Ausrangierte Autos in Fernost : Gutes von gestern

Ausgediente Geschäftswagen aus Europa halten in Zentralasien eine ganze Nation mobil - die Reise durch Kirgisistan wirkt wie eine Zeitreise ins Auto-Deutschland der 90er.

Sven Jürisch
Statussymbol: Autoliebhaber in Kirgisistan vor einem Audi 100 C3.
Statussymbol: Autoliebhaber in Kirgisistan vor einem Audi 100 C3.Foto: Sven Jürisch

Rückblende: Zu Beginn der 90er Jahre erlebte die klassische Stufenhecklimousine bei uns ihre letzte Hochphase. Damals, man erinnere sich, waren SUVs das, was sie eigentlich sind, nämlich Geländewagen und Crossover-Autos, eher skurrile Randerscheinungen. Und in dieser Welt hatte der Audi 100, der Audi A6 oder der 5er BMW seinen festen Platz. Als Arbeitsmittel der Außendienstler, auf der Autobahn zwischen Hamburg und München. Ausgerüstet mit Mobiltelefon-Festeinbau und einem sperrigen Navigationssystem spulten die Limousinen ihr Pensum ab, bis sie ihr zweites Leben als ausrangierter Firmenwagen vor einer beheizten Reihenhausgarage im besseren Wohnviertel der Stadt verbringen durften.

Gutes von Gestern
Zeitreise: Eine Reise nach Kirgisistan wirkt wie eine Reise ins Auto-Deutschland der 90er Jahre. Viele ausrangierte Modelle fahren im zentralasiatischen Staat noch jahrelang im Straßenverkehr.Weitere Bilder anzeigen
1 von 15Foto: Sven Jürisch
19.03.2014 13:55Zeitreise: Eine Reise nach Kirgisistan wirkt wie eine Reise ins Auto-Deutschland der 90er Jahre. Viele ausrangierte Modelle fahren...

Immer weiter nach Osten

Dann begann der Abstieg. In dritter Hand knackten sie die 200 000-Kilometer-Marke und landeten irgendwann auf den sandigen Verkaufsplätzen der Exporthändler. Im Handschuhfach das penibel gestempelte Scheckheft des Vertragshändlers, als stummer Zeuge eines bislang geregelten, gar biederen Lebenswandels. Es kam, wie es kommen musste. Steigende Kraftstoffkosten, teure Reparaturen und eine unaufhaltsame Modernisierung des Autobestandes ließen keinen Platz für Sentimentalitäten.

Das One-way-Ticket für die jungen Alten war gebucht. Zu Beginn hießen die Ziele noch Polen und Russland. Doch, das Bessere ist des Guten Feind, und irgendwann hatten auch im Osten die Kunden Lust und Geld auf frische Ware, die der mit jungen Gebrauchtwagen verstopfte Westen nur zu gern lieferte. Dem immer noch beträchtlichen Fahrzeugbestand der 90er Jahre und der Dienstwagenriege nahmen sich fortan die baltischen Staaten an. Auf dem Seeweg ging es über die Ostsee nach Estland und Litauen. Was nicht mehr aus eigener Kraft fuhr, wurde an Bord zur Ersatzteilgewinnung zerlegt; die sterblichen Überreste verschwanden im Meer.

Ersatzteillager: Ein ausrangierter Mercedes irgendwo im Niemandsland Kirgisistans.
Ersatzteillager: Ein ausrangierter Mercedes irgendwo im Niemandsland Kirgisistans.Foto: Sven Jürisch

Allerdings versiegte irgendwann auch im Baltikum das Interesse an den betagten Limousinen aus Deutschland und der immer noch üppig vorhandene Restbestand stand sich die Reifen platt . Doch wo versickerten diese Bestände? Denn, auf hiesigen Straßen gehören Audi 100, A6 oder der Fünfer BMW der 90er inzwischen zu den Raritäten, und auch die Statistik der einst gestarteten Abwrackprämie weißt nur geringe Verschrottungsquoten der Delinquenten aus. Wir machen uns auf die Suche. Der Weg führt gen Osten. Dort, so vermuten wir, müssten doch tausende der ehemaligen Außendienstler-Fahrzeuge umherfahren. Doch weder in Polen noch in Russland treffen wir die ewig jungen Alten an. Sie sind auch hier längst out.

Deutschland der 90er in Kirgisien

Also weiter, Richtung Kirgisistan, das, anders als der Nachbar Usbekistan (GM lässt in Asaka zahlreiche Budget-Modelle für den Heimatmarkt und für den Export nach Russland fertigen und genießt eine staatlich geförderte Sonderstellung in dem Land), über keine eigene Autoproduktion verfügt. Der Schlagbaum an der Grenze zwischen Usbekistan und Kirgisien fällt und nach wenigen Kilometern, im Zentrum der Stadt Osch, glaubt man sich im Deutschland der frühen 90er Jahre. In Scharen wuseln die Audi 100 Typ 44, die Audi A6 des Typs C4 und Volkswagen Passat durch den völlig chaotischen Stadtverkehr. Kein Blechteil ohne Beule, keine Scheibe ohne Sprung und das Profil der Reifen - ach, lassen wir das.

Beulen, Kratzer, kaputte Scheinwerfer: Auch für diesen Audi 80 heißt es in Kirgisistan: Hauptsache ankommen.
Beulen, Kratzer, kaputte Scheinwerfer: Auch für diesen Audi 80 heißt es in Kirgisistan: Hauptsache ankommen.Foto: Sven Jürisch

Doch sie fahren. Meist in den technisch einfachsten Versionen, mit verstärkten Federn an der Hinterachse, denn die Straßenzustände sind schwierig und die Ladung, die mitunter durchaus aus Ziegen oder anderen lebenden Kleintieren besteht, häufig schwer. Die Insignien der europäischen Leistungsgesellschaft, wie Turboaufladung oder Allradantrieb, sucht man auf den Straßen Kirgisiens dabei genauso vergebens wie Dieselmotoren.

Nein, hier in Zentralasien, zählt nur Ankommen. Es lebe die simple Technik. Favoriten der Kirgisen sind der als unkaputtbar geltende Audi-5-Zylinder-Motor oder die robusten Vierzylinder von VW, die offenbar selbst mit dem minderwertigen Sprit problemlos laufen. Die Stadt Osch verliert sich im Rückspiegel. Die Straßen weichen Buckelpisten, die sich auf über 2.500 Meter heraufdrehen. Kirgisistan ist ein unwegbares Terrain, und dennoch treffen wir sie wieder. Ohne Allradantrieb und ohne Schrecken pilotieren die Kirgisen die oftmals bis unter das Dach beladenen Limousinen aus Ingolstadt und München durch das schotterige Gelände. Wer bremst, verliert.

Kaltes Buffet auf ramponiertem BMW

Dass die West-Mobile diese Tortour auch noch nach über zwanzig Jahren problemlos überleben, spricht für die solide Konstruktion von einst. Im Falle der Audis lässt sich ein Schaden an einem vorderen McPherson-Federbein oder an der hinteren Starrachse zur Not mit einem Hammer richten. Eine Reparaturmethode, den die komplexe Aluminium-Mehrlenkerachse der Nachfolgermodelle nicht überleben würde.

Wie stolz die Kirgisen auf die vom Westen verschmähten Mobile sind, beweisen sie im weiteren Verlauf der Reise. Wie aus dem Nichts taucht plötzlich eine Gruppe arg ramponierter Audis und BMWs auf, deren Zustand in Deutschland eine umgehende Stilllegung zur Folge hätte. Bei näherem Hinsehen entpuppt sich die Karavane als eine sichtlich angeheiterte Hochzeitsgesellschaft, denen die Heckdeckel der Stufenhecklimousinen als Basis für ihr kaltes Buffet dienen. Welch ein später Triumph für die waidwunden Mobile.

Späte Ehre: Eine Gruppe alter Audi-100- und BMW-5er-Modelle verschiedener Jahrgänge als Limousinenservice einer kirgisischen Hochzeitsgesellschaft.
Späte Ehre: Eine Gruppe alter Audi-100- und BMW-5er-Modelle verschiedener Jahrgänge als Limousinenservice einer kirgisischen...Foto: Sven Jürisch

Trotz einer guten Teileversorgung mit preiswerten Identteilen aus dem benachbarten China zwingt der langsam siechende Nachschub an Fahrzeugen die Kirgisen zum Umdenken. Die moderneren Nachfolgemodelle sind dabei keine Alternative. Sie würden binnen kürzester Zeit an den kirgisischen Straßen zerbrechen und die örtlichen Werkstätten aufgrund ihrer technischen Komplexität überfordern. Daher machen sich die Kirgisen auf, auch noch die letzten Exemplare der Rentnerband zu ergattern.

Und nachdem Deutschland inzwischen leergekauft wurde, rückt die Schweiz in ihren Fokus. Dort warten die knapp 20-jährigen Autos häufig noch ordentlich gewaschen und gewartet auf ihre letzte große Reise. Dass diese ungeahnte Nachfrage die Preise für die alten Recken noch einmal steigen lässt, macht die Guten von gestern für ihre bisherigen Besitzer so wertvoll wie schon lange nicht mehr.

Die Mehrfahrgelegenheit - Carsharing in Berlin


Carsharing gilt als Verkehrskonzept der Zukunft, in Berlin wächst das Angebot rasant. Die einen macht die neue Ich-Mobilität glücklich, andere reich, manche wütend. Begegnungen mit Pionieren und Kritikern - und eine Datenanalyse mit vielen interaktiven Grafiken.

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