Motorrad-Tuning : Individualität wichtiger als Schnelligkeit

Kleine Blinker, Stummellenker, röhrender Auspuff: Motorräder lassen sich zum Teil mit geringem Aufwand individualisieren. Doch nicht alles, was machbar ist, ist auch erlaubt - oder sinnvoll.

Fabian Hoberg
Heiße Luft: Serien-Auspuffe sind vielen Motorradfahrern zu klobig. Doch Tuningteile müssen regelkonform sein.
Heiße Luft: Serien-Auspuffe sind vielen Motorradfahrern zu klobig. Doch Tuningteile müssen regelkonform sein.Foto: dpa

Motorräder erleben einen Boom. Laut dem Industrieverband Motorrad (IVM) wurden im vergangenen Jahr 140 609 motorisierte Zweiräder verkauft - ein Plus von 8,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Bei den Motorrädern über 125 Kubik ging es sogar um 10,75 Prozent auf fast 97 000 nach oben. Viele Besitzer veredeln ihre Maschinen, um ihr Bike möglichst einzigartig zu machen. Doch nicht alle Veränderungen sind auch gesetzeskonform - oder sinnvoll.

Optisches Tuning im Trend

„Tuning-Maßnahmen dienen heute in erster Linie der Individualisierung, weniger dem klassischen Tuning - also der Leistunssteigerung“, sagt Achim Kuschefski, Leiter des Instituts für Zweiradsicherheit (ifz). Am beliebtesten seien Auspuffendrohre, da die Serien-Auspuffe vielen Motorradfahrern zu klobig und zu unelegant seien. Einfach das Rohr gegen ein schmaleres tauschen, gehe natürlich nicht. „Tuning-Maßnahmen müssen regelkonform sein. Auspuffendrohre sollten eine EU-weit gültige Allgemeine Betriebserlaubnis (EG-ABE) haben“, sagt Kuschefski. Unter den vielen Tuning-Möglichkeiten seien zahlreiche, die die Betriebserlaubnis erlöschen lassen.

„Viele Zubehörschalldämpfer bieten die Möglichkeit, die sogenannten 'Dezibelkiller' oder 'dB-Eater' zu entfernen“, sagt Hans-Jürgen Götz von der Gesellschaft für technische Überwachung (GTÜ). Diese Einsätze im Schalldämpfer halten die Auslassöffnung klein und lenken den Abgasstrom meist um. Damit entspricht der Schalldämpfer den Geräuschvorschriften. Der Ausbau des Einsatzes geht schnell und hat große, laute Auswirkungen. Zulässig ist er nicht.

Beliebter Blinker: Viele Biker lassen ihre Fahrtrichtungsanzeiger gerne an die Lenkerenden wandern.
Beliebter Blinker: Viele Biker lassen ihre Fahrtrichtungsanzeiger gerne an die Lenkerenden wandern.Foto: dpa

Auch Lenkrad, Blinker, Kennzeichenhalterung, Fußrasten oder das Heck werden häufig modifiziert. Stahlflex-Bremsleitungen dienen einem besseren Druckpunkt. Für ein neues Aussehen sorgen ausgetauschte Brems- und Kupplungshebel, Bremsflüssigkeitsbehälter, Rückspiegel, Lenkergewichte oder Griffe. „Derzeit steht beim Tuning nicht unbedingt die Motorleistung im Vordergrund“, sagt Jürgen Bente, Motorradexperte vom Deutschen Verkehrssicherheitsrat (DVR). Beliebt seien vielmehr Veränderungen an der Optik, um ein individuelles Motorrad zu schaffen.

Versicherungsschutz kann erlöschen

Bei den Blinkern gelte zwar der Trend „je kleiner, desto besser“, der Verkehrssicherheit sei das aber nicht dienlich. „Blinker müssen zugelassen sein, wie alle sicherheitsrelevanten Teile“, sagt Bente. Dazu zählen neben der Beleuchtungsanlage und dem Auspuff auch Fahrwerkskomponenten und die Fußrastenanlage. Praktisch sei, wenn die Teile eine ABE oder EG-Betriebserlaubnis aufweisen - dann können sie in der Regel problemlos montiert werden. Ohne ABE sind die Teile zwar günstiger, doch eine Einzelbetriebserlaubnis bei der Prüfstelle kostet wieder extra. „Wichtig ist beim Tuning auch die Qualität der Produkte. Namhaften Herstellern kann man in der Regel vertrauen“, sagt Bente.

Teile, die keine Zulassung haben, können ernsthafte Probleme mit sich bringen. „Auch wenn es Dinge sind, die kaum auffallen. Wenn die zugelassenen Teile verändert werden, erlischt die Betriebserlaubnis“, sagt Bente. Passiert ein Unfall und wird das Motorrad anschließend untersucht, bleibe der Fahrer ohne Versicherungsschutz auf den Unfallkosten sitzen. Bei einem Motorrad könne man heute rein theoretisch alles ändern, sogar den Rahmen. Man solle nur darauf achten, dass es zu den Umbauarbeiten entsprechende Unterlagen gebe. Sonst habe man bei einer Kontrolle oder einem Unfall schlechte Karten.

Ob mehr oder weniger Licht - Lampen aus dem Zubehör sollten über eine ABE verfügen.
Ob mehr oder weniger Licht - Lampen aus dem Zubehör sollten über eine ABE verfügen.Foto: dpa

Beim Umbau von „Stummellenker“ auf „Superbike-Lenker“ sind die passenden Adaptionen, wie Gabelbrücken mit Lenkerhaltern erforderlich. „Diese Veränderung hat erheblichen Einfluss auf das Fahrverhalten und muss daher auch von der Prüfingenieuren oder amtlich anerkannten Sachverständigen abgenommen werden“, sagt GTÜ-Experte Götz. Auch Kennzeichen dürfen nicht beliebig verbogen werden. „Beim Kennzeichenhalterumbau darf der maximal zulässige Winkel der Schrägstellung von 30 Grad zur Senkrechten nicht überschritten werden“, sagt Götz. Das wird oft bei einer Polizeikontrolle, spätestens aber bei der Hauptuntersuchung bemängelt.

Kein Vorteil beim Verkauf

Fachkundige Auskünfte zum Umbau erhalten Motorradfahrer bei den Prüfstationen von TÜV, Dekra und der GTÜ. „Der Umbau ist nur nach Absprache mit einem sachkundigen Prüfingenieur zu empfehlen, da hierdurch ein reibungsloser Ablauf bei der Abnahme durch einen Prüfer und der daraus folgenden Eintragung in die Fahrzeugdokumente gewährleistet ist“, sagt Götz. Ältere Fahrzeuge müssen tendenziell geringeren Anforderungen entsprechen als neuere Fahrzeuge. So kann es sein, dass Umbauten an älteren Fahrzeugen zulässig sind, jedoch an neueren nicht.

Doch nicht alle fachgerechten und erlaubten Umbauten funktionieren beim Fahren problemlos. So führt in der Regel auch eine Tieferlegung mit Betriebserlaubnis zu einer Minderung der Schräglage des Kraftrads. Darauf müsse man als Fahrer insbesondere in Kurven Rücksicht nehmen, weil das Bike früher aufsetze, sagt Götz von der GTÜ. Das könne zu einem Sturz führen, der schwerwiegende Folgen für den betroffenen Fahrer und andere Verkehrsteilnehmer haben kann.

Tuning ist übrigens in der Regel keine Geldanlage. Meist sinkt der Wert trotz teurer Anbauten, da die Maschine schnell als „verbastelt“ gilt. Beim Wiederverkauf ist es deshalb oft lukrativer, die Maschine wieder in den Originalzustand zu versetzen und die Tuning-Teile einzeln zu verkaufen.


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