Neuer Ausflugsdampfer für Berlin : Fährt ein Schiff auf die Straße

Traum von der See: Ein Ausflugsdampfer aus dem Schwarzwald soll künftig auf Berliner Gewässern fahren. Der Kapitän erfüllt sich einen Lebenswunsch - und musste dafür einige Strapazen ertragen.

David-Emanuel Digili
Erinnerung an Fitzcarraldo: Das Schiff musste am Schwarzwald über die Baumkronen gehoben werden.
Erinnerung an Fitzcarraldo: Das Schiff musste am Schwarzwald über die Baumkronen gehoben werden.Foto: Ute Aschendorf

Mit Wucht bahnt sich der riesige Iveco-Stralis-Laster seinen Weg zum Westhafen an der Beusselstraße. 32 Meter lang und 4,35 Meter breit ist der Schwertransporter, 500 PS stark, mit einem Gesamtzuggewicht von 120 Tonnen. Direkt am großen Schwerlastkran des Hafens hält der blaue LKW – um von seiner kostbaren Last befreit zu werden. Denn auf der Ladefläche des Lasters ist ein Schiff verzurrt.

Und was für eins: Der Kran hebt langsam und vorsichtig einen ausgewachsenen weißen Ausflugsdampfer ins Wasser – die „Vagabund“ ist angekommen in den Berliner Gewässern. Denn die soll sie zukünftig befahren. Es ist das Ende einer Odyssee – der Lastzug war über 800 Kilometer unterwegs. Denn sein erstes Leben hat Schiff auf dem Schluchsee im Südschwarzwald verbracht. Den befuhr es seit seiner Taufe im Jahr 1968, so lange, bis es ausrangiert wurde. Seitdem lag es im Schwarzwaldort Seebrugg auf dem Trockenen.

Schwerlasttransport? Besser Geduld mitbringen

So lange, bis der Berliner Herbert Stannigel kam. Der Rentner ist der Initiator des übergroßen Transports. Mit dem Schiff erfüllt er sich seinen Traum – und sorgte nebenbei für Bilder wie im Film: In Seebrugg musste der Ausflugsdampfer per Schwerlastkran über die Baumkronen auf den LKW gehoben werden. Nicht ganz Fitzcarraldo, aber auch nicht gerade Kinderkram.

Und auch der Transport auf dem LKW war mit gewissen Leiden verbunden: „Eigentlich wollten wir schon am frühen Sonntag losfahren, dann ist aber eine Leitung am Anhänger geplatzt", erzählt der glückliche Neu-Schiffeigner Stannigel. „Dann war an der Zubringerstraße vom Schluchsee zur Autobahn eine Baustelle, mit dem großen Laster konnten wir da nicht vorbei. Die Umleitung war noch schwieriger, die Straße noch enger. Irgendwie hat es aber trotzdem funktioniert." Merke, wer einen Schwerlasttransport steuert, der sollte ein ruhiger, ausgeglichener Mensch sein. Bis zur Autobahn wurde Stannigels Transport von der Polizei begleitet, es ging über Landstraßen – und nur nachts – bis zur A5 Richtung Berlin. Die Schiffsschraube musste übrigens vor der Fahrt abmontiert werden, sonst hätte sie Furchen in den Asphalt gepflügt.

Im Berliner Westhafen nun, am Morgen der Ankunft, legt Stannigel gemeinsam mit Freund Rainer Röper noch einmal Hand an. Röper bietet sonst Schub- und Schleppleistungen auf Binnengewässern an, ist also gewissermaßen vom Fach. Die Hafenarbeiter packen ebenfalls mit an – und so kommt die Schraube wieder an den Dampfer. Die Sache dauert allerdings, deshalb kann das Schiff erst zwei Stunden später wieder ins Wasser, alle atmen auf, als es geschafft ist.

Stannigel (r.) und Röper am Westhafen vor dem Lkw, mit dem der Ausflugsdampfer nach Berlin transportiert wurde.
Stannigel (r.) und Röper am Westhafen vor dem Lkw, mit dem der Ausflugsdampfer nach Berlin transportiert wurde.Foto: Frank Hausmann

Plan: Feiern, Feste und Partys auf dem Wasser

Über die Gesamtkosten des Unternehmens hüllt sich der neue Eigner Stannigel in Schweigen. Aber verrät, was er mit seiner Erwerbung vorhat. Die „Vagabund“, diesen Namen hat er dem Schiff gegeben, soll in Zukunft als schwimmender Ort für Familienfeiern, Firmenfeste, Hochzeitsgesellschaften oder Geburtstagspartys über die Berliner Gewässer fahren. Platz für 99 Passagiere bietet das Schiff, mit 49 Plätzen draußen und 50 Plätzen im Innenraum. „Die Konkurrenz ist natürlich hart, aber ich bin optimistisch“, sagt Stannigel. „ Nur die Werbetrommel muss noch gerührt werden."

Aber der Schiffsbesitzer hängt keinen Träumen nach, keinem Spleen, er weiß, worauf er sich einlässt. Er ist vom Fach, schon als Kind mit den Eltern auf einem Frachtkahn über die Kanäle geschippert. Ab 1965 dann stand er dann selbst am Führerstand, als Kapitän eines Berliner Ausflugsdampfers bei der „Weißen Flotte“ der DDR. Vor zwei Jahren ging Stannigel dann nach 47 Jahren in den Ruhestand.

Aber Stannigel hatte sein ganzes Leben auf dem Wasser verbracht. Kein Wunder, dass er des Rentnerdaseins schnell überdrussig wurde und seine Erfahrung weiter nutzen wollte. Über einen Bekannten wurde er dann auf das Schiff im Schwarzwald aufmerksam: „Ein lieber Kollege von mir hat eher zufällig herausgefunden, dass am Rhein in der Lux-Werft ein neues Schiff für den Schluchsee gebaut wurde. Er wusste, dass ich schon länger mit dem Gedanken gespielt habe, mir ,etwas Kleines' zuzulegen. Also riet er mir, mich doch mal beim Betreiber am Schluchsee zu melden und mich zu erkundigen, was denn aus dem alten Schiff werden soll."

Motor erst 2011 neu eingebaut

Der Kapitän hatte Erfolg mit seiner Anfrage: „Über den ersten Kontakt konnte ich auch Fotos bekommen und sah gleich: Das Schiff ist noch in Top-Zustand, tadellos."Natürlich nahm Stannigel den Kaufkandidaten auch noch persönlich in Augenschein. Aber das bestätigte nur den ersten Eindruck, laut Stannigel scheint der Schwarzwald-See ein gutes Klima für Schiffe zu bieten. „Wasser aus dem Schluchsee wird auch für naheliegende Kraftwerke genutzt, daher ist der Pegel dort immer unterschiedlich hoch. Und das Schiff lag jeden Winter auf Land", erklärt Stannigel. „Daher konnten auch jeden Winter am Schiffsboden Ausbesserungen vorgenommen werden."

Der Antrieb des Schiffs erwies sich sogar als echter Glückstreffer, hat auf den ersten Blick überzeugt: „"Der Motor ist Baujahr 2011, er wurde also erst vor kurzem noch erneuert.“ Rund 140 PS leistet die Maschine, für gemächliche Fahrten mit Hochzeitsgesellschaften ist das allemal ausreichend. Dazu gibt es noch ein spezielles Hilfsaggregat, das das Schiff mit 220-Volt-Strom versorgt.

Mit einem Handgriff wartete der Käufer in Berlin nicht länger als unbedingt nötig: Auf dem Schluchsee hatte das Schiff noch „MS Nikolaus“ geheißen, Stannigel gönnte ihm einen neuen Anstrich, bei dem auch gleich der neue Name „Vagabund“ angebracht wurde. Und was er als nächstes tun will, das weiß Stannigel auch schon: „Das Geländer wurde für den Transport entfernt und muss wieder angeschweißt werden, dann ist das Schiff komplett. Spätestens zum Herbst." Dann wird er mit der Vagabund über die Berliner Flüsse und Kanäle fahren. Es sieht aus, als hätte Herbert Stannigel auf jeden Fall mehr Erfolg als Fitzcarraldo.

Die „Vagabund“ in Zahlen

Die „Vagabund“ wurde im Jahr 1968 von der Lux-Werft in Niederkassel bei Bonn am Rhein gebaut. Das Ausflugsschiff ist 19 Meter lang, 4,65 Meter breit und bietet 99 Menschen Platz. Bis zum Jahr 2013 war die „Vagabund“ als „MS Nikolaus“ auf dem Schluchsee im südlichen Schwarzwald unterwegs.

Der Motor des Schiffs wurde im Jahr 2011 erneuert und erfüllt die neueste EU-Abgasnorm. Außerdem ist ein Nebenaggregat an Bord, das verwendet werden kann, um Strom zu erzeugen.

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