150 Jahre Feuerwehrautos von Magirus : Von hohen Leitern und Feuersbrünsten

Sicherheit mit Geschichte: Seit 150 Jahren werden in Ulm Feuerwehrautos und -ausrüstung produziert. Am Anfang stand ein Tüftler mit Namen Conrad Dietrich Magirus.

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Von Anfang an. Enthusiasten haben viele alte Exponate aus der Magirus-Geschichte aufbewahrt und restauriert.
Von Anfang an. Enthusiasten haben viele alte Exponate aus der Magirus-Geschichte aufbewahrt und restauriert.Foto: Markus Mechnich

Einer der Traumberufe kleiner Jungs ist – Feuerwehrmann. Und was den Nachwuchs seit ewigen Zeiten am meisten begeistert, das sind die rot lackierten Fahrzeuge der Wehrleute. Seit 150 Jahren wird solche Ausrüstung in Ulm gebaut, die erste Leiter konstruierte der Feuerwehrmann Conrad Dietrich Magirus hier im Jahr 1873. Bis heute werden in dem Unternehmen, das seinen Namen trägt, Fahrzeuge für den Einsatz in der ganzen Welt gebaut.

Wenn Helmut Heinle die Besucher im Ulmer Iveco-Werk durch die Hallen führt, dann erschließt sich leicht, was kleine und große Kinder an der Feuerwehr so fasziniert: Es ist beeindruckende Technik, die gemacht ist, um Leben zu retten. Selbst nach mehr als 40 Jahren im Vertrieb bei Magirus strahlen dem 67-Jährigen die Augen. Inzwischen ist er in Rente, die Führungen macht er ehrenamtlich.

Mit Magirus fing alles an

Und er identifiziert sich mit dem, was er tut: Voller Stolz berichtet er von der Produktion der Feuerwehrautos in Ulm, an deren Anfang Feuerwehrmann Magirus stand. Der war eigentlich Kaufmann, in seinem Nebenberuf aber auch Kommandant der Freiwilligen Feuerwehr von Ulm. Und er war technisch interessiert: Er tüftelte schon lange an der Konstruktion verschiedener Gerätschaften zur Feuerbekämpfung herum, bevor er 1864 Gesellschafter bei der just gegründeten „Gebr. Eberhardt offene Handels- und Kommanditgesellschaft“ wurde. Ideal für den Feuerwehrmann aus Berufung, stellte das Unternehmen doch Geräte zur Brandbekämpfung her.

Doch bald kam es zu Unstimmigkeiten mit den anderen Gesellschaftern und schon zwei Jahre später gründete Magirus sein eigenes Unternehmen – und hatte schnell Erfolg: Der Durchbruch kam 1872 mit der weltweit ersten freistehenden und besteigbaren Schiebeleiter. 14 Meter reckte sich die Konstruktion in die Höhe und brachte dem glücklichen Erfinder ein Jahr später auf der Weltausstellung in Wien eine Goldmedaille ein.

In den folgenden Jahrzehnten kamen Zeiten des steilen Aufstiegs und großer Krisen. Während des Ersten Weltkrieges begann Magirus mit der Produktion von Lastwagen, ab 1919 kamen auch Omnibusse hinzu. Die Weltwirtschaftskrise Ende der 1920er Jahre brachte das Ulmer Unternehmen allerdings in Schwierigkeiten, zu spät setzte man auf die aufkommenden Dieselmotoren. Die Folge: Ab 1932 hatten die Banken das Sagen und 1935 wurde Magirus von der Kölner Humboldt-Deutz Motorenfabrik übernommen – und einer der Produzenten von Einheits-Lkw für die Wehrmacht und den Krieg.

Wirtschaftswunder. Der „Rundhauber“ brachte Magirus in den Fünfziger Jahren wieder in Fahrt. Heute ist er ein gesuchter Oldtimer – gerade dann, wenn er einen Drehleiter-Aufbau trägt wie hier.
Wirtschaftswunder. Der „Rundhauber“ brachte Magirus in den Fünfziger Jahren wieder in Fahrt. Heute ist er ein gesuchter Oldtimer –...Foto: Markus Mechnich

Aufschwung in der Nachkriegszeit

Nach dem Zweiten Weltkrieg konnte man die Demontage des Werks durch geschickte Verhandlungen abwenden. Produktion und Entwicklung nahmen mit dem Wirtschaftswunder schnell wieder Fahrt auf – und das, obwohl Angriffe das Werk zu 60 Prozent zerstört hatte.

Erstes neues Markenzeichen des Herstellers wurden die Magirus-„Rundhauber“ mit luftgekühlten Dieselmotoren, deren Antrieb schon gegen Ende des Krieges entwickelt worden war. Besonders erfolgreich war der Hersteller mit allradgetriebenen Lkw. Im Nachkriegsdeutschland waren viele Straßen schlecht, Millionen Tonnen an Schutt standen dem Wiederaufbau im Weg – da waren Wagen gern genommen, die auf schwerem Terrain zurechtkamen. Als in den sechziger Jahren die Nachfrage allerdings abflaute, kam die nächste große Krise. Das Ende markierte das Jahr 1975, als Magirus in der Iveco AG verschwand, in der schon die Nutzfahrzeugsparte von Fiat aufgegangen war. Dabei hatte man 1973 noch ein neues Werk gebaut – das, das heute immer noch benutzt wird.

Der letzte Lkw lief 2012 in Ulm vom Band, ein Iveco Stralis, die Finanzkrise sorgte dafür, dass der Konzern sich neu sortieren musste. Den Standort retteten dann zwei Dinge: Zum einen ist die Stadt heute das Zentrum der Entwicklung des Konzerns. Rund 300 Mitarbeiter sind in der Forschung beschäftigt und damit, Lkw-Typen und technische Systeme zu testen. Ulm ist so etwas wie das Hirn der Lastwagen-Produktion von Iveco.

Sammlerstücke: Besonders die Feuerwehrwagen aus "seligen Zeiten" sind heiß begehrt.
Sammlerstücke: Besonders die Feuerwehrwagen aus "seligen Zeiten" sind heiß begehrt.Foto: Markus Mechnich

„Supertanker“ mit 12 000 Liter Kapazität

Das zweite Standbein ist – immer noch – die Produktion von Feuerwehrfahrzeugen. Die gehörte stets zu den krisenfesteren Sparten des Unternehmens, das Know-how der Facharbeiter überzeugte Iveco, die komplette Brandschutz-Kompetenz des Unternehmens in Schwaben zu vereinen. Andere Werke wurden geschlossen, in Ulm wurde investiert: 40 bis 45 Millionen kostete der Umbau der 600 Meter langen Produktionshalle.

Dort werden in vier Linien Löschfahrzeuge montiert. Rund 60 Prozent davon haben einen Iveco-Truck als Unterbau. Wenn der Kunde es will, dann wird aber auch auf Fremdfabrikaten montiert. Die Aufbauten sind eine Eigenentwicklung, ein modulares System aus Aluminiumbauteilen – auch bei Feuerwehr-Lkw zählt jedes Gramm.

Dennoch haben sie reichlich zu schleppen, denn das Erste, was auf der Konstruktion zwischen den beiden Achsen verbaut wird, ist der Löschtank samt Pumpsystem. Die Volumina reichen von etwa 1000 Liter Kapazität bis hin zu Spezialfahrzeugen mit bis zu 12 000 Litern Wasser und 6000 Litern Schaum an Bord. Solche „Supertanker“ sind vor allem für Chemiewerke oder Flughäfen gedacht.

Gegenwart: Im Ulmer Iveco-Werk werden Aufbauten von Magirus montiert.
Gegenwart: Im Ulmer Iveco-Werk werden Aufbauten von Magirus montiert.Foto: Markus Mechnich

Handwerk mit Erfahrung

Bei unserem Besuch stehen ganz vorne in der Halle drei Lkw für die Feuerwehr in Lübbenau im Spreewald. Der Aufbau ist bereits montiert, neben dem Tank finden die Rollen für die Schläuche ihren Platz. Nebenan werden die Autos dann mit der Ausrüstung für die Wehrleute bestückt. Teilweise liefern die Kunden ihre Inhalte selbst an, teils werden sie direkt von Ulm aus beschafft. Etwa ein Fahrzeug pro Linie läuft pro Tag vom Band, macht vier Wagen täglich. Ein Löschfahrzeug kann massiv sechsstellige Summen kosten, je nach den Sonderwünschen der Kunden, Hunderte solcher Löschzüge verlassen jedes Jahr den Ulmer Standort.

Drehleiterfahrzeuge werden in einer eigenen Halle nebenan gefertigt. 200 Leiterwagen fahren jedes Jahr vom Werksgelände – 60 Prozent aller Drehleitern, die weltweit in Dienst gestellt werden, stammen aus Ulm. Bei den Leitern liegt der Anteil der Handarbeit sogar noch höher: Deren Stahlkonstruktionen bestehen aus Hohlprofilen, die, einmal zusammengefügt, für immer zusammen bleiben. Mehr als 50 Meter messen die höchsten, in Ulm passen die Spezialisten teils tagelang an, bis sich die Leiter glatt ein- und ausfahren lässt. Die Stahlkonstruktionen werden geschliffen, poliert und wieder geschliffen, bis alles leicht läuft. Zu diesem Handwerk gehört Erfahrung.

Ein Drehleiter-Wagen mit 30 Metern Länge kostet in der Regel mehr als eine halbe Million Euro. Handwerk, das sich auszahlt: 110 Mitarbeiter bauen hier Feuerwehren, der Bereich macht gute Gewinne. Und seit vergangenem Jahr heißen die Ulmer Feuerwehrautos wieder Magirus: Im Management besann man sich auf den guten Ruf und die lange Tradition, nun steht wieder der Name des Gründers am Wagen, 150 Jahre, nachdem Conrad Dietrich Magirus begann, Feuerwehrausrüstung zu bauen. Er wäre wohl stolz auf das, was daraus wurde.

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