Notrufsystem eCall wird eingeführt : Spion oder Lebensretter?

Das System eCall soll künftig für Neuwagen verpflichtend werden. Das EU-Parlament hat eine entsprechende Regelung befürwortet. Die Idee findet allerdings nicht nur Befürworter.

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Hilfe per Tastendruck. Bereits ab dem kommenden Jahr könnte das Notrufsystem eCall für alle Hersteller verpflichtend werden. Es gibt aber Bedenken.
Hilfe per Tastendruck. Bereits ab dem kommenden Jahr könnte das Notrufsystem eCall für alle Hersteller verpflichtend werden. Es...Foto: picture alliance / dpa

Hilflos in einem Auto eingeklemmt zu sein, ist sicher mit das Schlimmste, was Autofahrern passieren kann. Zwar haben heute nahezu alle Autofahrer ein Mobiltelefon dabei, und damit ist in den meisten Fällen ein Hilferuf möglich. Aber bei besonders schlimmen Unfällen oder Bewusstlosigkeit hilft auch das nicht mehr weiter. Hier soll künftig das eCall-System eingreifen, das im Fall der Fälle automatisch ein Notrufsignal absetzt.

Das EU-Parlament hat in dieser Woche die Pläne der EU-Kommission für den verpflichtenden Einbau in alle Automodelle ab dem kommenden Jahr gebilligt. Ziel ist es, die entsprechende Verordnung noch vor den Europawahlen im Mai zu verabschieden. So erfreulich der mit großer Mehrheit gefasste Beschluss der EU-Parlamentarier auch ist, über die Details könnte es noch Streit geben. Technisch gesehen sind nämlich einige Fragen offen, denn es gibt verschiedene Möglichkeiten, ein solches System in moderne Fahrzeuge zu integrieren. Grundsätzlich handelt es sich bei eCall um eine Technik, die bei einem Unfall über das Mobilfunknetz einen Notruf auf die in Europa einheitliche Nummer 112 absetzt. Die meisten Systeme bauen dabei auch eine Gesprächsverbindung mit der Rettungsleitstelle auf. "eCall ist vernünftig und sinnvoll", sagt Rainer Hillgärtner vom Auto-Club Europa (ACE) zu der Technik. "Das System kann helfen, Rettungsmaßnahmen deutlich früher einzuleiten und so Menschenleben retten."

Notrufe sind Aufgaben des Staates

Neben dem Hilferuf übermittelt die Technik auch den Standort des Fahrzeugs und kann so die Retter direkt zum Unfallort führen. Das System kann auch manuell ausgelöst werden, beispielsweise bei einem medizinischen Notfall. Wer einmal einen Herzinfarkt überlebt hat, der wird wissen, wie wertvoll einige Minuten sein können. Dennoch gibt es einige Vorbehalte gegenüber der flächendeckenden Einführung von eCall in Europa. "Es besteht die Möglichkeit, dass Hersteller aus den Systemen einen kommerziellen Nutzen ziehen", gibt Rainer Hillgärtner vom ACE zu bedenken. Beispielsweise könnten gleich die Vertragswerkstätten der großen Hersteller an den Unfallort gerufen werden und so das Unfallfahrzeug unter ihre Fittiche nehmen. Aber auch Versicherungen könnten ein Interesse an den Daten haben. Denn über eine Verbindung mit den Telematiksystemen moderner Fahrzeuge lassen sich so eine Menge interessanter Daten auswerten. Nicht immer unbedingt zum Vorteil des Unfallopfers. So fordert auch Hillgärtner: "Die Verantwortung für den eCall ist nicht an private Dienstleister abzugeben. Das ist eine originäre Aufgabe des Staates."

Genau da setzt aber die Kritik der Europa-Abgeordneten der Grünen Heide Rühle an. "Es ist bisher ungeklärt, wer die hohen Folgekosten für die öffentliche Hand trägt", sagt die Politikerin. Rühle befürchtet ebenfalls datenschutzrechtliche Probleme. Der Datenschutz ist das Kardinalproblem beim vernetzten Auto. Vielfältige Möglichkeiten ergeben sich aus der Kommunikation zwischen den einzelnen Autos. Staus könnten vermieden und Gefahrenstellen automatisch umfahren werden. Aber es gibt eben auch negative Beispiele. Bereits heute testen Versicherungen einen günstigen Spezialtarif für Autofahrer, die sich eine Blackbox einbauen lassen. Kritiker wie Rainer Hillgärtner vom ACE befürchten, dass dieses Prinzip irgendwann umgekehrt wird. Dann fahren diejenigen teuer, die sich nicht als "gläserner Autofahrer" der Totalüberwachung hingeben möchten. "Verbraucherschutz wird häufig erst dann diskutiert, wenn wesentliche rechtliche und industriepolitische Entscheidungen bereits getroffen sind", sagt Hillgärtner. Beim vernetzten Auto sei es aber noch nicht zu spät.

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