• Niemand schafft den Normverbrauch - Tricks und ein veralteter Prüfzyklus sind Ursachen

Auto : Niemand schafft den Normverbrauch - Tricks und ein veralteter Prüfzyklus sind Ursachen

Kai KolwitzD

Sie sorgen für Ärger oder Belustigung: die Verbrauchsangaben der Hersteller. Denn niemand erreicht sie im Alltag. Ein bis zwei Liter mehr, so die Faustregel, sind realistisch.

Das Thema hat jetzt die Deutsche Umwelthilfe entdeckt. Deshalb, weil sich ab 1. Juli bei Neufahrzeugen die Steuer auch am CO2-Ausstoß orientiert – und damit am Verbrauch, denn beide Größen hängen direkt voneinander ab. Mehrere hundert Millionen Euro, so die Schätzungen der Organisation, werden in Zukunft jährlich dem deutschen Staat durch die geschönten Angaben entgehen. Den schwarzen Peter dafür schiebt die DUH den Herstellern zu. Denen wirft sie vor zu tricksen. Etwa dadurch, dass die Messungen mit besonderen Ölen und Reifen gefahren werden, mit erhöhtem Reifendruck oder ohne Klimaanlage.

„Im Interesse der Kunden sollten sich die Hersteller an die Wahrheit halten“, fordert DUH-Projektleiterin Barbara Göppel. Doch bei der Frage, wo die liegt, fangen die Probleme an. Denn zwar sind die Praktiken den Autobauern jederzeit zuzutrauen. Doch bewegen die sich damit größtenteils innerhalb der gesetzlichen Grenzen. Denn bei der Ermittlung des Normverbrauchs zählt der Neue Europäische Fahrzyklus NEFZ. Der definiert eine fiktive Fahrt, die auf dem Prüfstand abgespult wird: zwei Drittel Stadt, ein Drittel Überland – aber schneller als Tempo 120 wird nicht gefahren, selbst dieser Wert wird nur kurz gestreift. Auch die Beschleunigung orientiert sich am Fahrzeugpark des Jahres 1970, aus dem Grundzüge des Zyklus stammen.

Um die Abweichung zur Praxis zu klären, hat die DUH die Normverbräuche mit denen verglichen, die der ADAC in einem Test ermittelt hat. Schlusslicht ist eine Variante des Smart Fortwo mit 33 Prozent Mehrverbrauch. Ansonsten tummelt sich unter Klassenbesten wie auch unter -schlechtesten ein bunter Strauß verschiedener Hersteller mit einzelnen Modellen: unter anderem Mercedes, Lexus, Ford und Peugeot unter den Ehrlichsten, wieder Mercedes und Ford, Toyota, Renault oder Daihatsu unter denen mit den größten Abweichungen.

Am Prüfzyklus selbst will sich die DUH allerdings gar nicht abarbeiten. Resch begründet, das würde Jahre dauern, man wolle schnelle Verbesserungen. Stattdessen kündigt man an, Musterklagen zu unterstützen. Wie diese ausgehen werden, darauf darf man gespannt sein. Etwa zehn Prozent Abweichung zu den Prospektangaben müsse ein Autofahrer hinnehmen, urteilte vor zwei Jahren der Bundesgerichtshof. Ein Urteil des Stuttgarter Oberlandesgerichts, durch das ein Käufer schon bei einer Abweichung von gut neun Prozent Schadenersatz erhielt, erging als sogenanntes Anerkenntnisurteil: Der Hersteller selbst erkannte die Vorwürfe im Einzelfall an, ein Präzedenzfall wurde damit nicht geschaffen.

Bleibt die Sache mit der Steuer. „Vertrauen ist gut, aber spätestens ab 1. Juli ist Kontrolle besser. Ansonsten werden die Hersteller ihre Kreativität bei der missbräuchlichen Interpretation der europäischen Prüfvorschriften weiter ausreizen“, fordert DUH-Mann Resch. Doch es gibt wohl nur einen, der Schlupflöcher stopfen kann: der Staat. Kai Kolwitz

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