Ökologisch fahren : Dienstfahrt unter Druck

Wer als Lkw-Fahrer die Umwelt schonen möchte, muss nur kräftig auf die Bremse treten. Das gilt zumindest dann, wenn man einen Müllwagen des Berliner Herstellers Haller Umweltsysteme durch die Straßen steuert.

Philipp Eins

Neben einem gewöhnlichen Dieselmotor verfügen die Laster über einen umweltschonenden hydraulischen Hybridantrieb. „Beim Bremsen wird mechanischer Druck aufgefangen, zwischengespeichert und beim Anfahren wieder abgegeben“, erklärt Geschäftsführer Axel Panne.

Das bedeutet: Bremst ein Müllmann vor einer roten Ampel, lagern zwischen 100 bis 300 Bar Druck in Speichern unter der Motorhaube. Beschleunigt der Fahrer bei Grün, wird etwa 30 Sekunden lang die Anfahrt aus dem hydraulischen Antrieb unterstützt. „Müllfahrzeuge sparen so zwischen 12 und 20 Prozent Kraftstoff“, sagt Panne. Ein Testeinsatz bei der Berliner Stadtreinigung BSR habe dies bestätigt.

Das erste Müllfahrzeug dieser Art brachten die Mitarbeiter von Haller Umweltsysteme in Zusammenarbeit mit der Bosch-Rexroth-Gruppe Ende 2007 ins Rollen. Seit Mitte 2008 stellen sie die energiesparenden Müllwagen auf Messen aus, zuletzt auf der Internationalen Automobil-Ausstellung IAA. „Unsere Modelle sparen nicht nur Sprit, die reduzieren auch die Wärme- und Feinstaubentwicklung“, sagt Axel Panne. Stadtreinigungen aus Wien und dem Ruhrgebiet hätten bereits Interesse bekundet.

Doch nicht nur mittelständische Unternehmen wie Haller Umweltsysteme beschäftigen sich mit spritsparenden Technologien für Nutzfahrzeuge. Auch der weltgrößte Omnibushersteller Daimler will in den kommenden Jahren vor allem mit umweltfreundlicheren Hybrid- und Brennstoffzellen-Antrieben bei Bussen punkten. Schon heute wird der Mercedes-Benz Citaro mit diesel-elektrischem Hybridantrieb angeboten. „Das Fahrzeug wird nicht durch einen klassischen Verbrennungsmotor, sondern durch einen Elektromotor angetrieben“, erläutert Daimler-Sprecherin Nada Filipovic.

Der Stadtbus ist mit einem Dieselgenerator ausgestattet und wird zudem mit überschüssiger Bremsenergie versorgt. Im Gegensatz zum Müllwagen wird die Kraft jedoch nicht mechanisch gespeichert, sondern als elektrische Energie in Lithium-Ionen-Batterien geleitet, die auf dem Dach befestigt sind. „Diese Kombination ermöglicht es, Teilstrecken abgasfrei im reinen Batteriebetrieb zu fahren“, sagt Filipovic. Beim Heranfahren an die Haltestelle, im Stand und beim Beschleunigen funktioniert der Hybridbus rein elektrisch – und damit praktisch emissionsfrei.

In Zukunft könnte sich Daimler sogar vorstellen, die Dieselgeneratoren durch Brennstoffzellen zu ersetzen. Drei Fahrzeuge fahren mit dieser Kombination derzeit im Rahmen eines Forschungsprojekts durch Hamburg. Dass die Technik nicht markttauglich ist, liegt nach Ansicht des Unternehmens an den mangelnden staatlichen Förderungen. Denn alternative Antriebe sind teuer in der Anschaffung.

Das gilt sowohl für die Daimler-Busse, als auch für die alternativen Müllwagen. „Etwa acht Prozent beträgt der Aufschlag pro Fahrzeug“, sagt Axel Panne von Haller Umweltsysteme. Das entspricht einem Geldwert von immerhin 25 000 Euro. Die Amortisationszeit liege nach Berechnungen des Unternehmers zwischen drei und vier Jahren. Daimler möchte sich zu den Anschaffungskosten seiner alternativen Elektrobusse gar nicht erst äußern – ein Schnäppchen wird das Fahrzeug der Zukunft daher wohl kaum sein.

Ob sich die Investition trotzdem lohnt, liegt vor allem am Gebrauch. „Bei Stadtbussen oder Müllwagen, die oft halten und wieder anfahren, sind Hybridantriebe schon sinnvoll“, meint Eckehart Rotter vom Verband der Automobilindustrie (VDA). Anders sehe das jedoch bei Lastkraftwagen oder Reisebussen aus, die lange Strecken bewältigen müssen. Für einen 40-Tonner, der Waren über große Entfernungen transportiert, sei der Diesel-Verbrennungsmotor noch immer ungeschlagen.

Erschwerend auf den Verkauf alternativer Antriebe wirkt sich die Wirtschaftskrise aus. „Bei dem derzeit günstigen Dieselpreis interessieren sich viele Unternehmen nicht dafür, in krafstoffsparende Technologien zu investieren“, sagt Axel Panne. Das sei jedoch kurzfristig gedacht. „Der hohe Ölpreis kommt wieder – und auch die globale Erderwärmung wird drastische Konsequenzen haben.“

Kommunale Verkehrsbetriebe werden es nach Ansicht des VDA außerdem schwer haben, sich gegen alternative Antriebe zu wehren. Denn: „Wenn Privatnutzer aufgefordert werden, in umweltschonende Technologien zu investieren, muss auch bei den öffentlichen Betrieben etwas geschehen“, meint Eckehart Rotter. „Der politische Druck wird wachsen.“

In der Bundespolitik ist er bereits spürbar und hat immerhin zu einer Absichtserklärung geführt: Das Bundesverkehrsministerium will in den kommenden Jahren 150 Millionen Euro aus dem Konjunkturpaket II in die Erforschung und Entwicklung von Elektro- und anderen alternativen Antrieben stecken. Dies kündigte Martina Hinricher, Referatsleiterin im Ministerium, auf einem Kongress von Umwelt- und Verkehrsverbänden in Dresden an. Entsprechende Fahrzeuge sollen testweise in ausgewählten Modellregionen eingesetzt werden. Denkbar seien beispielsweise Elektro-Pkw und -Motorräder, Diesel-Hybrid-Lastwagen oder Stadtbusse mit Batteriespeicher.

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