Neuauflage : SAAB 9-3: Wer hat Angst vorm Fliegen?

Der ehemalige Flugzeugbauer Saab hat seinen Dauerbrenner überarbeitet: die Modellreihe 9-3. Stärkere, sparsame Motoren, eine sportlichere Karosserie.

Susanne Leimstoll
Saab 9-3
Das Saab 9-3 Cabriolet.Foto: Saab/ddp

Schweden ist so nett. Holzhäuschen wie aus Legoland, ochsenblutrot, vanillegelb, taubenblau, stehen an zerklüfteten Küsten. Stille liegt über weiten Wasserflächen und schwarzen Wäldern. Wilde Natur? Kann man so nicht sagen. Alles scheint gezähmt, geordnet. Die Küstenstraße verläuft ohne große Schwenks, die Radarfallen, schlanke Design-Säulen, sind auf der Karte angekündigt. Dieses Land lässt bürgerliche 70 Stundenkilometer Höchstgeschwindigkeit zu, auf Autobahnen 110. Wenn ein Elch durchs Gebüsch bricht und plötzlich als glotzendes Verkehrshindernis auf der Fahrbahn steht, ist das schon der Größte Anzunehmende Unfall. Menschen aus Schweden bauen Autos, die hierher passen: solide und zuverlässig, klare Linien und funktionell, von verhaltener Eleganz, die verstecken müssen, dass sie gewaltig sprinten können. Die Baureihe 9-3 von Saab ist solch ein traditioneller Schwedentyp. Besser: Sie war es. Understatement-Gefährt für die Intelligentia. Gehobene Mittelklasse, denn: man gönnt sich ja sonst was. Und: bloß nicht auffallen. Ab September soll das anders sein.

Der Branchenzwerg Saab hat seinen Dauerbrenner, die 9-3er-Reihe, neu aufgelegt. Rechtzeitig zur IAA im Herbst kommen die Neuen, außen optisch und unter der Haube technisch überarbeitet, auf den deutschen Markt. Jetzt machen Limousine, Kombi und Cabrio einen auf sportlich. Ein bisschen auf Audi A 4, ein wenig auf 3er BMW. Denn Saab, seit 2000 hundertprozentige General-Motors-Tochter, und in den letzten Jahren auf dem Markt eher ein Absacker, braucht mehr Käufer. Der Konzern, der 2006, in einem guten Jahr, weltweit ganze 133 000 Wagen absetzte (plus 11 Prozent zum Vorjahr), davon in Deutschland knapp 5300, will mit seinen Produkten in der Premium-Mittelklasse mitfahren. Doch eine wirklich neue Modellgeneration des 9-3 leistet sich die Marke, eben sechzig geworden, erst in zwei Jahren. Die Zeit will überbrückt sein, und inzwischen muss man gegen etablierte deutsche Konkurrenten bestehen. Ach, wie soll das denn gehen?



Saab Slogan I

„Cars shaped around the pilot“

Zum Beispiel mit gutem Aussehen. Da schnappt sich Saab Details von seiner futuristischen Sportwagen-Studie Aero X, die beim Genfer Autosalon 2006 die Konkurrenz schocken konnte. Eine Motorhaube in Muschelschalen-Form, die über die Kotflügel schwingt und die Wölbung der Frontscheibe aufnimmt – ganz wie die Designstudie. Aus der stammen auch der dreigeteilte Kühlergrill und die in die Breite gezogenen Frontscheinwerfer: Augen, denen Saab als Tagesfahrlicht einen schmalen, leuchtenden Lidstrich verpasst hat. Der Stoßfänger drunter gibt sich fast ein bisschen vulgär: ihn zerschneidet ein trapezförmiges Maul, nur durch einen Rahmen getrennt von zwei tiefen Einlässen für die Bremsenkühlung. Und überall die Verblendung: Chrom, Chrom, Chrom. Erinnert woran? Genau. Der frühere Flugzeug-Hersteller greift in seinem Jubiläumsjahr tief in die Düsentrieb-Kiste.

Die gesamte 9-3er Front nimmt das Flügelmotiv aus dem Logo auf. Auch das Heck-Design orientiert sich daran. Nur beim Kombi hat man sich für senkrechte Lichtsäulen aus satiniertem Glas entschieden. „Eisblock-Optik“ nennen das, Flieger-inspiriert, die Macher. Innen geht es aerodynamisch weiter: gewölbte Armaturenfront fürs „Cockpit-Gefühl“, jede Menge komfortable Elektronik und „flugzeugförmige Griffe“, Sitze, die mit leisestem Summen in alle Lagen verstellbar sind. Nur die popeligen versilberten Plastik-Stöpsel und Rädchen an der Belüftung und die entsprechenden Tachonadeln passen so nicht zum Durchstarter-Anspruch.

Saab-Slogan II

„Flying without leaving the ground“

Zum Beispiel mit superstarken Motoren – sechs Benziner, drei Diesel, zwei Bio-Power-Modelle – die echte Sparer und, schon allein aus schwedischer Heimatverbundenheit, Umweltfreunde sind. Leistungsspektrum: zwischen 122 und 280 PS. Der neue Vierzylinder-Diesel, ein 16-Ventiler mit 180 PS und 400 Newtonmetern maximalem Drehmoment, nennt sich 1.9 TTiD. Das steht für Twin Turbo und funktioniert auch so: mit zweistufiger Turbo-Aufladung. Bis 1500 Umdrehungen pro Minuten treibt das Abgas nur den kleinen Turbo an, ab da kommt der große Turbo dazu, ab 3000 Umdrehungen arbeitet der allein. Heißt: bestes Drehmoment bei jeder Tourenzahl. Mit serienmäßigem Dieselpartikelfilter erfüllt er die künftige Euro 5-Norm. Der Verbrauch soll bei weniger als sechs Litern liegen.

Die beiden Bio-Power-Modelle sind Flexi-Fuel-Motoren, funktionieren also mit Bioethanol als Treibstoff wie auch mit Superbenzin. Die Kombination Turboaufladung plus alternativer Treibstoff E 85 bringt erstaunliche Ergebnisse: Das Modell 1.8t leistet 175 PS (mit Super nur 150), der 2.0t bringt es auf 200 PS (175 als Benziner). Das zischt ab: Die 1.8t-Sport-Limousine kommt in 8,4 Sekunden von null auf hundert, die 2,0t-Version in 7,9. Schlechte Nachricht: In Deutschland gibt es bisher nur rund 80 Tankstellen, an denen Bioethanol zu haben ist. Aber Willi Fey, Deutschland-Geschäftsführer von Saab, hält optimistisch Kontakt zum Bundesverkehrsminister und hofft auf 500 Tankstellen bis Ende des Jahres. „Wir erwarten eine kräftigen Schub für den deutschen Markt.“

Und dann ist da noch ein Novum für Menschen mit Flugangst in scharfen Kurven: das von Saab entwickelte Allrad-System XWD, das ab 2008 bei den Topmodellen 9-3 Aero Limousine und Combi zu haben sein soll. Der 2,8-Liter V6-Motor leistet mit diesem System 280 PS. Ein Novum (siehe Kasten), von dem GM so überzeugt ist, dass der Konzern es für alle seine Allradmodelle nutzen will.

Saab-Slogan III

„Move your mind“

Zum Beispiel mit neuen Werbeaktionen. Mitten in der „Art-Lounge“ der Documenta, abseits des Ausstellungsgeländes im ausrangierten „Kulturbahnhof“, steht ein schneeweißes Bio-Hybrid-Cabrio – ersatzweise, denn der Aero X, die Saab-Skulptur zum Anfassen, ist noch auf Welttournee. An Stehtischen treffen Kunstszene und Presse auf Automobil-Hersteller. Der Oberbürgermeister ist „bekennender Saab-Fahrer“ und Documenta-Kurator Roger M. Buergel outet sich als Cabrio-Fan mit Wetterdienst-Abo auf dem Handy und hat „ein starkes Interesse, mit der Wirtschaft zusammenzuarbeiten“. Carl-Peter Forster, Präsident von GM Europe ist da und Deutschland-Geschäftsführer Willi Fey.

Sie präsentieren „die kleine, feine Marke“, die sich laut Fey, ständige Werbekampagnen nicht leisten kann, als einen der Hauptsponsoren des Kunstspektakels in Kassel. Über Summen schweigt man diskret. Sponsoring als „interessantes Experiment“. Documenta-Besucher, sagt Fey, seien die Zielgruppe von Saab. Künstler und kunstverbundene Menschen, die auch „ungewöhnlich querdenken“ könnten, die das Thema „Ökologie und technische Lösungen dafür finden“, verstünden. Mit solchen Präsentationen hat der Konzern laut Fey Erfolge. Da sponsert man das deutsche Jazzfestival, stellt die 9-3er-Flotte auch mal rund ums Golfturnier und freut sich, wenn Ärzte und Anwälte hinschauen. „Die Pfade des Sport-Sponsorings sind ausgetreten. Die Kunst schafft neue Möglichkeiten“.

Man könnte das Schlingerkurs nennen. Denn draußen, auf den stillgelegten Bahnsteigen, stehen die 9-3er Limousinen und Kombis und Cabrios aufgereiht, beste gehobene Mittelklasse, aber mit zwanghaft betonter neuer Sportlichkeit. Und im Gegensatz zum Aero X alles, nur keine Aufreger. Und sie strahlen vor allem eines nicht mehr aus: die Dezenz, die die Intelligentia doch so schätzte.

Die Saab Modellreihe 9-3 gibt es als Limousine, Kombi und Cabrio. Bei den Motoren stehen sechs Benziner, zwei Flexi-Fuel-Modelle und drei Diesel zur Auswahl mit Leistungswerten zwischen 120 und 280 PS (Allrad). Markteinführung in Deutschland ist am 7. September.

VERBRAUCH

Benziner: Limousine von 7,7 (1.8i) bis 10,8 Liter (2.8V6 Turbo). Diesel: 5,8 Liter (1.9TiD 16v) bzw. 5,9 Liter (1.9 TTiD).

LUXUS

Bi-Xenon-Kurvenlicht: Die Scheinwerfer schwenken in Kurven mit. Auf der Autobahn wird das Abblendlicht angehoben, die Straße gut ausgeleuchtet. Reifendruck-Kontrolle: Serienmäßig beim Aero. Warnt den Fahrer per Display, falls der Luftdruck unter den empfohlenen Grenzwert fällt. Bose Surround Sound-System: Rundum-Musikgenuss durch elf Lautsprecher in der Limousine und zehn im Kombi.

PREISE

Die neuen 9-3er-Modelle sind etwas teurer geworden: 150 Euro das Cabrio, 450 Euro Limousine und Sport-Combi. Beispiele: Die Limousine gibt’s von 25 350 (122 PS) bis 38 950 Euro (255 PS), für 28 550 bzw. 30 350 Euro als Version Bio-Power (175 bzw. 210 PS) und für 27 450 bis 30 850 Euro als Turbo-Diesel (120 bis 180 PS). Der Kombi kostet ab 26 950 Euro, das Cabrio ab 34 400 Euro.

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