Auto : Neue, alte Autos bei F. G. Dittmann

In das denkmalgeschützte Gebäude der ehemaligen Fahrzeugfabrik F. G. Dittmann zieht ein Oldtimer-Club ein. So findet das eindrucksvolle Areal mit seiner Montagehalle wieder zurück zu seinen Wurzeln.

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Das Unternehmen fertigte in Wittenau Spezialaufbauten.
Das Unternehmen fertigte in Wittenau Spezialaufbauten.

Berlin ist reich an leerstehende Fabrikhallen, viele davon werden dem Verfall preis gegeben. Zu den schönsten Komplexen aus der Zeit der Industrialisierung Berlins gehört der Bau von Architekt Bruno Buch in Wittenau. Dort hatte einst die Fahrzeugfabrik F. G. Dittmann ihre Produktion. Die Gebäude aus Backstein bilden ein Ensemble aus Montagehalle, repräsentativem Verwaltungsgebäude und Pförtnerhaus. Zwischen 1913 und 1914 wurde der Komplex erbaut. Bruno Buch, der die Pläne für das Gelände entwarf, war in Berlin kein Unbekannter. Er erdachte den Flaschenturm der Engelhardt-Brauerei in Stralau oder die Groterjan-Brauerei am Gesundbrunnen. Seine Erweiterung der Sarotti-Fabrik in Tempelhof gilt als erster monumentaler Geschossbau aus Stahlbeton in Berlin.

Genau 99 Jahre existierte die Firma F. G. Dittmann, bevor 1931 das Aus kam. Ende des 19. Jahrhunderts erlebte das Unternehmen einen steilen Aufstieg durch den steigenden Bedarf an Spezialaufbauten. Das neue Geschäft lief so gut, dass man sich einen Neubau im Nordwesten Berlins leisten konnte. 1922 folgte der Zusammenschluss mit der AG für Elektromobilfabrikation. In der Folge rollten auch elektrisch betriebene Automobile neben den Benzinern vom Hof. Außerdem wurden Einzelteile für Motoren und Kraftfahrzeuge produziert. Die Weltwirtschaftskrise ging allerdings auch an F. G. Dittmann nicht spurlos vorüber und brachte schließlich die Insolvenz. Nach dem Konkursverfahren verlor sich die Spur des Unternehmens, bis es 1943 auch Handelsregister nicht mehr auftauchte. Seitdem erlebte das Gelände an der Lübarser Straße 40 verschiedene Nutzungen. Das Areal des Fahrzeugbauers wurde dann der Gewerbesiedlungs-Gesellschaft Berlin (GSG) 1976 vom Land Berlin übertragen und bis 1988 vollständig saniert. Das gesamte Gelände steht unter Denkmalschutz.

Ralf-Otto Limbach wurde im vergangenen Jahr auf den Komplex aufmerksam. Der Auto-Enthusiast ersann schon längere Zeit die Gründung eines Oldtimer-Clubs. Ein echter Verein, wo sich Oldtimer-Freunde treffen und über ihr Hobby austauschen können. Benzingespräche in den Hallen einer ehemaligen Fahrzeugfabrik, das war geradezu ideal für die Idee des Freundes historischer Automobile. Limbach war viele Jahre in verschiedenen Führungspositionen in der Autoindustrie aktiv. Für Volkswagen und BMW leitete er das Lateinamerika-Geschäft und zuletzt war er Geschäftsführer bei Vaillant. Danach nahm er sich eine Auszeit um seiner wahren Leidenschaft nachzugehen. Und das sind seine Oldtimer. Einen Aston Martin DB4 und klassischen Porsche 911 nennt er sein eigen. So richtig heimisch fühlte er sich aber bei den übrigen Oldtimer-Stellplätzen in Berlin nicht. "Die anderen Einrichtungen, die es gibt, sind so anonym", sagt Limbach zurückblickend. "Darin konnte ich mich nicht wohlfühlen." Also machte er sich auf die Suche nach einem Standort für seine Idee, bis er in Wittenau fündig wurde. "Das Gebäude der Fahrzeugfabrik F. G. Dittmann ist ideal, es hat die passende Historie", erklärt er seine Wahl. Einen Lackierbetrieb und einen Karosseriebauer gab es dort bereits. Zusammen mit der Geschichte und den einmaligen Gegebenheiten des Geländes fiel die Entscheidung leicht. Zumal er auch langfristige Mietverträge abschließen konnte. Die Finanzierung des Projekts stemmte Limbach aus eigenen Mitteln. Seit Juli dieses Jahres lebt er zum zweiten Mal mit seiner Familie in Berlin, um sich seinem persönlichen Oldtimer-Traum zu widmen.

Am gestrigen Abend hat der Auto Classics Club seine Räumlichkeiten eröffnet. Mit Jazz-Band, Kunst-Ausstellung und Podiumsdiskussion wurde die Eröffnung des 2400 Quadratmeter großen Areals gefeiert und die Räumlichkeiten für die historischen Automobile freigegeben. Damit von der ersten Minute an richtig Glanz in der Halle ist, hat Ralf-Otto Limbach eigens automobile Stargäste eingeladen. Mit dem Ford GT40 kam ein echter, historischer Rennwagen. 1964 ging der Bolide erstmals auf die Piste, 1974 wurde er als Straßenfahrzeug zugelassen. Daneben war noch ein gelber Lotus aus der Sammlung eines Freundes als Leihgabe zur Eröffnung anwesend. Die künftigen Mieter kamen ebenfalls mit ihren Oldtimern zu Eröffnung des Clubs nach Wittenau. So war schon der erste Abend gespickt mit zahlreichen Kostbarkeiten auf vier Rädern. Den Anspruch Limbachs ein "richtiger" Oldtimer-Club für Enthusiasten zu sein unterstreicht das Service-Angebot. Wer einen der 83 Stellplätze mieten möchte, muss Mitglied werden. Dafür werden die Fahrzeuge ständig in Schuss gehalten. Gummis werden gefettet, der Ölstand kontrolliert und die Batterien gewartet, damit der Oldie nie ohne Strom dasteht. Die Autos werden sogar regelmäßig "gewippt", um Standschäden zu vermieden. Für den stilgerechten Ausflug werden an Sonntagen Picknickkörbe bereitgehalten, welche die Oldtimer-Fans dann in ihren historischen Fahrzeug mitnehmen können. Und sollte der Oldie unterwegs liegen bleiben, dann sorgt der Hol- und Bring-Dienst für eine sichere Heimkehr. Was so viel Service kostet wollte Ralf-Otto Limbach nicht verraten. Die Kosten für den Stellplatz und die Mitgliedschaft werden im persönlichen Gespräch ermittelt. Interessenten gibt es offenbar bereits genug, wie der gestrige Abend zeigte.

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