Neue Modelle : Jaguar: Ein Gleiter und die Queen auf Speed

Jaguar hat Limousine XJ und Sportler XK behutsam modernisiert. Äußerst apart sind die Einstiegsmotorisierungen geraten.

Sven Jürisch
Jaguar XJ
Gediegen und stark: Der neue Jaguar XJ besinnt sich auf alte Werte. -Foto: Ford

Jaguar bewegt die Gemüter. Aber nicht nur auf die angenehme Art: Wenn das Gespräch auf die britische Marke kommt, gibt es immer auch Geschichten über die angeblich mangelhafte Zuverlässigkeit der Modelle. Motto: Jaguarfahrer brauchen immer zwei Jaguar: einen für die Fahrt, einen für die Werkstatt. Mit der Übernahme durch Ford ist die Qualität deutlich besser geworden. Dafür folgte die Einführung der S- und X- Reihe inklusive Kombi. Der Jaguar für den Vertreterparkplatz gilt heute als schwerer strategischer Fehler, die mit vielen Elementen aus dem Ford-Baukasten ausgerüsteten Modelle verfehlten das Ziel weit, Jaguar, einst Garant für technisch exklusive Lösungen, verlor bei den Liebhabern an Charisma. Weiterhin schadete der Versuch, die Fahrzeuge in den Markt der Flottenfahrzeuge drücken zu wollen, dem Image zusätzlich.

Deshalb folgt jetzt die Rückbesinnung auf die traditionellen Werte: Mit Gediegenheit und einem umfassenden Qualitätsversprechen versucht Jaguar vor allem Privatkunden der oberen Einkommensschichten anzusprechen. Das 2008er-Modellprogramm wurde massiv gestrafft und die Topmodelle XJ und XK erhielten eine umfassende Produktaufwertung. Der Star ist dabei die seit 40 Jahren und in siebter Generation produzierte XJ-Limousine. Der gelungene Entwurf von 2003 wurde an Front und Heck der Vollaluminiumkarosse nur geringfügig verändert. Neu sind dabei die optional bestellbaren Bi-Xenonscheinwerfer (Serie beim XJR) und die veränderten Stoßfänger mit drei mehr oder minder eleganten Kühlöffnungen. Die ebenfalls neu gestalteten Außenspiegel mit integrierter Blinkleuchte passen mit ihrer Klobigkeit allerdings nicht so recht in das von sportlicher Dynamik geprägte Gesamtbild des Briten.

Die Modifikationen im Innenraum beschränken sich im Wesentlichen auf die Sitze. Gegen Aufpreis auch kühlbare Neukonstruktionen stellen nun auch den Fondpassagieren genügend Raum zum Abstellen der Füße bereit. Für noch höhere Ansprüche an die Beweglichkeit auf der Rückbank ist eine Sovereign genannte Version mit langem Radstand lieferbar. In Verbindung mit dem optionalen DVD-Entertainment und der hervorragenden Ledergüte stellt sich so das perfekte Wohlfühlklima ein. Schade nur, dass es Jaguar versäumt hat, auch die billig wirkenden Zündschlüssel gegen eine elegantere Lösung zu ersetzen. Deshalb öffnet man den immerhin 80 000 Euro teuren Jaguar immer noch so wie einen gebrauchten Ford Mondeo.

Noch schwerer wiegt aber, dass es den Lackrobotern in beiden englischen Jaguar-Karosseriewerken anscheinend nicht möglich ist, die Karossen komplett und in ausreichender Schichtstärke mit Farbe zu benebeln. Zumindest bei den von uns besichtigten Modellen fiel auf: Vor allem bei dunklen Farbtönen sticht die hellgraue Grundierung dem Betrachter ins Auge. Auch aus diesem Grund stellt die neu in das Programm aufgenommene Farbe Porcelain-Weiß eine gute Wahl da. Um zur etablierten Konkurrenz aufschließen zu können, besteht, wenn die Lackqualität Serienstandard darstellen sollte, vor allem in puncto Optik erheblicher Nachholbedarf.

Jaguar XK
Etwas Besonderes. Vom Coupé Jaguar XK werden zunächst nur 200 Exemplare nach Deutschland geliefert. -Foto: Ford


Keinen Grund zur Klage bietet dagegen das Motorenprogramm. Vier Benziner und ein Diesel dürften jeden aufkommenden Wunsch befriedigen können. So zählt der mit dem PSA-Konzern entwickelte 2,7 Liter-V6-Biturbo-Diesel in Sachen Laufkultur und Leistungsentfaltung zum Besten, was es am Markt gibt. Souverän setzt sich der von ihm angetriebene 207 PS starke Jaguar in Bewegung, auch die Sechs-Stufen-Automatik passt gut zum Auftritt. Die Beschleunigung liegt bei akzeptablen 8,2 Sekunden, die Höchstgeschwindigkeit beträgt 214 km/h. Unterwürfig brabbelt es dabei im Motorraum, stets präsent, aber nicht aufdringlich. Nebenbei freut man sich über den niedrigen Verbrauch von deutlich unter neun Litern je 100 Kilometer.

Ähnliches Flair verbreiten die Benzinmotoren, jedoch zu anderen Konditionen. Verbräuche um 15 Liter sind normal, allerdings erkauft man sich damit unnachahmlich sämigen Vortrieb, wie ihn ausschließlich ein V8-Motor bietet. Über allem schwebt das XJR getaufte V8-Kompressormodell. Als hätte man der Königin von England Speed in den Gin gemischt, schnellt die 395 PS starke Limousine ab 3000 U/min voran. Von englischer Zurückhaltung keine Spur. So viel Hektik kann vom Heckantrieb nur mühsam auf die Straße gebracht werden. Da verkommt es zur Nebensächlichkeit, dass der XJR in 5,3 Sekunden von 0 auf 100 km/h sprintet. Interessanter dürfte die Tatsache sein, dass rund 17 l/100 km durch die Einspritzdüsen fließen.

Deutlich sparsamer gibt sich da das neue 3,5-Liter-Coupé XK 3,5. Mit dem aus den Limousinen bekannten kleinen V8-Motor beschleunigt das 77 900 Euro teure Coupe in 7,6 Sekunden auf 100km/h und läuft respektable 243 km/h Höchstgeschwindigkeit. Dank Automatik lassen sich die Fahrleistungen mühelos realisieren und nach kurzer Fahrt macht sich die Überzeugung breit, nicht am falschen Ende gespart zu haben: Der XK 3,5, dessen Motor bis auf den Hubraum baugleich mit dem des 4,2 Liter Modells ist, überzeugt im Alltag durch ein perfektes Package. Schade nur, dass Jaguar zunächst nur 200 Exemplare des Einstiegsmodells nach Deutschland liefert und eine Fortsetzung von der Kundenakzeptanz abhängig macht.

Und damit noch einmal zu den Jaguar-Weisheiten. Es stimmt – auch im Jahr 2008 braucht man immer noch zwei Jaguar. Einen XJ von Montag bis Freitag und einen XK für das Wochenende. Den Hersteller wird es freuen.

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