Neuer VW T6 : Der Bulli, die Sechste

Volkswagen feiert die Weltpremiere seiner neuen T-Baureihe. Der VW T6 wird hilfreicher, sparsamer und sauberer. Nur wirkt er nicht ganz so neu.

Janine Ziemann
Neu und doch irgendwie ein alter Bekannter: Die optische Revolution ist beim VW T6 ausgeblieben. Markant sind die neuen Scheinwerfer mit LED-Tagfahrlicht.
Neu und doch irgendwie ein alter Bekannter: Die optische Revolution ist beim VW T6 ausgeblieben. Markant sind die neuen...Foto: promo

Deutschland in den Fünfzigern. Eine Nation krempelt die Ärmel hoch und arbeitet am Wirtschaftswunder. Der Käfer mobilisiert die Massen. Bereits 1955 rollt der millionste Exemplar als vergoldetes Sondermodell vom Band. Der Buckel-Porsche, wie er vielerorts liebvoll genannt wird, steht für das Wiedererwachen eines ganzen Landes. Es wird aus Ruinen auferstanden, in der Bundesrepublik rollen die Volkswagen wie an der Perlenschnur aufgereiht auf die Straße.

Diesen Erfolg, der den Autobauer aus Wolfsburg groß gemacht hat, hätte man gerne auch auf ein neues größeres Fahrzeug übertragen. VW möchte einen Kleinbus bauen. Groß genug für bis zu neun Personen, aber dennoch bezahlbar für Handwerker, Händler und die ersten Urlauber, die er damals noch klassischerweise über den Brenner nach Italien zog. Es gab aber noch ganz andere, recht praktische Gründe, die zum ersten Kleinbus von VW führten. Die Produktion im Werk war abhängig von der britischen Armee, in deren Besatzungszone Wolfsburg lag. Die lieh Volkswagen Transporter und Gabelstapler aus, damit dort weiter Autos gebaut werden konnten. Benötigten die Briten ihre Fahrzeuge aber an anderer Stelle, so standen die Bänder still. Auf Dauer kein Zustand für den Bau des begehrten Käfers, der bis zum Karmann-Ghia das einzige Modell der Marke war.

Aus Kübelwagen wird Plattenwagen

So nahmen die Ingenieure die Pläne und Teile des Kübelwagens Typ 82 und schufen daraus einen Plattenwagen, bei dem der Fahrer am Heck über dem Motor saß. Der Geschichte nach sah der Niederländer Ben Pon bei einem Werksbesuch dieses Gefährt und machte den Vorschlag daraus einen Kastenwagen zu machen. Der Motor blieb hinten, aber der Fahrer rutschte, der ersten Skizze Pons zufolge, nach vorne. Dazwischen Platz für eine Zuladung von 750 Kilogramm. Zwei Jahre später wurde ein erster Prototyp gebaut. Doch die Konstruktion des als T1 bezeichneten ersten Bullis verlief keineswegs umkompliziert. Zunächst wollte man einfach die Bodengruppe des Käfers verwenden. Das klappte allerdings nicht. Schnell stellte sich heraus, dass das Chassis des Wirtschaftswunderautos der Belastung nicht gewachsen war. Der zweite Prototyp wurde dann schon auf eine eigene Plattform gestellt und 1949 konnte Volkswagen seinen Transporter der Öffentlichkeit vorstellen.

Die Applikationen auf dem Armaturenträger sind nun in Klavierlacküberzug verfügbar. Auch das Navigationssystem samt Multimedia ist neu. Der Bildschirm bleibt aber recht klein.
Die Applikationen auf dem Armaturenträger sind nun in Klavierlacküberzug verfügbar. Auch das Navigationssystem samt Multimedia ist...Foto: promo

Schnell wurde aus dem T1 ein Kassenschlager. Mit 5850 D-Mark war der Transporter gerade mal 150 Mark teurer als ein Käfer. Bald entstanden weitere Ableger des begehrten Fahrzeugs. Pritschenwagen, Kleinbus, ein Kombi mit Sitzen hinten und drei seitlichen Fenstern. Es gab sogar eine Variante mit Seitenklappe für Händler und natürlich Behördenfahrzeuge. 1951 wurde aus dem T1 auch das erste Reisemobil abgeleitet. Das Sondermodell „Samba“ feierte auf der IAA 1951 seine Premiere und der Volksmund taufte den Kastenwagen „Bulli“. Das Auto verkaufte sich blendend. 1951 lief bereits der hunderttausendste T1 vom Band, 1962 waren es eine Million. Das Fahrzeug wurde ein weiterer Inbegriff des Wirtschaftswunders und Kultobjekt.

Samba ist Vorbild für neuen VW T6

Besonders dieser Samba wurde unter all den geschichtsträchtigen VW-Bussen das emotionalste Kulturgut. Und Vorbild für den jüngste Generation namens VW T6, die Volkswagen in dieser Woche vorstellte. „Was wir versucht haben, ist dieses Heritage, diese Emotionen in die neue Generation zu übertragen“, verkündete Eckhard Scholz, Vorstandvorsitzender von Volkswagen Nutzfahrzeuge bei der Weltpremiere der neuen Baureihe in Amsterdam. Aber ganz ehrlich: dieses Vorhaben ist zum Scheitern verurteilt. Wer das neue Topmodell „Generation Six“ neben der legendären „Sofie“, dem ältesten noch erhaltenen Modell der ersten Baureihe, stehen sieht, wird erkennen, dass hier Äpfel mit Birnen - oder besser gesagt Erdbeeren mit Kartoffeln - verglichen werden.

Auch die schicke Zweifarb-Lackierung im Samba-Look, beim VW T6 zunächst in vier verschiedenen Kombinationen erhältlich, kann daran nicht rütteln. Aber die Zeiten haben sich eben geändert. Heute zählt nicht mehr nur der praktische Nutzen. Sparsamkeit und Zuverlässigkeit sind das Gebot der Stunde. Ganz nebenbei gilt es noch zahlreiche gesetzliche Vorschriften zu beachten und das Ganze auch gewinnbringend zu produzieren. Hier hat der T6 wirklich einen großen Sprung getan. Wenn auch nicht ganz freiwillig, denn die Abgasnorm Euro 6, die dieses Jahr in Kraft getreten ist, verlangt für alle neu zugelassenen Pkw ab September 2015 deutlich reduzierte Werte. Die Motoren der T5-Baureihe konnten diese nicht erfüllen. Nutzfahrzeuge haben zwar noch ein Jahr mehr Zeit, aber dann tritt sie auch hier in Kraft.

Neu geschäumt. Die Sitze des VW T6 wurden mit der Neuauflage bequemer. Das bewährte Grundsystem mit Schienen und verschiebbarer Dreierbank hat Volkswagen beibehalten.
Neu geschäumt. Die Sitze des VW T6 wurden mit der Neuauflage bequemer. Das bewährte Grundsystem mit Schienen und verschiebbarer...Foto: promo

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