• Neu im Herbst: Zwei Marken und zwei entscheidende Modelle: Die letzte Chance… … und noch eine

Neu im Herbst: Zwei Marken und zwei entscheidende Modelle : Die letzte Chance… … und noch eine

Opel muss sich mit dem INSIGNIA neu erfinden. Unser Eindruck von außen und innen: Könnte klappen. Lancia will sich mit dem DELTA in die Zukunft retten. Eine erste Begegnung lässt vermuten: Das wird schwer.

Eric Metzler
Lancia
Heilsbringer. Mit dem Delta zeigen die Italiener wieder mal, was sie am besten können: Design.Foto: promo

Die alten und die neuen Stars trafen sich auf dem Gendarmenmarkt. Paul Kuhn, Thomas Quasthoff, Annett Louisan – und der Insignia. Opel hat die gerade zu Ende gegangene Ausgabe der „Classic Open Air“ gesponsert und flächendeckend mit der größten Hoffnung seiner Zeiten beflaggt: mit dem Nachfolger des Vectra. Den durfte zwar noch kein Aushäusiger fahren. Unterwegs aber ist der Neuling schon eine Weile. Häppchenweise lupft Opel das Tuch; 2007 eine Studie, Anfang diesen Jahres die Scheinwerfer und vor kurzem der Innenraum. Vorläufiger Höhepunkt des wohlgeplanten Mundwässrigmachens: Am letzten Sonntag nahmen Till Brönner, Gesine Crukowski und Wolfgang Tiefensee im Insignia Platz – bei abgezogenem Schlüssel.

Mit jedem Schritt der Mission bis zur Landung im November blitzt die schicksalhafte Bedeutung dieses Modells auf: Der Vectra ist alles in allem ein Flop, Verzeihung, und das Image der Marke ist bestenfalls beim Meriva und beim Corsa so gut wie die Autos es sind. Das nämlich ist die Crux: Was Chefeinkäufer und Kostendrücker Lopez Anfang der Neunziger versaut hat, ist faktisch Vergangenheit, gefühlt aber gegenwärtig: Schlechte Verarbeitungsqualität hält in den Köpfen länger als die verbauten Teile im Auto.

Der Insignia soll es nun drehen. Auf einen Schlag. Jede Präsentation, jedes Gespräch mit Ingenieuren, Vorständen und Presseleuten türmt Erwartungen auf, ein Superlativ auf den nächsten, endlich, endlich will man ernst genommen werden als dynamische Qualitätsmarke mit Stil. Wäre der Insignia ein neuer Top-Manager – er täte uns leid: So viel Vorschuss möchte man niemandem aufbürden.

Dennoch: Es könnte klappen mit der Neuerfindung einer gedemütigten Marke, alles, was man sehen und anfassen kann, spricht dafür. Der Insignia ist schön geworden. Anders gesagt: Trüge er nicht den Blitz im Kühlergrill, ginge er als kompakter Jaguar durch. So bieder der Vectra Hutträger fing, so satt-elegant zielt der Insignia auf Mittdreißiger. Die coupéhafte Form versteckt die hinzugewonnene Länge von 20 Zentimetern sehr elegant, zugleich steht er da wie auf dem Sprung und verführt, die Augen wandern zu lassen – die bleiben dann spätestens auf der Vordertür hängen.

Dort sieht man das dominante Gestaltungs-Gen des Heilbringers: Eine Blechfalz in der Form eines, na ja, Bumerangs (die Designer haben es „wing“ betitelt). Der Winkel ist ein Running Gag, findet sich überall im Auto: Die LED in den Lampen strahlen den Gegenverkehr in wing-Form an – und innen, da beschreibt unser Bumerang die Form von Lenkrad, Türgriffen, Schaltknauf und vielem mehr. Derart liebevolles Design spricht bis ins Kleinste für die Konsequenz, mit der Opel es jetzt wissen will: Wir sind Mittelklasse premium, mindestens. Ansehnlich und auf hohem Verarbeitungsniveau ist das Ganze in jeden Falle: Der Innenraum ist in Großserie das Spannendste, was in den letzten Jahren erschienen ist. Für die Rüsselsheimer ist die extrem gewölbte Armaturentafel Programm: Da schmiegt man sich gerne ein.

Bravo. Damit ist an dieser Stelle noch nicht das Fazit gemeint. Bravo, so heißt der Fiat, der dem Delta als Plattform zugrunde liegt. Damit ist über den ersten neuen Lancia seit vier (!) Jahren in zweierlei Hinsicht Grundlegendes gesagt. Bravo erstens: Der neue Delta hat bis auf den Namen nichts, aber auch gar nichts mit der Rallyelegende Delta Integrale aus den Achtzigern gemein. Lancia greift auf alte Markenerfolge zurück, weil sie ein Anker in der Not sind; Delta, das erinnert an vergangenen Glanz, Delta, das macht hoffen, die schon Jahre dauernde Krise doch noch zu überleben. Bravo zweitens: Der Delta soll den Italienern zwar die Wende bescheren, aber so viel Mut, Vertrauen und Geld, zu diesem Behufe eine wirklich neue Klasse zu kreieren, wollte die Konzernmutter für Lancia dann doch nicht in die Hand nehmen.

Zwar haben die Designer es geschafft, optisch etwas Neues, etwas Gefälliges auf die Räder zu stellen. Der Delta sieht extravagant aus, beeindruckt durchaus beim Shoppen für Sex in the City. Aber merkwürdig unentschlossen wirkt die Komposition doch: Der Delta sieht schnittig aus, für einen echten Sportler fehlen ihm aber die technischen Mittel. Mit 4,52 Meter (Ford Focus: 4,34) ist er lang genug für ein Familienauto, aber hinten touchieren große Töchter selbst bei vorgeschobener Rückbank den Himmel. Bis hin zur sündhaft schönen Lederausstattung „Poltrona Frau“ bietet er reichlich Chrom, Komfort und italienischen Schick – doch für einen perfekten Reisewagen sind die Sitze zu kurz und irritieren dort, wo die Oberschenkel ruhen, mit einer dicken Aufpolsterung.

Mit Fiats Baukasten hat es nur 15 Monate gedauert, den Delta serienreif zu machen. Das kann man beklatschen (sagen wir mal als Controller), darüber kann man sich aber auch ärgern: Hier und da entspricht die Verarbeitungsqualität nicht dem, was man sich (sagen wir mal als Kunde) wünscht. Billigste Hutablage, lose Dichtungsgummis am Schiebedach, sichtbare Schrauben und Gurtbefestigungen, die via blankem Stahlseil im Boden enden – derlei Kleinigkeiten machen den Delta beim Händlerstart im September nicht gleich zum schlechten Auto. Aber sie lenken dummerweise ab von dem, was wichtig und gut, aber erst auf den zweiten Blick zu erkennen ist.

Dazu zählt eine ebenso ausgewogene wie mit modernen Einspritzern bestückte Motorenpalette. Die T-Jet-Benziner und Multijet-Diesel wurden teils von Fiat übernommen, teils modifiziert. Gefallen haben uns das komfortable Fahrwerk und das weiterentwickelte ESP („Absolute Handling System“), mit dem man schnell gefahrene Kurven sicherer nimmt. Neu in der Kompaktklasse ist ein Assistent, der zwischen Tempo 65 und Tempo 180 lenkend eingreift, wenn man die Fahrspur verlässt.

Delta – das ist der richtige Viertürer für alle, die es schick und antizyklisch mögen: Lancia ist derzeit etwas Besonderes. Dass man den Schönling für weniger als 20000 Euro bekommen wird, verlangt am Ende noch einmal nach unserem Einstiegs-Wort: Bravo.

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