Fahrbericht BMW S 1000 R : Kurvenfieber mit viel Elektronik

Naked Bike oder Roadster? BMW will mit der S 1000 R neue Märkte erobern und plant dafür erhebliche Stückzahlen ein. Kann die Neue ähnlich erfolgreich sein wie das erste weiß-blaue Superbike? Ein erster Fahrbericht.

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Auf den ersten Blick ein klassisches Naked Bike. Einsortiert wird die BMW S 1000 R von Werk aus aber als "Dynamic Roadster".
Auf den ersten Blick ein klassisches Naked Bike. Einsortiert wird die BMW S 1000 R von Werk aus aber als "Dynamic Roadster".Foto: BMW

Es gibt zwei Möglichkeiten, einen Supersportler oder Naked Bike zu testen: extrem auf der Rennstrecke oder alltagstauglich auf Autobahn, Landstraße mit möglichst vielen Kurven. Als BMW Mitte der Woche die erste Journalistengruppe zur Präsentation der neuen BMW S 1000 R nach Mallorca eingeladen hatte, präsentierte sich die Insel von ihrer unfreundlichen Seite. Es regnete in Strömen. Ein Teil der 200 Kilometer langen Strecke führte auf 1000 Meter, viele Haarnadelkurven für Schräglagen. Theoretisch. Doch es lag Schnee. "Liegende rote Bikes auf weißer Schneedecke können auch gut aussehen", frotzelte einer der Fotografen. Kurzum: Die Route war aus Sicherheitsgründen auch für geübte Motorradfahrer nicht befahrbar. Stattdessen ging es Richtung Palma zurück und nach kurzem Aufwärmen wieder los. Der Regen wurde weniger, die Fahrbahn auf der anderen Strecke wurde trocken. Aber: Es war verdammt kalt – drei bis fünf Grad Celsius. Da freute sich selbst der motorradfahrende Purist über wärmende Heizgriffe.

Die S 1000 R ist die Schwester des vor vier Jahren erfolgreich vorgestellten Superbikes S 1000 RR. BMW stieg ins Supersportlersegment ein und schaffte es, im ersten Jahr bereits 10 000 Bikes zu verkaufen. Ob das mit der S 1000 R auch gelingt? Als Zielmarke sind dem Vernehmen nach erst einmal 6000 angepeilt. Aber was ist die BMW S 1000 R? Stephan Schaller, Leiter BMW Motorrad, sagt, mit der S 1000 R wolle man den Neueinstieg ins "Roadster-Segment" wagen. Dazu gehöre Fahrdynamik, Agilität und Handling. "Es muss Spaß machen, auf den Straßen zu räubern."

Die Proportionen müssen stimmen

Aber ist die 1000 R ein "Dynamic Roadster?" BMW-Motorrad-Chefdesigner Edgar Heinrich erklärt ausführlich das Designkonzept. "Ein Motorrad, ob Sportler, Tourer, Roadster, Offroad oder Urban Mobility, muss an den Proportionen, an der Formensprache und an den Details erkennbar sein", sagt Heinrich. "Wenn die Proportion nicht stimmt, funktioniert das Motorrad nicht." Und jedes Segment würde "Proportion, Mission und Mindset definieren." Aha. Mindset bedeutet nichts anderes als die Qualitätswahrnehmung durch Motorradkunden. Und wenn man sich die 1000 R genauer betrachtet, geht sie nicht als Roadster, sondern als klassisches Naked Bike durch. Erklärversuche von BMW: Das Roadster-Segment sei eben "breit aufgestellt.". So wie die zum 90-jährigen Jubiläum vorgestellte R nineT ein "Classic Roadster" ist.

Für das Kurvenräubern hat die BMW S 1000 R die richtigen Voraussetzungen.
Für das Kurvenräubern hat die BMW S 1000 R die richtigen Voraussetzungen.Foto: BMW

Die "Formensprache" bei der BMW S 1000 R lautet dynamisch. Die Abgrenzungen sind schärfer als bei der Doppel-R. Die kiemenförmigen Luftauslässe auf der linken Seite heben sich deutlicher als bei der Doppel-R ab. Die Front ist aggressiv, das Split Face ist ausgeprägter als bei der Schwester, die Scheinwerfer größer, prägnanter, sie starren einen an und sind wie bei der Doppel-R asymmetrisch, aber deutlich nach unten gezogen. Die 1000 R springt einem regelrecht ins Gesicht, was durch das nach oben gestellte, langgezogene Heck noch stärker betont wird. "Ein Gesicht in der Masse kreieren", sagt Designer Heinrich. Die 1000 R akzeptiert keinen Widerspruch, ist kompromisslos, aber sie schaut nicht so böse und grimmig aus wie die neue Kawasaki Z 1000.

Ein Fahr-Modus für die meisten Fälle

Draufsitzen und losfahren. Es ist nur gut, dass bei strömendem Regen die Traktionskontrolle auf den hellen Straßen greift. Je heller die Straße umso schlechter der Grip wegen des Straßenbelags. Und wer schon mal mit dem Gefühl, auf Schmierseife unterwegs zu sein, Kurven gefahren ist, weiß, dass ein wegglitschender Hinterreifen auf der Landstraße nicht ungefährlich ist. Und bei einem „Naked Bike“ mit hohem Lenker und kurzem Radstand verteilt sich die Last eher auf das Hinterrad. Da hilft nur elektronisch gegensteuern: Serienmäßig gibt es die automatische Stabilitätskontrolle ASC mit den Fahrmodi "Rain" und "Road", als Sonderausstattung die dynamische Traktionskontrolle DTC mit Schräglagensensor und zwei weiteren Fahrmodi "Dynamic" und "Dynamic Pro". Bei "Rain" ist die Gasannahme weich, hinzu kommen noch serienmäßig Renn-ABS. Die Leistung wird von 160 PS (118 kW) auf 136 PS (100 kW) reduziert. Das reicht bei schlechten Straßenverhältnissen nun wirklich aus.

Typisch für die BMW R 1000 S ist das "gesplittete Gesicht" des Bikes. Die Verwandtschaft mit der "Doppel R" wir hier deutlich.
Typisch für die BMW R 1000 S ist das "gesplittete Gesicht" des Bikes. Die Verwandtschaft mit der "Doppel R" wir hier deutlich.Foto: BMW

In den Modi Road und als Sonderausstattung "Dynamic" und "Dynamic pro" wird es richtig sportlich. Das Gas wird direkt an den Motor weitergegeben, das Race-ABS greift später ein, und die Hinterradabhebeerkennung ist deaktiviert. Der Modus "Dynamic pro" ist nur mit einem Codierstecker aktivierbar. Und was das heißt, kann sich jeder Fahrer, der sportlich unterwegs ist, vorstellen: Bei Betätigung der Hinterradbremse greift das Race-ABS nicht ein, der Sensor, der ein abhebendes Hinterrad erkennt, ist ausgeschaltet. Driften in die Kurve hinein ist möglich – und Wheelies können auch gefahren werden – auf eigene Verantwortung und ohne elektronische Kontrolle.

Glaubensfrage Tempomat

Die Modi können genauso per Knopfdruck wie die Dämpfereinstellung während der Fahrt eingestellt werden und sind im LC-Display ablesbar. Die eigenartige Kombination zwischen LC Display und analogem Drehzahlmesser passt optisch nicht zusammen. Man muss sich schon einfuchsen in die Bedienungsknöpfe. Nicht leicht fallen dürfte dem Biker der Feststellgriff beim Tempomaten. Braucht ein Motorrad einen Geschwindigkeitsregler? Das ist eine Glaubensfrage: Wer in der Schweiz wegen überhöhter Geschwindigkeit schon einmal aufgefallen ist, weiß, wie teuer so ein Verkehrsverstoß werden kann.

Sehr bequem ist die Sitzposition: Im Gegensatz zum Supersportler sind die Fußrasten um 23 Millimeter abgesenkt, die Soziusfußrasten um 55 Millimeter. Durch den höher gezogenen Lenker ist die Position deutlich aufrechter als bei der Doppel-R, und die niedrige Sitzhöhe mit 814 Millimetern dürfte kein Problem für kleinere Fahrer sein. „Ein Supergesamtpaket für Frauen und Männer“, sagt Produktmanager Sepp Mächler. „Bisher haben alle nach dem Fahren gelächelt“, sagt Projektleiter Stefan Zeit. Das Fahren mit der 1000 R macht wirklich Spaß, und es darf gelächelt werden.

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