines Insekts erinnert fühlt. In die abstehenden Rückspiegel sind 2,4 Zoll große und hochauflösende Farb-Displays integriert, sie informieren unter anderem über Geschwindigkeit und Ladezustand der Akkus. Ungewöhnlich auch: Zwei unterschiedlich große Scheinwerfer lauern über dem Vorderrad, zwei weitere und die Blinker sind auf der Vorderseite der Spiegel angebracht.

Für den Vortrieb sorgt eine E-Maschine mit einer Leistung von 11 kW, was 15 Pferdestärken entspricht. Der permanent erregte Synchronmotor mit seinem einstufigen Getriebe, beides im Ölbad laufend, sei „lebensdauergeschmiert und wartungsfrei“, so verspricht es der Hersteller. Fünfzehn PS sind nicht unbedingt üppig, aber ausreichend für die - elektronisch begrenzte - Höchstgeschwindigkeit von 120 km/h. Die 159 Kilogramm wiegende J1.150 bietet eine Akku-Kapazität von 8,3 kWh, die J1.200 hat einen Akku mit 12,7 kWh Speicherkapazität und bringt es daher auf ein Gewicht von 178 Kilogramm. Der Hersteller verspricht eine Ladezeit von zweieinhalb Stunden für 80 Prozent Ladung. Der Akku-Pack kann an jeder haushaltsüblichen Steckdose geladen werden, mit Schnellladefunktion soll die Übung in maximal 80 Minuten über die Bühne gehen.

An der Einarmschwinge aus Aluminium ist eine Radnabenlenkung montiert. Wegen dem Verhältnis von Leergewicht und Leistung darf die Johammer schon ab 16 Jahren gefahren werden.
An der Einarmschwinge aus Aluminium ist eine Radnabenlenkung montiert. Wegen dem Verhältnis von Leergewicht und Leistung darf die...Foto: promo

Die Akkus konstruierte man in Österreich selbst, wie einen Großteil der Komponenten. Zugekauft werden lediglich Reifen, Bremsscheiben und ein paar Kleinteile. Der rund 70 Kilo schwere Akku-Pack besteht aus insgesamt 1200 einzelnen Lithium-Ionen-Batterien. „Wir mussten fast überall selbst Hand anlegen, da die am freien Markt verfügbaren Komponenten nicht unseren Ansprüchen genügten“, erläutert Ingenieur Lukas Geymayer. „Aus unserem Haus kommt auch die Produktionstechnik für die einzelnen Komponenten.“ Als Batterie-Lebensdauer verspricht Johammer 200 000 Kilometer. Danach werden die Akkus als stationäres Speichermedium für Photovoltaik-Anlagen weitergenutzt.

Es locken niedrige Kosten

Das Fahrwerk besteht aus einer zweiarmigen Schwinge vorne und einer Einarmschwinge hinten. Eine klassische Frontgabel ist an der J1 nicht zu finden, dafür aber eine mechanische Radnabenlenkung. Der geschraubte Zentralrahmen und die Schwingen sind komplett aus Aluminium gefertigt, was bei niedrigem Gewicht eine hohe Steifigkeit bringt. Auch das Chassis soll mit seinem verwendeten Kunststoff bruchsicher, stabil und äußerst leicht sein. Ungewöhnlich ist, dass der komplette Antrieb in der hinteren Einarmschwinge aus Aluminiumguss integriert ist, E-Antrieb und Regler sitzen im Hinterrad. Über den kompletten Geschwindigkeitsbereich bis 120 km/h bleibt das zur Verfügung stehende Drehmoment von 220 Nm am Rad konstant. Verzögert wird die J1 mit Scheibenbremsen, beim Bremsvorgang wird Energie rekuperiert. Der Schwerpunkt des Bikes im Retro-Design liegt durch seine Bauweise bei niedrigen 350 mm Höhe.

Die Johammer J1 darf wegen ihrer 11 kW und dem Verhältnis von Leistung zu Leergewicht bereits ab 16 Jahren mit dem Führerschein A1 gefahren werden. Das E-Bike ist in fünf Farben und in verschiedenen Ausstattungsvarianten zu haben. Diese unterscheiden sich bei der Kapazität der Akkus und beim On-Board-Ladegerät (Drei kW). Die Betriebskosten sollen für 100 Kilometer Fahrstrecke bei gerade mal 1,20 Euro liegen. Das versöhnt vielleicht ein wenig mit dem nicht ganz billigen Anschaffungspreis dieses Elektro-Zweirads.

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