Ost-West-Freundschaft : Alte Motorräder machten sie zu Brüdern

Die Hintergründe so unterschiedlich, die Interessen so gleich: Wie eine Ost-West-Freundschaft durch eine Tüv-Prüfung entstand - und die Liebe zu alten Motorrädern sie zusammenschweißte.

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Ost-West-Verbrüderung: Die beiden Freunde lernten sich durch ihre Liebe zu alten Motorrädern kennen. Das Foto entstand auf einer Tour Ende der 1990er Jahre nahe der ehemaligen Grenze.
Ost-West-Verbrüderung: Die beiden Freunde lernten sich durch ihre Liebe zu alten Motorrädern kennen. Das Foto entstand auf einer...Foto: C. Uhlmann

Als Claus Uhlmann sich an die „Gummikuh“ wandte, war der erste Schritt getan. Uhlmann besaß ein Motorrad, eine RT 125 von 1957, DDR-Fabrikat, unverwüstliche Vorkriegstechnologie, ein Erbstück seines Onkels. Er hatte ein Problem damit und brauchte Rat. Der TÜV war über ihn und Ostdeutschland gekommen, und der TÜV wollte, dass Uhlmann am Erbstück ein paar Änderungen vornahm. Muss das sein? Uhlmann aus dem Erzgebirge schrieb also der „Gummikuh“, einer Oldtimer-Zeitschrift aus Bremen. Die antwortete ihm in Gestalt von Andy Schwietzer. Blödsinn, teilte der mit, es gelte immer die Zulassungsbescheinigung aus der Zeit, in der das jeweilige Motorrad gebaut wurde.

„Bei einem Ehepaar würde man sagen: Das war Liebe auf den ersten Blick.“

So kam’s. Uhlmann, der Kurzarbeiter, eher weniger als mehr beschäftigt in den Resten des DDR-Strumpfkombinats Esda, ging nicht zum TÜV. Stattdessen wurden er und der Zeitschriften-Volontär Schwietzer Freunde. Es muss Ende 1990, Anfang 1991 gewesen sein, die Zeit, in der nicht nur die Freiheit, neue Gesetze und Regeln in den Osten kamen, sondern auch jede Menge Belehrungen und Schlechterwisserei. Da sei es schon erstaunlich gewesen, auf diesen Bremer Durchblick, auf diese Hilfsbereitschaft zu treffen, sagt Uhlmann. „Bei einem Ehepaar würde man sagen: Das war Liebe auf den ersten Blick.“

Der erste Blick kam am Himmelfahrtstag 1991. Uhlmann bestieg daheim im Erzgebirge die RT und machte sich auf zu einem Oldtimertreffen im Westen, im Hohenloher Land. Unterwegs, irgendwo bei Nürnberg, wollte er einen alten Motorrad-Ingenieur besuchen. Er klingelte, die Frau des Ingenieurs stand in der Tür. „Ich bin der Claus Uhlmann aus dem Erzgebirge“. Die Frau schaute, „dann quiekte die“ sagt Uhlmann heute, eben hätten sie von ihm gesprochen. Der Andy Schwietzer sei nämlich auch gerade da.

Beide trennen sich nur ungern von alten Dingen

Uhlmann war damals Anfang dreißig, Schwietzer Ende zwanzig. Sie bemerkten ein paar Gemeinsamkeiten. Von ihrer Vorliebe für alte Motorräder wussten sie ja bereits. Aber die Wiedervereinigung, die habe ein zu hohes Tempo gehabt. Einverständnis. Aber, anders wäre es eben nicht gegangen. Genau. Sie beobachteten den gleichen Unwillen an sich, Sachen wegzuschmeißen, bloß weil sie alt sind. Was unter anderem dazu führte, dass beide heute nicht nur zwischen alten Möbeln leben, sondern auch die Motorrad-Sammlungen größer wurden. Uhlmann hat „zirka 15 jetzt, genauer kann ich das nicht sagen, weil es sind auch ein paar davon zerlegt“. Schwietzer hat „so um die zehn“.

Vielleicht war das das Entscheidende: diese Scheu der beiden Männer, sich von Dingen zu trennen, die zwar aus der Mode gekommen sind oder Kratzer haben, die aber funktionieren und ihnen einmal etwas bedeutet haben. Für lange Freundschaften gilt das ja genauso. Sie fingen an, Ersatzteile zu tauschen und sich Briefe zu schreiben. Sie besuchten sich gegenseitig. Schwietzer musste ohnehin oft dienstlich nach Sachsen, um über die sterbende Motorradmarke MZ zu berichten. Sie gingen zusammen auf Messen und auf Tour. Fuhren auf die Isle of Man, um sich die Tourist Trophy – ein legendäres Motorradrennen – anzuschauen. Uhlmann versorgte Schwietzer mit Fachwissen und Fotos für dessen Buch „Motorradland DDR“, im Gegenzug gab es mal einen Tankrucksack, mal was für den Computer, und abgelegte Motorrad-Zeitschriften sowieso. „Das fanden wir besser, als alles immer auf Heller und Pfennig abzurechnen“, sagt Uhlmann.

Nachts teilte er sich das Gästezimmer mit einer BMW

„Ihr seht eigentlich aus wie Brüder“, hätten die Leute damals oft zu ihnen gesagt. Die gleichen abgewetzten Lederjacken, die Tweedmützen. Beide heirateten dazu passende Frauen. Frauen, die mit Motorrädern etwas anfangen können und gern auf Flohmärkte gehen, um dort nach dem zu suchen, was andere loswerden wollen.
Das Strumpfkombinat ging ein und die „Gummikuh“ auch. Uhlmann, eigentlich Instandhaltungsmechaniker, lernte zwei mal um. Erst wurde er Kfz-Schlosser, dann CNC-Fräsen-Fachkraft. Schrieb ein Buch über die RT 125. Organisiert bei sich daheim im Erzgebirge jedes Jahr ein Treffen von RT-Liebhabern.

Schwietzer gründete einen Verlag. Er lebt heute in einem Dorf bei Goslar und hat einen Nebenjob in einem Oldtimer-Museum in der Nähe. Als Uhlmann ihn vor zwei Monaten besuchte, hatte er ein neues Ausstellungsstück dabei, eine MZ. Nachts teilte er sich das Gästezimmer der Schwietzers mit einer BMW. Ob es denn Unterschiede zwischen ihnen beiden gebe? „Haufenweise“, sagt Uhlmann. Welche denn? „Der Andy fährt sehr zügig. Ich nicht ganz so.“

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