Neue Daimler-Technik soll LKW-Unfälle verhindern : Der GAU auf der Autobahn

Lkw-Unfälle auf der Autobahn haben oft schreckliche Folgen. Die Hersteller arbeiten unter Hochdruck daran, neue Assistenzsysteme zu entwickeln, um Brummi-Crashs zu verhindern.

Gerhard Prien
Verkeilte Massen: Ein Lkw-Unfall auf der A2 Ende Juni am Ende eines Staus. Auffahrunfälle mit Brummis haben verheerende Folgen.
Verkeilte Massen: Ein Lkw-Unfall auf der A2 Ende Juni am Ende eines Staus. Auffahrunfälle mit Brummis haben verheerende Folgen.Foto: dpa

Es ist der Albtraum eines jeden Truckers, der GAU, der größte anzunehmende Unfall auf unseren Straßen: Ein Lkw fährt mit voller Wucht auf einen anderen, stehenden Brummi auf. Ab und an gehen diese schrecklichen Bilder durch die Presse. Die Ladung über die ganze Autobahn zerstreut, das Führerhaus der Zugmaschine zerquetscht zwischen dem eigenen Anhänger und dem Trailer des Vordermanns - es braucht nicht viel Fantasie, um sich die Folgen für Leib und Leben eines Brummifahrers bei einem solch fatalen Crash auszumalen.

Der Active Brake Assist soll die Brummi-Massen aufhalten

Ein 40 Tonnen schwerer Lkw, der mit einer Geschwindigkeit von 80 km/h unterwegs ist, schlägt bei einem Auffahrunfall mit der Energie ein, die bei einem Pkw der Mittelklasse einer Geschwindigkeit von 400 Stundenkilometer entsprechen würde. Dieser Vergleich macht klar, dass es mit Systemen passiver Sicherheit alleine nicht mehr getan ist. Solche Kräfte fängt der beste Stahl und der sicherste Käfig nicht mehr ab. Solche Unfälle müssen nach Möglichkeit aktiv verhindert werden. Daimler hat sich dazu mit dem Active Brake Assist 3 ein System ausgedacht, das solche Horrorszenarien für Busse und Lkw künftig in vielen Fällen verhindern könnte. Eine erweiterte Notbremsfunktion für Brummis.

Ein Lkw mit 40 Tonnen Ladung bei einem Ausweichmanöver ist ein Spektakel. Im Ernstfall auf dicht befahrener Straße möchte man dies nicht erleben.
Ein Lkw mit 40 Tonnen Ladung bei einem Ausweichmanöver ist ein Spektakel. Im Ernstfall auf dicht befahrener Straße möchte man dies...Foto: Daimler

In naher Zukunft, so die Vision von Wolfgang Bernhard, dem Vorstand von Daimler Nutzfahrzeuge, soll es möglichst keine Verkehrsunfälle mit schweren Lkw mehr geben. Eines der Mittel zur Erreichung dieses ehrgeizigen Ziels ist der Active Brake Assist 3, den Mercedes Anfang Juli nun in Berlin präsentierte.

Ein plötzlich auftauchendes Stauende ist die Horrorvision für jeden Bus- oder Lkw-Fahrer, der auf einer Autobahn unterwegs ist. Während er noch mit 80 km/h fährt, steht der Verkehr vor ihm plötzlich still. Ein Fall für ABA 3 (den Active Brake Assist in der dritten Generation).

Die Hälfte aller Auffahrunfälle könnte mit ABA vermieden werden

Im Jahre 2006 läutete die erste Version des Active Brake Assist eine neue Ära bei den Sicherheitssystemen für Brummis ein: Erstmals bremste ein Lkw selbstständig auf die Geschwindigkeit langsamer vorausfahrender Hindernisse ein. In den Folgejahren wurden die Funktionen des ABA, so der Kurzname, schrittweise erweitert. Die zweite Generation ABA 2 leitete bei der Gefahr einer Kollision mit langsamer vorausfahrenden und stehenden Hindernissen selbständig ein Bremsmanöver ein. Ganz zum rechtzeitigen Stillstand schaffte es die zweite Variante des Sicherheitssystems von Daimler aber noch nicht.

Beim Assistenzsystem ABA 3 tastet ein Radarsensor die Fahrbahn vor dem Lkw ab. Er misst die Relativgeschwindigkeit sowie den Abstand vorausfahrender Fahrzeuge und registriert zudem eventuelle Hindernisse auf dem Weg.
Beim Assistenzsystem ABA 3 tastet ein Radarsensor die Fahrbahn vor dem Lkw ab. Er misst die Relativgeschwindigkeit sowie den...Foto: Daimler

Der neue Notbrems-Assistent ABA 3 leitet auch bei vor dem Fahrzeug auftauchenden, stehenden Hindernissen automatisch eine Vollbremsung - bis zum Stillstand des Fahrzeugs - ein. Dadurch wird im besten Falle eine Kollision vermieden. Sollte es nicht zur Vollbremsung reichen, dann wird die Geschwindigkeit des Aufpralls auf das Hindernis immer noch so deutlich verringert, dass die Folgen erheblich reduziert werden. Durch eine Vollbremsung kann ABA 3 also nicht nur die Folgen eines schweren Unfalls reduzieren, sondern sogar selbstständig - im Rahmen der physikalischen Möglichkeiten - Unfälle verhindern.

Künftig sollen auch Fußgänger und Radfahrer erkannt werden

Ein Radarsensor tastet dazu fortlaufend die Fahrbahn vor dem Lkw oder Bus ab. Er misst die Relativgeschwindigkeit vorausfahrender Fahrzeuge sowie den Abstand und registriert zudem eventuelle Hindernisse auf dem Weg. Erkennt das System ein auf der Fahrbahn befindliches Hindernis, so warnt es den Fahrer optisch und akustisch. Reagiert der Fahrer darauf nicht, leitet der Lkw oder Bus nun eigenständig eine vollständige Notbremsung bis zum Stillstand ein.

„Wenn ein vollbeladener 40-Tonnen-Truck eine Vollbremsung macht, dann hat das etwas Höchstdramatisches“, sagt Daimler-Vorstand Wolfgang Bernhard. „Allerdings sind die Bremswege schon heute erstaunlich kurz. Wir können dabei sogar mit Pkws mithalten, die wirklich extrem kurze Bremswege haben.“

Für den Notfall gerüstet: Mittlerweile gibt es mehr als 60.000 Lkw mit Active Brake Assist auf europäischen Straßen.
Für den Notfall gerüstet: Mittlerweile gibt es mehr als 60.000 Lkw mit Active Brake Assist auf europäischen Straßen.Foto: Daimler

Experten schätzen, dass sich so mehr als die Hälfte aller Auffahrunfälle mit schweren Nutzfahrzeugen vermeiden lassen. In einer nächsten Stufe wird der Notbremsassistent auch Fußgänger und Radfahrer erkennen können, selbst neben dem Fahrzeug. So können künftig hoffentlich viele Menschen vor den typischen Rechtsabbiegerunfällen gerettet werden.

Notbrems-Assistent schon bald Pflicht für Brummis

„Wenn wir alle Sensorsysteme eines Lkws für Längs- und Quer-Dynamik kombinieren, steigern wir die Sicherheit unserer Fahrzeuge noch einmal erheblich“, so Bernhard. „Dann wird autonomes Fahren möglich.“ Lkw seien dafür laut Bernhard prädestiniert: Pkw legen im Schnitt pro Jahr knapp 12.000 Kilometer zurück - bei Lkw im Fernverkehr sind es oft 130.000 Kilometer und mehr. Oft werden diese gewaltigen Strecken auf monotonen Routen abgefahren.

Ab November dieses Jahres müssen alle neu zugelassenen Lkw mit mehr als acht Tonnen zulässigem Gesamtgewicht über einen Notbrems-Assistenten verfügen. Ausgenommen sind lediglich Offroad-Fahrzeuge, stahlgefederte Lkw sowie Lkw mit mehr als drei Achsen.

Inzwischen sind auf europäischen Straßen und Autobahnen rund 60.000 Lkw mit Active Brake Assist. Sie haben zusammen mehr als 15,4 Milliarden Kilometer zurückgelegt. Dass die Anstrengungen es wert sind zeigen die Unfallzahlen. 32.892 Unfälle von Güterkraftfahrzeugen mit Personenschaden gab es im Jahr 2013 insgesamt. Im Vergleich zu 1995 bedeutet das immerhin ein Rückgang von 30,4 Prozent, bei den schweren Sattelzügen gingen die Zahlen aber nur um 15,6 Prozent im gleichen Zeitraum zurück. Auf der Autobahn knallt es bei den schweren Brummis am häufigsten. Und dann wird es leider meist höchstdramatisch für alle Beteiligten.

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