Neuer Mercedes SL : SL oder die Leichtigkeit des Seins

Mercedes hat seine Roadster-Legende aufgefrischt – zu sehen ist davon wenig, dafür umso mehr zu erfahren: Technik vom Feinsten und ein Cockpit, das passt wie ein maßgeschneiderter Anzug.

Frank Wald
Das ist sein Revier. Bei Tempo 250 ist Schluss. Doch die Paradedisziplin des Roadsters ist eh nicht die wilde Hatz auf der Autobahn, sondern Cruisen unter freiem Himmel.
Das ist sein Revier. Bei Tempo 250 ist Schluss. Doch die Paradedisziplin des Roadsters ist eh nicht die wilde Hatz auf der...Foto: Promo

Sportlich und Legendär, Schnell und Lässig, Spartanisch und Luxuriös – egal wie man das Kürzel der großen Roadster-Ikone von Mercedes buchstabiert, es wird ihr immer gerecht. Nur vielleicht nicht mehr in seiner ursprünglichen Bedeutung. Denn „Super-Leicht“ ist die sechste SL-Generation trotz kompletter Alu-Struktur mit gut 1,7 Tonnen Gewicht heute nicht mehr. Die Proportionen indes sind geblieben: lange Haube, kurzes Heck und die Sitze weit hinten. Darüber ein sogenanntes Variodach, das auf Knopfdruck den Roadster in ein wetterfestes Coupé verwandeln kann. Brauen sich doch dunkle Wolken über dem sonnigen Gefährt zusammen. Der Absatz lief zuletzt nur noch schleppend, und mit S-Klasse Cabrio und offenem AMG GT droht sogar Konkurrenz im eigenen Haus. Höchste Zeit also für ein wenig Facelift und Feinschliff.

Die Betonung liegt auf „wenig“, muss man doch schon sehr genau hinschauen, um die Veränderungen zu erkennen. Am deutlichsten noch zu sehen am umgedrehten Kühlergrill, der im Gegensatz zum Vorgänger jetzt unten breiter ist als oben, und bei SL 400 und SL 500 in der inzwischen modellübergreifend eingesetzten Diamant-Optik funkelt. Dazu kommen serienmäßige LED-Scheinwerfer und größere Lufteinlässe. Am Heck fallen die einteiligen komplett rot gefärbten Rückleuchten und der Diffusor mit integrierten Endrohrblenden ins Auge. Auch innen beschränkten sich die Designer auf einzelne Retuschen, ohne Armaturen und Bedienkonzept grundlegend zu ändern. Gut zu sehen am mittlerweile eher mickrigen Multimedia-Monitor, der gegenüber den modernen Digital-Anzeige-Panoramen der Sportwagen- und Cruiser-Modelle aus dem Bayerischen oder selbst denen der neuen S- oder E-Klasse schon etwas antiquiert wirkt.

SL macht in jeder Situation eine gute Figur

Dafür ist die Software auf dem neuesten Stand. Ein serienmäßiges Kommunikationsmodul mit fester SIM-Karte erlaubt die Nutzung der me-connect-Dienste, zu dem aktuell ein Unfall-, Pannen- und Wartungsmanagement sowie Telediagnose und das Mercedes-Benz Notrufsystem gehören. Und das Bediensystem Comand online (Serie ab SL 500) koppelt alles, was das Stuttgarter Teileregal hergibt, von der Smartphone-Integration über Echtzeit-Navigation und Internetradio bis zu den Remote Online-Diensten, mit denen der SL via Handy geortet und überwacht, fernentriegelt und -geschlossen sowie der Fahrzeugstatus angezeigt wird. Das Dreispeichen-Multifunktions-Sportlenkrad liegt nach wie vor gut in der Hand und das Cockpit passt wie ein maßgeschneiderter Anzug. Denn ob Highway oder Hochstraße, Rundfahrt oder Rundkurs, Dinner oder Diner: der SL macht in jeder Situation eine gute Figur.

Fast schon egal, welcher Motor dabei gerade unter der langen Haube Dienst tut. Mehr was für den Gentleman-Sportler ist der V6-Benziner mit 367 PS, der mit relativ geringem Gewicht (1735 Kilogramm) leichtfüßig aus den Startblöcken kommt, flink die Serpentinen erklimmt und mit kaum minder elegantem Swift wieder herunterwieselt. Ganz nebenbei ist der SL 400 natürlich auch das „günstigste“ Modell ab 99 097,25 Euro. Diesem gegenüber steht auf der anderen Seite der Motorenpalette der majestätische AMG S 65 mit 630 PS starkem V12-Zylinder, der unfassbare 1000 Newtonmeter Drehmoment auf die Kurbelwelle wirft. Wer hier aufs Gaspedal drückt, erlebt die Leichtigkeit des Seins von seiner exklusivsten Seite. Allerdings auch jene seines Kontos angesichts der stolzen 239 933,75 Euro, die für den Spaß investiert werden müssen.

Für knapp die Hälfte (122 897,25 Euro) gibt es den SL 500 mit V8-Biturbo-Motor, der mit 455 PS (335 kW) auch schon genug Power besitzt, um via 9-Gang-Automatik zügig von der Ampel wegzukommen. Und wer das Ganze noch mit richtig Feuer unterm Hintern und Rock’n Roll-Sound aus den Hecktrompeten mag, sollte sich eine Ausfahrt im AMG SL 63 reservieren. Der kostet zwar auch nicht wenige 161 691 Euro und 25 Cent. Doch wenn der V8 seine 585 Pferde anspannt, 900 Newtonmeter Drehmoment an die Hinterachse schickt und jeden Gangwechsel mit brabbelndem Zwischengas-Backfire kommentiert, gibt es kein Halten mehr, weder für das breiter werdende Grinsen im Gesicht des Fahrers noch für die Frisur der Beifahrerin.

Eins haben allerdings alle Modelle gemeinsam: bei Tempo 250 ist Schluss, Mercedes hält sich an die elektronische Selbstbeschränkung. Es sei denn, der Kunde ordert das Driver’s Package (3213 Euro) mit Fahrertraining. Dann verschieben die Mercedes-Tuner aus Affalterbach die elektronische Sperre auf 300 km/h.

Gemacht fürs Cruisen unter freiem Himmel

Der klassische SL-Pilot quittiert das ohnehin mit einem lässigen Achselzucken, weiß er doch, die Paradedisziplin des großen Mercedes-Roadsters ist nicht die wilde Hatz auf der Autobahn, sondern das Cruisen unter freiem Himmel über Land. Ein Knopfdruck genügt und in weniger als 20 Sekunden geht die Sonne auf. Anders als bei der Konkurrenz geht das jedoch nach wie vor nicht während der Fahrt. Aber immerhin haben die Ingenieure diesmal an zu kurze Ampelphasen gedacht. Ist der Knopf im Stand erst mal gedrückt, kann das Öffnen und Schließen des Variodachs bis Tempo 40 fortgesetzt werden. Nicht optimal, aber ein Segen bei plötzlich einsetzendem Regen.

Unterwegs macht vor allem das ausgeglichene Fahrwerk und die zielsichere Lenkung Laune. Mit der optionalen Active Body Control (3510 Euro) können sich SL 400 und SL 500 jetzt sogar erstmals wie ein Motorradfahrer leicht und elegant in die Kurve legen und so die Querbeschleunigung etwas reduzieren – freilich ein trügerischer Komfortgewinn, raubt es einem doch auch ein wenig das Gefühl für die Kurvenführung. Im Gegensatz dazu bietet die stets ab Werk verbaute und aufmerksam schaltende 9-Gang-Automatik echte Entspannung. Für AMG-Versionen zu entspannt, hier sorgt die scheinbar ansatzlos schaltende 7-Gang-Speedshift-Automatik für Standardsprints um die vier Sekunden.

Etwas ruhiger sollte man es allerdings für einen akzeptablen Verbrauch angehen lassen. Mercedes hat für die zivilen Versionen 7,7 Liter (SL 400) und 9,0 (SL 500) nach Norm ermittelt, die AMG-Versionen sollen auf dem Prüfstand 10,1 und 11,9 Liter verschlungen haben. In der Praxis sind das Fabelwerte, die nur dann in Reichweite kommen, wenn man den SL nicht als SL, sondern als rollendes Hindernis fährt. Bei unseren Probefahrten auf tempokontrollierten US-Highways waren diese Zahlen auf dem Bordcomputer jedenfalls nie zu sehen.

Was aber auch daran gelegen haben könnte, dass wir frei nach den Blues Brothers Sonnenbrillen trugen, genug Benzin im Tank hatten und im Auftrag des Stern unterwegs waren.

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