Streit um Motorradlärm : Beim Sound wird geschummelt

Stampfende Einzylinder, brabbelnde V2-Aggregate und hochdrehende Vierzylinder - Motorräder haben ihren ganz eigenen Sound. Der begeistert allerdings meist nur die Fahrer.

Beim jährlichen Motorradtreffen "Anlassen" in Niedergründau starten im April tausende Biker mit lautem Gedröhn in die Motorradsaison. Nicht unbedingt zur Freude aller Anwohner.
Beim jährlichen Motorradtreffen "Anlassen" in Niedergründau starten im April tausende Biker mit lautem Gedröhn in die...Foto: dpa

Am Wochenende gleichen manche öffentlichen Straßen Rennstrecken. Vor allem in bergigen Regionen mit vielen Kurven geben Auto- und Motorradfahrer ordentlich Gas. Das nervt vor allem Anwohner. Dabei stört sie nicht nur das gefährliche Rasen, sondern auch der Lärm. Immer öfter werden deshalb Strecken von Gemeinden für Motorräder gesperrt - zum Verdruss der Zweiradfahrer.
Michael Lenzen, Vorsitzender des Bundesverbandes der Motorradfahrer, schätzt, dass die Zahl der gesperrten Strecken in den vergangenen Jahren zugenommen hat. „Bundesweit gibt es zwar keine einheitliche Liste mit einer Übersicht von gesperrten Strecken, ich gehe aber von 40 bis 50 Strecken aus“, sagt er.

Sperrungen sind keine Lösung

Nicht immer ist eine Streckensperrung allerdings erlaubt. Im Zweifel entscheiden hierüber die Verwaltungsgerichte. Laut Lenzen werden Durchfahrverbote zuweilen auch dann mit Unfallzahlen begründet, wenn es nur um Lärmbelästigung geht. Dabei sei das kein Grund für eine Straßensperrung. Ohnehin sei eine Sperrung nur rechtens, wenn andere Mittel ausprobiert wurden und sich als unwirksam erwiesen. Dazu zählen Verkehrsüberwachung, Rüttelstreifen, verschärftes Tempolimit oder eine Entschärfung der Strecke. „Grund für eine Streckensperrung kann nur die Erhöhung der Verkehrssicherheit sein“, sagt Lenzen.

Ein Mitarbeiter des TÜV kontrolliert am 11.04.2015 in Hamburg bei einer Infoveranstaltung zum Start der Motorradsaison die Lautstärke eines Auspuffs. Erlaubt sind 80 dB(A) Fahrgeräusch, hinzu kommen einige Dezibel als Toleranzwert für die Messung.
Ein Mitarbeiter des TÜV kontrolliert am 11.04.2015 in Hamburg bei einer Infoveranstaltung zum Start der Motorradsaison die...Foto: dpa

Deshalb klagte der Verband gegen ein Durchfahrverbot für Motorräder auf der Landesstraße 87 zwischen Engter und Evinghausen und bekam Recht. „Streckensperrungen sind keine Lösung. Die Motorradfahrer weichen dann über eine andere Strecke aus“, sagt Lenzen. Es könne auch nicht sein, dass die Allgemeinheit bestraft wird, wenn ein Teil der Fahrer mit zu lauten Maschinen unterwegs ist. Der Verband fordert deshalb strengere Richtlinien gegen laute Motorräder.

Verordnung aus dem vorigen Jahrhundert

„Wenn die Maschinen über den ganzen Drehzahlbereich gleich laut wären, hätten wir die ganze Diskussion nicht“, sagt Lenzen. Das ist aber nicht der Fall, klagt er. So öffnen sich etwa bei der sogenannten Klappensteuerung bei höheren Drehzahlen automatisch die Auspuffklappen, wodurch die Maschine deutlich lauter wird. Wobei sich das in den offiziellen Zahlen nicht widerspiegelt. „Auf dem Papier sind die Maschinen in den vergangenen Jahren immer leiser geworden“, sagt Holger Siegel vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). Nur auf dem Papier. Denn gemessen wird die Lautstärke bei einer beschleunigten Vorbeifahrt aus 50 km/h im zweiten oder dritten Gang. Aus einer Entfernung von 7,50 Metern dürfen die Maschinen nicht lauter sein als 80 dB(A).

Die Verordnung stammt allerdings aus dem vorigen Jahrhundert, gibt Siegel zu bedenken. Moderne Maschinen setzen auf Einspritzung, digitales Motormanagement oder auf besagte Klappensteuerung. „In freier Wildbahn können Supersportler bei hohen Drehzahlen auch mehr als 100 dB(A) erreichen“, sagt Siegel. Das zählt seiner Meinung nach nicht mehr zum Verkehrslärm, sondern zum Freizeitlärm. Daher müssten auch strengere Vorschriften gelten.

Anwohner an kurvenreichen Strecken in Sauerland, Eifel und Bergischem Land klagen seit Jahren über Motorradlärm. Viele Maschinen sind tatsächlich lauter als erlaubt. Möglich macht das eine Gesetzeslücke.
Anwohner an kurvenreichen Strecken in Sauerland, Eifel und Bergischem Land klagen seit Jahren über Motorradlärm. Viele Maschinen...Foto: dpa

Siegel sieht durchaus Handlungsbedarf beim Gesetzgeber. „Motorradlärm ist nicht gefährlich, sondern nervig. Vor allem für Anwohner und Erholungssuchende an beliebten Strecken“, sagt er. Er glaubt nicht, dass Strecken nur wegen des Lärms gesperrt werden, sondern wegen der Unfallhäufigkeit. Das hängt aber oft zusammen. „Wo es laut ist, wird oft auch sehr schnell gefahren.“ Das Schöne beim Motorradfahren ist für Siegel, der selbst Motorrad fährt, das Gleiten auf einer schönen Strecke - das funktioniere auch leise.

Geschummelt wird viel

Auch für Lenzen ist der Klang eines Motorrades nicht wichtig. Er hat aber Verständnis für Fahrer, die ihre Maschine nach der Motorcharakteristik wählen. Ein Einzylinder hat einen anderen Sound als ein V2 oder Reihenvierzylindermotor, ein Boxer einen anderen als ein Sechszylinder. „Motorräder klingen nun mal anders als Autos, die Motoren können nicht abgekapselt werden, und der Sound hat für viele Fahrer bestimmt seinen Reiz“, sagt Lenzen. Letztendlich liegt es aber an den Bikern, leiser zu fahren. Weniger Gas geben und einen höheren Gang wählen, reduziert die Lautstärke der Maschinen.

Ein guter Sound ist indes auch ein Verkaufsargument, sagt Achim Kuschefski vom Institut für Zweiradsicherheit. „Motorradfahren hat in den meisten Fällen etwas mit Emotionen zu tun“, sagt er. Deshalb spiele auch der charakteristische Klang eine Rolle. Aus Gründen der Sicherheit hält er auch eine Mindestlautstärke für sinnvoll, damit Motorräder von anderen Verkehrsteilnehmern besser wahrgenommen werden. Er hält die gültigen Geräuschvorschriften für ausreichend: „Wie alle Kraftfahrzeuge müssen auch motorisierte Zweiräder im Rahmen ihrer Typprüfung einen Geräuschgrenzwert einhalten“, sagt er.

BUND-Mann Siegel sieht das anders: „Motorräder müssen leiser werden, Strecken könnten aber auch unattraktiver konzipiert werden“, sagt er. Außerdem sei das Bußgeld für manipulierte Auspuffanlagen zu gering. Wer einen sogenannten DB-Eater benutzt, riskiert keinen Punkt in Flensburg, sondern lediglich ein geringes Bußgeld. Solange aber die Auspuffanlage eine Allgemeine Betriebserlaubnis (ABE) aus einem Land der EU aufweist, darf sie auch überall gefahren werden - ganz legal. Testberichte zeigen jedoch immer wieder, dass viele Teile trotz ABE zu laut sind - viel zu laut. (dpa)

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