35 Jahre G-Klasse : Einfach ein Original

Jan Friese fotografiert Autos. Den Puch G wollten sie eigentlich nur kurzfristig für eine Foto-Produktion benutzen. Doch das Herz blieb beim G hängen und heute fährt er immer noch damit.

Kai Kolwitz David-Emanuel Digili
Flexibler Begleiter. Ob auf brandenburgischen Feldwegen oder im schottischen Hochland, das G von Puch begleitet das Paar schon seit einigen Jahren.
Flexibler Begleiter. Ob auf brandenburgischen Feldwegen oder im schottischen Hochland, das G von Puch begleitet das Paar schon...Foto: Mirjam Wählen

Als die Fotografin ihre Arbeit macht, beschränkt sich Jan Friese nicht nur aufs Beobachten. „Guck mal, durch die Windschutzscheibe auf den See, hast Du eine gute Optik“, sagt er. „Ich kann einen Aufheller holen“ oder „Lass uns das Lenkrad noch gerade stellen.“ Denn für den Fototermin mit dem G-Modell ist der 38-Jährige in eine ungewohnte Rolle geschlüpft - eigentlich verdient er selbst sein Geld damit, dass er Autos fotografisch in Szene setzt. Doch diesmal wollen er und seine Freundin Kathrin Schuster uns erzählen, warum sie sich den G gekauft haben, was sie daran reizt - und wie sie mit dem Auto 4000 Kilometer auf Foto-Tour in Schottland unterwegs waren.

Denn das ist es, was der Mercedes G ist - ein Geländewagen, der als Arbeitsgerät entwickelt wurde. Kein SUV, das einfach nur höher und wuchtiger ist als die anderen auf der Straße. Das G-Modell ist pur und robust, gerade in der Ur-Version ohne LED-Licht oder Chrombügel, wie ihn sich die beiden zugelegt haben. „Ich wollte unbedingt die alte Bauart, noch ohne die ausgestellten Kotflügel“, beschreibt Friese seine Suche. „Das ist für mich einfach das Original.“ Ein 91er ist es schließlich geworden. Ein Benziner mit einem fast unzerstörbaren 2,3-Liter-Motor, dem Fans den Namen „Immortal Horse“ verliehen haben.

Einst im Dienste der slowenischen Polizei

Ursprünglich war der Wagen an die slowenische Polizei ausgeliefert worden, davon zeugen heute noch diverse Löcher in der Karosserie, in die wohl irgendwann Halter für Polizeiausrüstung geschraubt waren. „Danach hat ihn dann der Werkstattmeister übernommen, der den Wagen vorher schon gewartet hatte“, beschreibt Friese. „Er hat den Rost beseitigt, ihn neu lackiert und ihn für sich ein bisschen aufgewertet.“ Auch der Kompass auf dem Armaturenbrett ist wohl dem Auto-Profi in Ljubljana zu verdanken. Und nicht zuletzt auch die Tatsache, dass der Wagen heute diverse Mercedes-Sterne trägt, obwohl er als Neuwagen eigentlich gar kein Mercedes war.

Denn die Schwaben und der österreichische Autobauer Puch hatten das G-Modell gemeinsam entwickelt, die Exportmärkte teilte man untereinander auf: Puch belieferte die Alpenländer, Großbritannien, Teile Afrikas und den Balkan. "Doch der Vorbesitzer war wohl Mercedes-Fan", beschreibt Friese. Das Ergebnis heute ist eine Mischung: Der Grill trägt den Stern, dafür steht Puch auf den Radnabenkappen und der Reserveradhülle. Original? Egal, die Änderungen erzählen die Geschichte des Wagens.

Von der Seifenkiste zur G-Klasse

Wer das Innere des Wagens betrachtet, der sieht, dass es sofort ins Gelände gehen könnte, wenn es müsste: Hinter dem Schalthebel finden sich die Betätigungen für Differenzialsperren und Geländeuntersetzung. Und obwohl der Vorbesitzer das Gestühl mit Leder beziehen ließ und das Armaturenbrett hochglänzend lackierte, sieht der G innen immer noch eher aus wie ein Nutzfahrzeug: nüchtern gezeichneter Kunststoff, Gummimatten, gut sichtbare Sitzunterbauten aus Stahlrohren und robuste mechanische Fensterkurbeln. Dass der Geländewagen eine Zentralverriegelung hat, ist fast ein Stilbruch, das Fahrwerk ist erkennbar mehr auf Robustheit als auf maximalen Komfort ausgelegt und verteilt Stöße, der Hund der beiden freut sich über viel Platz und leicht zu reinigende Flächen.

Dass der Wagen heute überhaupt da steht, wo er steht, das liegt an einer der Kausalketten, die viele Auto-Fans kennen. Denn eigentlich war Friese auf der Suche nach etwas ganz anderem, als ihm im Internet-Auktionshaus das Plakat eines Seifenkistenrennens auffiel. „Dann wollte ich wissen, ob es die Kisten noch gibt und habe schließlich für 250 Euro eine ersteigert - eine, die aussieht wie ein Silberpfeil aus den Dreißigern.“ Von da war es dann nur noch ein kurzer Weg bis zur Idee von der Fotoproduktion in Schottland mit der Seifenkiste und vom silbernen Mercedes G, der sich als weiteres Motiv doch ebenfalls gut machen würde. „Eigentlich wollten wir den Wagen dafür leihen, aber wir haben keinen gefunden“, beschreibt Friese. Also kaufen und eventuell nach der Produktion wieder verkaufen.

Auto-Portraits und Designer-Brillen

Wobei Zweiteres von Anfang vorgeschoben gewesen sein könnte. Denn die automobile Vita des Fotografen ist voller Geländewagen: „Mein Vater hatte auch schon so ein Modell", erklärt Ruhrgebiets-Kind Friese. „Mit 18 bin ich mit dem immer in Düsseldorf die Kö hoch und runter gefahren, weil ich das cool fand.“ „125 PS“, sagt Friese. „Wenn man damit voll beladen den Berg hoch will, dann geht mit gutem Willen gerade noch Tempo 80.“ Etwa fünfzehn Liter nimmt sich der silberne Wagen auf solchen Touren.

Das G-Modell hat Kathrin Schuster und Jan Friese nie im Stich gelassen und deshalb sind auch sie bis heute treu geblieben.
Das G-Modell hat Kathrin Schuster und Jan Friese nie im Stich gelassen und deshalb sind auch sie bis heute treu geblieben.Foto: Mirjam Wählen

Als Fotograf ist Jan Friese auf besondere Momente abonniert, er porträtierte die neue Mercedes-A-Klasse in der Wüste im Star-Wars-Look und setzte den Jaguar-F-Type für ein Buch vor Industrielandschaften in Norddeutschland in Szene. Kathrin Schuster designt unter anderem Brillen, zu ihren Kunden gehören Claire Goldsmith oder Porsche Design. Am Steuer des gemeinsamen G-Modells hat sie allerdings noch nicht gesessen - was sie nicht schlimm findet: „Ich habe es genossen, Beifahrer zu sein“, kommentiert sie. „Und in den Highlands war ich Navigator. Wir hatten ja kein Navigationssystem, wir hatten nur Karten gekauft.“

Wenig Offroad, dafür viel Schlepperei

Auch abseits der Straßen wäre der G in Schottland sicher meist durchgekommen. Aber solche Quälereien erspart ihm das Paar, dafür ist der Zustand zu gut. Trotzdem konnte er auf der Tour durch die Highlands seine Nehmerqualitäten ausspielen. Man reiste mit Begleitung, die Friese für die Fotos brauchte, auf dem Rückweg kamen noch Stühle, Spiegel, Kissen, ein Schreibtisch und als Krönung eine antike, ewig lange Angelrute mit - alles Dinge, die die beiden bei Trödlern in Schottland gefunden hatten. „Das war eine ziemliche Plackerei, dazu immer die Seifenkiste aufs Dach zu bekommen“, beschreibt Schuster. „Am Anfang zu viert, zum Schluss haben wir es mit zwei Leuten geschafft.“

Und Fahrer Friese hat sich auf der langen Reise noch ein ganz spezielles Souvenir eingehandelt: „Seit den 4000 Kilometern in Schottland habe ich Schmerzen in den Beinen, wie sie sonst nur Taxifahrer haben. Wahrscheinlich deswegen, weil ich vorher ewig nur Automatik-Autos gefahren war und jetzt wieder richtig arbeiten musste. Der Wagen ist wohl kerniger als ich.“ Kai Kolwitz

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