Wie Motorradfahrer einen Sturz überwinden : Die Kurve kriegen

Ein kurzer Moment der Unachtsamkeit - und das unbeschwerte Fahren mit dem Motorrad ist zu Ende. Wenn ein Biker aus der Kurve fliegt und stürzt, bleibt häufig ein mulmiges Gefühl zurück. Kann das sichere Fahrgefühl wiederkommen? Ja, es kann, aber nur in Begleitung.

Alexander Tietz
Zurück zur Sicherheit: Bei Fahrtrainings des ADAC können Biker nach einem Unfall lernen, wie sie ihrem Motorrad wieder mehr Vertrauen können.
Zurück zur Sicherheit: Bei Fahrtrainings des ADAC können Biker nach einem Unfall lernen, wie sie ihrem Motorrad wieder mehr...Foto: dpa

Plötzlich ist er da, der Schock. Der Puls rast, das Herz pocht, und der Atem ist laut, fürchterlich laut. Eben noch ist man sorglos über die Landstraße gefahren, und nun liegt man auf dem Asphalt und das Motorrad ein Stück entfernt. Allmählich realisiert man: Das war ein Sturz. In der Kurve haben die Räder die Bodenhaftung verloren. Mehr als ein paar Schürfwunden sind es nicht, doch ein Gefühl der Unsicherheit bleibt.

Dass Motorradfahrer gefährlich leben, ist bekannt. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes gab es 2014 etwa 45.500 Unfälle mit Beteiligung von Kradfahrern und damit zehn Prozent mehr als im Jahr davor. 675 Biker sind dabei gestorben. Etwa jeder dritte Sturz (31 Prozent) kommt laut ADAC-Unfallforschung grundsätzlich ohne Fremdeinwirkung zustande.

Die Verunsicherung nach dem Sturz

Häufig machen Biker in Kurven Fehler, wo sie bei geringer Schräglage und hoher Geschwindigkeit in die Leitplanke fahren oder bei extremer Schräglage in den Gegenverkehr geraten. Manchmal ist es auch ein einfacher Bremsfehler, der zum Sturz führt. „Das kann schnell passieren, auch ohne riskante Fahrweise“, sagt Wolfgang Stern, Pädagoge und Fahrtrainer am Institut für angewandte Verkehrspädagogik.

Stern hat selbst zahlreiche Stürze erlebt. Er sagt: „Man denkt über jeden Sturz nach.“ Viele steigen allerdings sofort wieder aufs Rad, um zu vermeiden, den Unfall mental zu verschleppen. Rasch wollen sie den Beweis antreten, dass sie noch Motorrad fahren können. Doch das kann laut Karl-Friedrich Voss, Vorsitzender des Bundesverbandes Niedergelassener Verkehrspsychologen, gefährlich sein. „Wer sofort weitermacht, ohne die Ursachen des Unfalls zu hinterfragen, fährt mit der gleichen Haltung weiter, ohne dass sich etwas ändert“.

Unglück mit Folgen: Auch wenn Motorradfahrer einen Sturz halbwegs unbeschadet überstehen, kann die Leichtigkeit des Fahrens plötzlich weg sein.
Unglück mit Folgen: Auch wenn Motorradfahrer einen Sturz halbwegs unbeschadet überstehen, kann die Leichtigkeit des Fahrens...Foto: dpa

Sich bewusst mit dem Sturz auseinanderzusetzen, ist laut Voss wichtig, um weitere Unfälle zu vermeiden. Viele Motorradfahrer seien nach einem Sturz verunsichert und blockiert - auch nach vermeintlich harmlosen Unfällen. Die Angst kann schnell in ein Trauma münden. „Schlaflosigkeit, ständige Wiederkehr der Bilder und die Unfähigkeit, das Erlebte allein zu verarbeiten, sind Anzeichen dafür“, sagt Hartmut Kerwien vom Institut für angewandte Verkehrspädagogik. In diesen Fällen helfe nur noch ein Verkehrspsychologe.

Häufig leiden gestürzte Biker unter Nervosität. Fahren ist kein Problem, doch die Souveränität ist plötzlich weg. „Hilfreich sind dann Brems- und Kurventrainings“, sagt Achim Kuschefski vom Institut für Zweiradsicherheit. Jochen Oesterle vom ADAC sieht es ähnlich: „Jede Angst kann man verlernen. Zuallererst müssen Motorradfahrer aber ehrlich mit sich selbst sein und ein Training angehen.“ Nahezu alle Automobilclubs wie ADAC, Auto Club Europa (ACE), der Automobilclub von Deutschland (AvD) und Institutionen wie die Deutsche Verkehrswacht, das Institut für Zweiradsicherheit, das Institut für angewandte Verkehrspädagogik oder der Bundesverband der Motorradfahrer (DVDM) bieten enstprechende Trainings für Motorradfahrer an. Dabei werden die Biker behutsam an das Kurvenfahren herangeführt. Während eines Trainings fahren sie erst weite Kurven bei geringer Geschwindigkeit. Dann steigern sie ihr Tempo und versuchen, die Linie beizubehalten.

Angst ist ein schlechter Beifahrer

Auch Fahrlehrer bringen Motorradfahrer wieder in die Spur. Kurt Bartels, Vorsitzender des Fahrlehrerverbandes Nordrhein, hat viele gestürzte Kradfahrer geschult. Wichtig ist in seinen Augen, den Biker aus dem Verkehr zu nehmen und mit ihm auf einen Übungsplatz zu gehen. „Hier kann man Regeln, Autos und Fußgänger vollkommen ausblenden und sich auf das Motorrad einlassen“, sagt er. Zunächst wird geschaut, ob der Fahrer verkrampft. Sind die Bewegungen flüssig, geht es auf die Straße.

Entscheidend ist nach einem Unfall der Blick von außen. Ob Trainer, ein befreundeter Motorradfahrer oder ein Fahrlehrer: „Beobachter entdecken möglicherweise Fahrfehler, die zum Sturz geführt haben können“, sagt Bartels. Eine falsche Blicktechnik lässt sich relativ schnell erkennen. Unterbewusst schauen viele Biker beim Kurvenfahren auf die Leitplanke oder die Bäume am Straßenrand. Automatisch trägt das Motorrad den Fahrer dann nach außen - bis es kracht. Um Stürze zu vermeiden,
sollten Motorradfahrer laut Fahrtrainer Wolfgang Stern den Kopf aufrecht halten und bereits eingangs der Kurve in den Kurvenausgang blicken.

Außerdem verringern viele Motorradfahrer ihre Geschwindigkeit vor der Kurve nicht genügend. Auch die Angst vor einer angemessenen Schräglage kann gefährlich sein. Wer sich nur geringe Neigungen zutraut, lenkt stärker ein oder bremst aus Panik, wenn sich die Kurve plötzlich zuzieht. Dass Motorradfahrer gar nicht so schräg liegen, zeigen viele Fahrttrainer mit Hilfe von Kreide, die sie auf die Außenseiten der Reifen auftragen. Nach dem Kurvenfahren sehen die Biker, dass der Reifen immer noch weiß ist - eine Erkenntnis, die laut Bartels zu mehr Sicherheit führt. Denn: „So schlimm war's eben nicht“.

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