Oldtimer Grand Prix : Mit Flammen im Auspuff

Von Hybridantrieb redet hier niemand und "Drei Liter" ist eine Hubraumklasse, kein Verbrauchswert. Ein Besuch beim Oldtimer Grand Prix auf dem Nürburgring.

Kai Kolwitz

Es ist laut. Oder, eigentlich sollte man eher schreiben: LAUT! Die Corvette auf der Strecke dürfte aus den frühen Siebzigern stammen. Sie ist mattschwarz lackiert, die Fahrzeugseiten sind alles andere als makellos. Und wenn der Fahrer auf der Geraden hinter der Schikane voll beschleunigt, dann sehen viele andere Wagen auf dem Rennkurs aus, als würden sie parken, während die Corvette mühelos an ihnen vorbeizieht. Begleitet wird das von einem Motorengeräusch, das klingt, als würde der schwarze Wagen rostige Nägel aus dem Auspuff schießen. Nicht filigran. Nicht edel konstruiert. Sondern einfach nur böse und infernalisch laut.

Es ist Samstagabend und der Nürburgring versinkt langsam im Nebel. Die meisten Zuschauer sind schon nach Hause gegangen, während auf der Strecke doch noch ein Rennen stattfindet. Das schlechte Wetter gehört auf der Rennstrecke in der Eifel fast schon zur Standard-Atmosphäre. Aber an diesem Samstag hat es beim Oldtimer Grand Prix dafür gesorgt, dass ein Großteil der insgesamt zehn angesetzten Rennen abgesagt oder auf ein paar Demonstrationsrunden ohne Zeitnahme und Überholmanöver zusammengestrichen werden mussten.

Doch wer im Nieselregen ausgeharrt hat, bekommt jetzt eine späte Belohnung. Denn für die Dreißig- bis Vierzigjährigen sieht es auf dem Asphalt so aus, als wäre ein Autoquartett aus der Kindheit zum Leben erwacht: Brutal verbreiterte und verspoilerte Porsche 935, denen beim Gaswegnehmen vor der Kurve Flammen aus dem Auspuff schießen. Gleich acht BMW M1, die bayerischen Ferrari-Rivalen aus den späten Siebzigern. Dazu zwei De Tomaso, diverse Ford Capris, sogar ein Opel Commodore, dessen Fahrer auf dem letzten bisschen Reifengummi fährt, um die Porsche 911 hinter sich zu halten.

Mag sein, dass das Auto seine große Zeit als Freiheits- und Statussymbol hinter sich hat. Mag auch sein, dass es sich mit der Bahn viel gemütlicher reist als auf der vollen Autobahn. Doch am Nürburgring wird noch einmal die Zeit zelebriert, in der Familienpapis am Samstag Eimer und Schlauch aus der Garage holten, um das beste Stück strahlen zu lassen. Und in der BMW-Fahrer gelochte Handschuhe trugen, um besser am Lenkrad drehen zu können.

Schon zum 37. Mal findet die Veranstaltung auf der Rennstrecke in der Eifel statt. Einige der Wagen, die im Jahr 2009 als Oldtimer auf die Strecke gehen, waren bei der ersten Auflage noch gar nicht gebaut. Die Spanne reicht von Vorkriegsfahrzeugen und Formel-Eins-Autos aus den Fünfziger und Sechziger Jahren, über alle Arten von Touren- und Sportwagen, bis hin zu den lang gestreckten und voll verkleideten Prototypen der Gruppe C, die in den Achtziger Jahren Langstreckenrennen wie die "24 Stunden von Le Mans" oder das 1000-Kilometer-Rennen am Nürburgring bestritten. Selbst für die BMW M3 und AMG-Mercedes der Deutschen Tourenwagenmeisterschaft ist Platz auf der Strecke. Im Rahmen der Youngtimer Trophy fahren sie neben Ford Escort und den ersten Golf GTI.

Die Rennstrategie wird dabei sichtbar von der Wahl des Fahrzeugs beeinflusst: Wo die Wagen mit den großen, meist amerikanischen Motoren auf der Geraden ihre brachiale Leistung ausspielen, kommen Porsche und BMW vor den Kurven wieder ins Spiel. Weil sie bessere Fahrwerke haben und später bremsen können, versuchen sie, die größeren Wagen wieder einzufangen, bevor es um die Ecken geht. Vom Publikum gibt es Szenenapplaus, wenn es mal wieder einem der Kleineren gelungen ist, einen Großen zu ärgern.

Wie intensiv die Rennen ablaufen, hängt dagegen von der Preisklasse der Wagen ab. Während man bei Einzelstücken und Hochpreis-Klassikern à la Mercedes 300 SL Flügeltürer den Respekt der Piloten spüren kann, ist bei den Tourenwagen der Sechziger ziemlich viel egal. Die Rennautos bauen auf preiswerten Serienwagen des Jahrzehnts auf, Karosserie und Technik lassen sich nach leichten bis mittelschweren Schäden für überschaubares Geld wieder instand setzen.

Deshalb nehmen die Piloten in Alfa GTA, Volvo Amazon oder BMWs neuer Klasse kleinere Blechkontakte in Kauf, wenn es sich nicht vermeiden lässt. Aus der Nähe betrachtet, ist kaum ein Auto unverbeult und unverschrammt, fast scheint es, als dienten Kratzer im Lack dazu, anderen Respekt einzuflößen. Dass man das so genau erkennen kann, liegt daran, dass die Wagen zwischen den Rennen frei zugänglich sind: Das Fahrerlager ist offen, geschraubt wird vor Publikum und selbst vor den Rennen sind die Zuschauer nur durch eine gelbe Linie von der Stelle getrennt, von der aus die Wagen auf die Strecke gehen.

Das führt dazu, dass selbst Alt-Prominenz wie Rallye-Weltmeister Stig Blomquist ganz entspannt am Auto lehnt und Schwätzchen mit den Zuschauern hält: Nein, der Wagen habe leider ein kleines technisches Problem, der Sieg sei so nicht drin. Und er als Gelände-Spezialist auf einem Rundstrecken-Wagen – na ja, so wie der rutsche, sei es ja fast wie früher auf den Rallyes.

Trotz des schlechten Wetters: Von mehr als 60.000 Besuchern berichtet der Automobilclub von Deutschland (AvD), der den Oldtimer Grand Prix ausrichtet. Und weil viele von ihnen selbst mit einem Old- oder Youngtimer angereist sind, sind selbst die Parkplätze und die Bundesstraße an der Strecke Teil der Show. Mehrere Peugeot aus den Fünfzigern, Porsche aller Baujahre und Leistungsklassen, ein rarer Tatra mit Scheinwerfern weit innen im Kühlergrill, Kunststoff-Klassiker à la TVR oder Marcos und Ferraris so viele, dass es den Besitzern weh tun muss, dass sie so viel Geld für so ein Allerweltsauto ausgegeben haben.

Eigentlich bräuchte es gar keine Eintrittskarte, um hier ein spannendes Wochenende zu verleben. Und auf der Zufahrt zum Parkplatz taucht dann noch dieser VW Bus aus den Fünfzigern auf. Piekfein restauriert, aber so tief gelegt, dass die Karosse fast am Boden kratzt. Als er wendet, tut sein Heck einen Wischer, die Reifen drehen kurz durch und der Motor klingt nach deutlich mehr als der serienmäßigen Leistung. Aber das könnte auch mein Tinnitus sein.

Quelle: ZEIT ONLINE

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