Harley-Davidson Breakout im Test : Thors Donner auf Berlins Straßen

Fast wie ein Custom Bike kommt die Harley-Davidson Breakout daher. Mit blitzendem Chrom und matten Endtöpfen stiehlt sie so gut wie jedem die Show. Aber ist sie auch geeignet für den großen Ausbruch am Wochenende?

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Hard as a rock: Es gibt nicht viele Motorräder, die von Werk ab schon so viel Zierrat mitbringen wie die Harley-Davidson Breakout. Da besteht selbst für Custom-Bike-Fans erst mal relativ wenig Handlungsbedarf.
Hard as a rock: Es gibt nicht viele Motorräder, die von Werk ab schon so viel Zierrat mitbringen wie die Harley-Davidson Breakout....Foto: Markus Mechnich

In der Welt der Bikes gibt es zwei Kontinente: Motorräder und Harley-Davidson. So einfach ist das manchmal. Harley ist Harley seit just in diesen Monaten 110 Jahren. Eine Harley fährt man nicht, eine Harley wird gefahren, sie macht aus jedem, der aufsitzt, einen anderen Menschen. Der Rest sind eben Motorräder. Maschinen auf zwei Rädern, die nicht dieses Selbstbewusstsein, diesen Mythos vor sich hertragen. Sicher nett, wahrscheinlich auch technisch interessant, aber eben keine Harley.

Der diese Zeilen schreibt, ist keineswegs ein bärtiger Harley-Enthusiast, der mit Verachtung auf alles andere auf zwei Rädern herabblickt. Ganz und gar nicht. Der Autor musste erst 40 Jahre alt werden, um zum ersten Mal auf eine Harley steigen zu dürfen. Aber der Mythos weht bereits um jede Ecke am Salzufer, wo uns Classic Bike für diesen Test eine Harley-Davidson Breakout zur Verfügung gestellt hat. Bisher waren vor allem Enduros und Reiskocher mit reichlich Pferdestärken mein Metier. Harleys waren bei mir unter Chopper abgelegt. Motorräder zum Flanieren, aber nichts für den Fahrspaß und eher weniger was für mich. Die kommenden zwei Tage sollten meine Meinung allerdings grundlegend ändern.

Leidenschaft auf den ersten Blick

Schon als der Kollege von Classic Bike mit der Breakout um die Ecke fährt, kribbelt es im Magen. Es donnert am Salzufer. Und zwar donnert es so laut, dass selbst den AMG-Mercedes von der Mercedes-Niederlassung nebenan die Sterne zittern dürften. Als der Classic Bike Mitarbeiter mit der Breakout neben mir hält, wird es mir flau im Magen. Gut, dass ich noch nichts gefrühstückt habe. Nach kurzen Erklärungen bin ich ausreichend instruiert für meine ersten Harley-Kilometer.

Masse und Klasse: Die Harley-Davidson Breakout ist ein schweres Schiff, das tendenziell immer erst mal geradeaus will. In den Kurven zügeln die Fußrasten schnell zu viel Schräglage.
Masse und Klasse: Die Harley-Davidson Breakout ist ein schweres Schiff, das tendenziell immer erst mal geradeaus will. In den...Foto: Achim Schmidt

Auch ohne ein Fan von Custom Bikes zu sein schlägt mein Herz beim Anblick der Breakout höher. Wunderschön schwingt sich die Gabel von der gusseisernen Felge mit Titan-Lackierung hoch zum Lenker. Der Luftfilterdeckel strahlt mich chromglänzend an, und dahinter sitzen die beiden Töpfe, die Harley-Davidson eben so baut wie kein anderer Hersteller auf der Welt. Majestätisch, trocken, satt. Seitlich verlassen die Krümmer die beiden Zylinder in mattschwarzer Lackierung, um in die Dr.-Jekill-and-Mr.-Hyde-Endtöpfe zu münden. Über dem 240er-Schlappen im Heck schmiegt sich mit feinem Leder und doppelten Nähten bestückt die Sitzbank. Aus jedem Winkel betrachtet ist die Breakout eine Augenweide. Wenn schon Harley, dann auf jeden Fall so. Zum ersten Mal flammt ein kurzer Moment der Leidenschaft zwischen mir und der Breakout auf. Es sollte nicht der letzte bleiben.

Es kann losgehen, also aufgesessen. "Mein Gott, was für ein Brocken", denke ich, als ich die 322 Kilo vom Seitenständer hebe. Kaum zu glauben, dass sich eine solche Masse auf zwei Rädern bewegen lässt. Und dann der Radstand von 1,71 Metern! Wie soll man denn diesen Prügel bitte in eine Kurve knechten? Ich verdränge solche kleingeistigen Fragen in den hintersten Winkel meines Gehirns und drücke den Startknopf. Und nach drei Umdrehungen der Kurbelwelle ist es wieder da, dieses Gefühl. Ein Grummeln, ein sonores Wummern, dieser Sound, der jedem auf der Straße zeigt, wo hier die Show stattfindet. Alle Bedenken sind wie mit einem Streich weggewischt. Von jetzt an gibt es nur noch drei Dinge, die wichtig sind: dieses wunderschöne Motorrad, die Straße und ich. Alles andere ist Nebensache.

Break out and start up

Nachdem der Seitenständer eingeklappt ist, geht der Griff zum Kupplungshebel. Und hier stellt sich schnell heraus, dass die Harley kein Bike für Weichspüler ist. Hier braucht es Kraft in den Unterarmen. Der rechte Fuß drückt den Schalthebel nach unten und mit einem Rumms rauscht der erste Gang rein. "Der ist drin", denke ich und ziehe sicherheitshalber noch mal fester am Hebel. Aber alles in Ordnung, die Kupplung hat getrennt. So hört sich das nun mal an, wenn der erste von sechs Gängen in seine Position rauscht. Behutsam drehe ich am Gas und lasse die Kupplung langsam kommen. Langsam, aber mit dem Nachdruck von viel Drehmoment und Hubraum rollt die Harley-Davidson Breakout in Richtung Straße. Der Motorsound wird noch tiefer, doch die erwarteten Vibrationen bleiben weitgehend aus. Zwei Ausgleichswellen zivilisieren den V2-Block unter dem Tank zu einer weitgehend vibrationsfreien Arbeit. Was sich so hammerhart anhört, wenn mal aufgesessen wurde, ist im wahrsten und besten Sinne des Wortes Schall und Rauch.

Wunderschön schwingt sich die Gabel von der gusseisernen Felge mit Titan-Lackierung hoch zum Lenker.
Wunderschön schwingt sich die Gabel von der gusseisernen Felge mit Titan-Lackierung hoch zum Lenker.Foto: Markus Mechnich

Auf der Straße angekommen drehe ich den Gashebel weiter auf und spüre den Schub aus dem Drehzahlkeller. Rund 75 PS hat die Harley-Davidson Breakout zu bieten. Zumindest ist das die allgemeine Schätzung. PS-Angaben gibt es aus Milwaukee, wo die Schöne mit dem breiten Schlappen herkommt, grundsätzlich nicht. Die 130 Newtonmeter Drehmoment stehen allerdings durchaus im Datenblatt, und die schieben mich jetzt auch kräftig nach vorne.

Thors Donner in Bildern
Ehrwürdig, alt, aber sicher nicht altbacken: Harley-Davidson ist in diese Tagen 110 Jahre alt geworden. In der langen Geschichte stand es schon besser um die ur-amerikanische Motorradschmiede. Wirtschaftlich fahren die Amerikaner durch schwere See, auch wenn es schon deutlich schlechtere Zeiten gab. Die Modellpalette hat Harley Davidson in den letzten Jahren bereits kräftig ausgebaut. In diesem Jahr ist die Harley-Davidson Breakout hinzugekommen.Weitere Bilder anzeigen
1 von 25Foto: Markus Mechnich
20.09.2013 16:38Ehrwürdig, alt, aber sicher nicht altbacken: Harley-Davidson ist in diese Tagen 110 Jahre alt geworden. In der langen Geschichte...

Bis zur nächsten Kreuzung geht das Ganze sehr langsam und mit der angebrachten Ehrfurcht. Respekt verschafft sich die Harley Breakout ganz von selbst, beim Fahrer gleichermaßen wie bei den Passanten. Dann kommt der spannende Moment der ersten Kurve. Die Marschrichtung der Harley ist ganz klar nach vorne. Erst mit sanftem Druck, dann mit ordentlich Drücken lässt sie sich zu einem Kurvenmanöver überreden. Aber siehe da, wenn sie mal in die Kurve debattiert wurden, dann zieht sie die auch durch. Keine Nervosität am Heck, kein Neigung zum Aufrichten oder Reinfallen. Mit sanftem Gas gespeist zieht sie ordentlich ihren Kreis. Macht vielleicht doch Spaß, so eine Kurvenräuberei mit einer Harley. Wir werden sehen.

Positives Spektakel

Leider stehen mir am ersten Tag nur rund zwei Stunden für die Ausfahrt zur Verfügung. Zuhause wartet Arbeit, vor der mich auch der schönste Ausbruch, den man haben kann, heute nicht schützt. Also was macht der gemeine Harley-Fahrer, wenn er in der Stadt rumhängt und nur zwei Stunden Zeit hat? Er flaniert mit seinem Motorrad. Und genau das mache ich jetzt auch. Den 17. Juni runter, den Landwehrkanal entlang bis nach Kreuzberg zu einer kurzen Kaffeepause. In all den Jahren, in denen ich mich beruflich mit Autos und Motorrädern beschäftige, bin ich sicher schon mehr als tausend Fahrzeuge gefahren. Aber wohl keines davon hat so viel Spektakel veranstaltet und gleichzeitig so viel positives Feedback hervorgerufen wie diese Harley. Sehnsuchtsvolle Männeraugen verfolgen meinen Weg, interessierte Frauen drehen sich nach dem Höllenlärm um. Nur wenige verächtliche oder genervte Blicke ernte ich auf meinem Streifzug durch die Berliner Häuserschluchten. Ich hätte kaum damit gerechnet, dass eine Harley-Davidson ein so positives Image bei Normalbürgern hat.

Nach der Kaffeepause muss ich zum Heimwerkern antreten, sagt die Gattin. Als ich die Harley vor der Haustür abstelle, kommt ein grau melierter Italiener auf mich zu. "Bella macchina. Isch bin 40 Jahre Motorrad gefahren, aber die hier ist wundervoll", singt er mit seinem wunderbaren Akzent auf mich ein, bevor ich überhaupt den Helm abnehmen kann. Seine Frau zerrt an seinem Ärmel. "Ich muss los, aber nachher komme ich noch mal vorbei und schau sie mir an", sagt er bedauernd und folgt seiner Angetrauten wahrscheinlich zu den Wochenendeinkäufen. Ein letzter Beweis für den heutigen Tag, dass man als Harley-Fahrer nicht mental ins Rockermillieu abgeschoben wird.

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Carsharing gilt als Verkehrskonzept der Zukunft, in Berlin wächst das Angebot rasant. Die einen macht die neue Ich-Mobilität glücklich, andere reich, manche wütend. Begegnungen mit Pionieren und Kritikern - und eine Datenanalyse mit vielen interaktiven Grafiken.

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