Berliner Rennteam Mücke restauriert Sportwagen : Ford Capri Turbo - ein Traum von 1980

Berliner Rennsportgeschichte: Peter Mücke und Sohn Stefan sind Rennprofis und im Sport die Aushängeschilder der Hauptstadt. Und sie schenken nun einem legendären Ford Capri ein zweites Leben.

Kai Kolwitz
Der bleibt in der Familie: Peter (li.) und Sohn Stefan Mücke mit dem Ford Capri Turbo.
Der bleibt in der Familie: Peter (li.) und Sohn Stefan Mücke mit dem Ford Capri Turbo.Foto: Marie Rövekamp

Peter Mücke ist einer der Menschen, bei denen alles immer einfach so passiert. Zumindest dann, wenn man ihn sprechen hört. So stieg der Berliner, der zu DDR-Zeiten schon Meisterschaften als Tourenwagenfahrer gewonnen hatte, irgendwann ins Autocross ein, „weil man da noch viel selbst bauen konnte“. Wenige Jahre später war er dreifacher Europameister. Sein Rennteam gründete er dann eigentlich nur, weil sein Sohn Stefan im Renn-Kart Kreise um ihn fuhr und sich auf professionellerer Ebene mit anderen Youngstern messen wollte.

Mücke macht kein großes Aufhebens um solche Dinge, er klingt gelassen und bescheiden, wenn er erzählt. Aber irgendwann zwischen damals und heute muss eine Magie ihren Zauber entfaltet haben. Denn heute ist Mücke Motorsport das größte private Rennteam im Land. Man setzt Autos im Deutschen Tourenwagen Masters DTM ein, der nationalen Autorenn-Königsklasse, außerdem in der Formel 3 und im ADAC Formel Masters, einer Nachwuchsserie. Stefan Mücke, der laut Vater den Anlass für die Gründung des Teams gab, ist heute, mit 32 Jahren, als professioneller Fahrer unterwegs. Er bewegte einige Jahre DTM-Autos, heute fährt er im Aston-Martin-Werksteam weltweit Langstreckenrennen. Auch ein vierter Gesamtplatz bei den „24 Stunden von Le Mans“ steht auf seiner Liste.

Bildergalerie: Der Ford Capri Turbo vom Rennteam Mücke
Gegründet wurde er vom ehemaligen Rennfahrer Peter Mücke (l.). So wie er drückt heute sein Sohn Stefan (r.) das Gaspedal.Weitere Bilder anzeigen
1 von 14Foto: Marie Rövekamp
08.08.2014 13:54Gegründet wurde er vom ehemaligen Rennfahrer Peter Mücke (l.). So wie er drückt heute sein Sohn Stefan (r.) das Gaspedal.

Meisterstück Ford Capri Turbo

Bei unserem Termin hat Stefan allerdings kaum Zeit, mit uns zu sprechen, denn er muss einen ganz besonderen Wagen fertig bekommen: einen Ford Capri Turbo, gebaut für die Saison 1980 der Deutschen Rennsportmeisterschaft, einer Art Urahn der heutigen DTM. Ein Monster mit weit mehr als 500 PS. Der ist ein Liebhaberstück neben all den Rennern, mit denen das Team sein Geld verdient. Stefan Mücke hat ihn in fast zehnjähriger Arbeit neu aufgebaut. Wenn er mal zwischen den eigenen Rennen Zeit hatte, stand er für ihn in der Werkstatt.

In seinem ersten Leben steuerte Klaus Ludwig den Wagen, bis 1982 blieb er in der Meisterschaft, bevor er in die Hände von Amateuren kam. Im Wiederaufbau des Capris stecken Unmengen Arbeitsstunden. Und wenn die Schnellverschlüsse ploppen und das Team die Kunststoffhauben und Türen vom Chassis abnimmt, dann sieht man, wo die Zeit geblieben ist: Mag der Wagen mit Karosserie noch halbwegs an ein Serienauto erinnern, so sieht man jetzt nur noch ein filigranes Gitterskelett aus dünnen Rohren, dazwischen sind Wasser-, Öl- und Ladeluftkühler verbaut, ein Motor natürlich, außerdem Unmengen Schläuche und Rohrleitungen.

Alles sieht aus, als wäre der Wagen noch keinen Meter gefahren, seitdem er restauriert wurde. Unzählige Teile mussten einzeln nachgefertigt werden. Denn aus der Serie stammt hier praktisch gar nichts, das damalige Ford-Rennteam Zakspeed plante den Wagen seinerzeit in Zusammenarbeit mit Ford auf einem weißen Blatt Papier. „Das ist das Tolle“,erklärt Mücke, der Ältere, mit Blick auf das Chassis, „das ist ein richtiger Rennwagen. Der musste nur aussehen wie ein Ford Capri auf der Straße.“

Kraftklotz: Dank Turbo kommt der Motor auf rund 550 PS.
Kraftklotz: Dank Turbo kommt der Motor auf rund 550 PS.Foto: Marie Rövekamp

Je schneller, desto besser die Kurvenlage

Denn in der Deutschen Rennsportmeisterschaft funktionierte Marketing schon ganz ähnlich wie heute in der DTM: Die Form der Wagen sollte Kunden Appetit auf Autos machen, die sie kaufen konnten. Aber damit die Rennwagen richtig schnell wurden, waren weitestreichende Veränderungen erlaubt. Dem Capri hat das einen riesigen Turbolader eingebracht, der aus gerade einmal 1,4 Litern Hubraum infernalische 550 PS presst. Außerdem hat er einen Unterboden, der den sogenannten „Ground Effect“ erzeugt. Das bedeutet, dass der Boden des Wagens geformt ist wie ein umgedrehter Flugzeugflügel – die gleichen physikalischen Gesetze, die ein Flugzeug zum Fliegen bringen, pressen den Renn-Capri deshalb mit Wucht nach unten auf den Asphalt. „Weil der Effekt mit der Geschwindigkeit zunimmt“, beschreibt Mücke, „liegt der Wagen bei Tempo 200 sogar besser in der Kurve als bei 170.“

Im professionellen Motorsport fuhren schon Leute wie Ralf Schumacher oder David Coulthard für das Team Mücke. Außerdem haben sich die Berliner einen Ruf als Talentschmiede erarbeitet, in deren Autos spätere Formel-Eins-Fahrer wie Robert Kubica, Christian Klien oder Sebastien Buemi als Jugendliche saßen – auch ein blasser Teenager namens Sebastian Vettel fuhr übrigens ein Mücke-Rennauto. Sohn Stefan stieg im Team des Vaters in die DTM auf, bis er dann in andere Cockpits umstieg. Aber Vater gegen Sohn, beide auf dem Höhepunkt ihres Könnens – wer würde so ein Rennen gewinnen? „Das kann man nicht vergleichen“, sagt Vater Peter. „Heute kann man jedes Detail messen, jeder Fahrer ist permanent unter Beobachtung. Ich hatte damals viel mehr Zeit, um zu lernen.“

Maßarbeit: Im Ford Capri Turbo steckt fast ein Jahrzehnt Arbeit.
Maßarbeit: Im Ford Capri Turbo steckt fast ein Jahrzehnt Arbeit.Foto: Marie Rövekamp

Aber so viel kann man sagen: Letztens in Brünn war Stefan Mücke auf dem Turbo-Capri fünf Zehntel schneller als Peter. Trotzdem gibt der Rennprofi gerade eine Art Edelmechaniker für seinen Vater, ist deshalb alle paar Sekunden in einer anderen Ecke der Werkstatt verschwunden und schraubt – bis er dann endlich den Motor starten kann ...

Peter Mücke: Neue Pläne schon da

Dafür könnte man Eintritt verlangen: Der Wagen brüllt, schreit, unruhiger Leerlauf wechselt ab mit Gasstößen auf drei-, dreieinhalbtausend Touren. Der Capri ist ohrenbetäubend, viel lauter als heutige Formel-Eins-Wagen. Er klingt hart, er klingt nach Kraft, er klingt sehr, sehr böse. „Das war doch noch gar nichts“, sagt Vater Peter, als es später wieder leise ist: „Der Motor schafft auch 9000 Umdrehungen.“

Eigentlich habe er gar nicht gewollt, dass der Sohn in Rennautos steige, fügt er dann noch hinzu, zu gefährlich, Fußball wäre ihm für den Nachwuchs lieber gewesen. Rennfahrer seien sowieso Verdrängungskünstler. Aber dann schwärmt er wieder von den eigenen Erlebnissen, vom Adrenalin und von dem Job, der so viel spannender ist, als ins Büro zu gehen.

Die Pläne sind Peter Mücke jedenfalls auch mit 67 Jahren nicht ausgegangen. Als Nächstes will er mit seinen Leuten anfangen, weitere Renn-Oldtimer aufzubauen, um sie zahlenden Kunden zur Verfügung zu stellen. „Und auch die LMP1-Klasse, also die ganz schnellen Le-Mans-Autos, würden mich noch reizen“, sagt er. Aber das sei im Moment sehr weit weg. Doch manchmal passieren Dinge ja einfach bei den Mückes.

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