Das schwimmende Cabrio Amphicar : Auto ahoi!

In den Sechzigern war das Amphicar ein Flop. Weniger als ein Sechstel der geplanten Produktion wurde nachgefragt. Umso seltener und teurer sind die Schwimmautos heute. Die letzten überlebenden Exemplare genießen absoluten Kultstatus.

Gerhard Prien
Das Amphicar in seinem Element: Im Wasser ging es in dem schwimmenden Cabrio mit bis zu 12 Kilometer pro Stunde voran.
Das Amphicar in seinem Element: Im Wasser ging es in dem schwimmenden Cabrio mit bis zu 12 Kilometer pro Stunde voran.Foto: Jens Rosenow

Nein, ein Verkaufserfolg war der schnuckelige Schwimmwagen ganz sicher nicht, leider. Gerade mal 3878 Exemplare des Amphicars wurden in den Jahren zwischen 1961 und 1963 (andere Quellen sprechen sogar von 1965) bei der Deutschen Waggon- und Maschinenfabrik in Berlin gebaut - geplant war eine Stückzahl von 25.000 Einheiten. Damit ist das Amphicar, ein skurriler Schwimmwagen, zwar kein Bestseller - aber gerade das macht ihn heute zu einem ausgesprochen gesuchten Stück für Sammler und Liebhaber. Und zu einer relativ guten Geldanlage.

Vom Alligator zum Haifisch

Erfinder, Entwickler und geistiger Vater des kleinen Amphibienmobils ist der bei Darmstadt geborene Hanns Trippel (1908 bis 2001). Der war von der Idee, Amphibienfahrzeuge zu bauen, regelrecht beseelt und besessen. Trippel entwarf schon vor und auch während des Zweiten Weltkriegs solche Mobile, die eine Art Zwitter zwischen Auto und Boot darstellen. Bereits 1934 baute Trippel seinen ersten Schwimmwagen und bekam von der Wehrmacht einen Auftrag. Mit seinem Schwimm-Geländewagen SG6 fuhr er 1938 von Deutschland nach Neapel, setzte dann nach Capri über und schipperte durch die Blaue Grotte. Unter seiner Regie entstanden im elsässischen Bugatti-Werk zwischen 1940 und 1944 rund tausend Trippel SG 6, die an die deutsche Wehrmacht geliefert wurden. Etwa 2500 der Fahrzeuge, die ab 1941 auch über Allradantrieb verfügten, sollen insgesamt gebaut worden sein. Ein aus dem Opel Kapitän stammender 2,5-Liter-Sechszylinder (40 kW / 55 PS) sorgte für den Antrieb.

Das zwischen 1960 und 1965 gebaute Amphicar wurde trotz seiner Mehrfachbegabung zum finanziellen Reinfall. Doch wer heute eins besitzt, kann sich freuen.
Das zwischen 1960 und 1965 gebaute Amphicar wurde trotz seiner Mehrfachbegabung zum finanziellen Reinfall. Doch wer heute eins...Foto: Jens Rosenow


Nach Kriegsende, in den Wirtschaftswunder-Jahren der Bundesrepublik, wurde der Industrielle Harald Quandt (1921 bis 1967) Trippels Partner. Die beiden Männer sahen in den USA, wo sie das Amphicar vertreiben wollten, einen echten Markt für das Fahrzeug. Einen ersten Prototypen konnte das interessierte Publikum im März 1959 auf dem Automobil-Salon in Genf bewundern. Dort trat der Wagen mit seiner hohen Front und den Haifischflossen am Heck erstmals unter dem martialischen Namen „Alligator“ auf.

Der Schiffbruch in Übersee

Im Jahr 1961 starteten Trippel und Quant die Produktion des Amphicars, eines zivilen Amphibienautos. Gebaut wurde die wannenförmige Karosserie im Lübecker Werk der Industriewerke Karlsruhe. In Berlin, bei der Deutschen Waggon- und Maschinenfabrik (DWM), wurde das Fahrzeug komplettiert. DWM produzierte seinerzeit nicht nur die legendären Berliner Doppeldecker-Busse, sondern außerdem auch U-Bahn-Waggons. Und ging bei der Produktion des Amphicars ähnlich gründlich vor wie bei der Fertigung der Waggons. Ausgesprochen aufwändig war die Produktion, denn jede Karosserie musste im Tauchbecken einer Dichtigkeitsprüfung unterzogen werden. Schließlich folgte dann eine Probefahrt im Tegeler See, wo sich oft herausstellte, dass die serienmäßige Lenzpumpe an Bord nicht völlig überflüssig war.

Sechziger Jahre Chic: Dem schwimmfähigen Cabrio sieht man keineswegs nicht an, dass es auch im Wasser zuhause ist.
Sechziger Jahre Chic: Dem schwimmfähigen Cabrio sieht man keineswegs nicht an, dass es auch im Wasser zuhause ist.Foto: Gerhard Prien

Gerade mal vier Monate nach dem Beginn der Fertigung begann bereits der Export in die USA - dorthin dürfte rund die Hälfte aller produzierten Amphicars mit dem dreieckige Markenzeichen, einem ockerfarbenen Vehikel auf einer blauen Welle, verkauft worden sein. Möglicherweise war das Amphicar den Amerikanern zu klein, oder vielleicht einfach auch zu schwach motorisiert. Der Reihen-Vierzylinder mit 1147 ccm Hubraum unter der Haube stammt vom Triumph Herald und lässt gerade mal 38 Pferdchen (die Umrechnung auf 28 kW klingt noch etwas weniger aufregend für Leistungs-Fetischisten) auf die Hinterräder des Amphicars los. Da war man in Texas oder Kalifornien doch ganz andere Zahlen gewohnt, gerne durften die in „God´s own country“ im dreistelligen Bereich liegen. Am Leistungsdefizit konnten auch die süßen Heckflossen nach Art der US-Straßenkreuzer und reichlich Chromzierrat am Amphicar nichts ändern.

Zu wenig Leistung und Komfort, außerdem zu klein, so dürften die Amerikaner das Amphicar gesehen und bewertet haben. Weniger störend als in Deutschland dürfte in den USA der Preis gewesen sein. Für deutsche Verhältnisse lag der mit anfangs 10.500, später 11.200 DM relativ hoch, im April 1963 wurde er schließlich auf halbwegs moderate 8385 DM gesenkt. Gegen Ende der Fertigung sollen die Fahrzeuge gar für weniger als 5000 DM zu ihrem neuen Besitzer gerollt sein. Bis ins Jahr 1968 wurden angeblich noch fabrikneue Amphicars verkauft, die in Amerika nicht mehr abgesetzt werden konnten. Dort wurden damals rund 3400 Dollar für das Schwimmauto aufgerufen.

Schiffsschrauben mal anders: Das Amphicar ist mit zwei Propellern aus Polyamid ausgestattet. Zu Wasser steht dem "Kapitän" je ein Vorwärts- und ein Rückwärtsgang zur Verfügung.
Schiffsschrauben mal anders: Das Amphicar ist mit zwei Propellern aus Polyamid ausgestattet. Zu Wasser steht dem "Kapitän" je ein...Foto: Gerhard Prien


Interessant machten das Amphicar für die Kundschaft jenseits des großen Teichs andere Eigenschaften. Etwa, dass der schnuckelige Wagen als zweisitziges Cabriolet mit zwei Notsitzen ausgelegt war. Und dass der Vierzylinder - auf dem Wasser - zwei Propeller aus Polyamid am Heck antrieb. Über ein Zweigang-Getriebe konnten die „Schiffsschrauben“ vorwärts und rückwärts laufen. Gelenkt wurde, an Land wie im Wasser, über die Vorderräder. Damit das Amphicar sich über Wasser halten konnte, gab es eine voll abgedichtete Karosserie, an den Türen doppelte Dichtungen und eine Lenzpumpe serienmäßig.

Nur wenige haben überlebt

Auf der Straße brachte es das Amphibienmobil auf eine Spitze von 115 bis 120 km/h, im Wasser reichte es für rund 12 km/h. Im Jahre 1962 schaffte es ein Amphicar mit zwei Franzosen an Bord in fünf Stunden und 50 Minuten über den Ärmelkanal. Ein Berliner Ehepaar, so wird behauptet, soll sich mit dem Schwimmwagen gar furchtlos von Italien nach Elba gewagt haben. Dabei warnte der Hersteller ausdrücklich und eindringlich vor Fahrten in Salzwasser. Und auch beim Einsatz im Süßwasser musste der offene Zwei-und-Zwei-Sitzer bereits nach fünf Stunden Betriebszeit erst mal gründlich abgeschmiert werden. Mehr als zehn Schmiernippel wollen alleine unter der Rückbank mit Fett versorgt werden, insgesamt sind es mehr als 30. Ein reguläres Kundendienst-Netz existierte nicht, was den ein oder anderen Besitzer seinerzeit - und erst recht heute - selbst zur Fettpresse greifen ließ. Eine gewisse Bekanntheit erlangte das Amphicar während der Hamburger Flutkatastrophe von 1962, als beim DRK, der Polizei und der Wasserschutz-Polizei einige Fahrzeuge zum Einsatz kamen.

Schätzungen zufolge gibt es weltweit nur noch 200 bis 500 Amphicars weltweit. Die gut erhaltenen Exemplare kosten daher bis zu 60 000 Euro.
Schätzungen zufolge gibt es weltweit nur noch 200 bis 500 Amphicars weltweit. Die gut erhaltenen Exemplare kosten daher bis zu 60...Foto: Gerhard Prien


Heute genießen die letzten überlebenden Amphicars absoluten Kultstatus. Vielleicht gerade deswegen, weil sie weder als Boot, noch als Automobil so richtig perfekt sind. Die einstigen Discount-Preise aus den 1960er Jahren werden längst übertroffen. Je nach Erhaltungszustand kostet ein Amphicar heute auch mal mehr als 60.000 Euro. Das ist ein Wort, für ein Fahrzeug, das einst für unter 10.000 DM verkauft wurde. Zwei- bis fünfhundert Exemplare dürften weltweit noch existieren in den USA, in den Niederlanden, in Großbritannien und in Deutschland. Hier braucht der Kapitän für den Betrieb seiner Landyacht im Wasser einen Führerschein für Sportboote. Und die Bereitschaft zur Pflege des Kultobjekts. Denn, wer gut schmiert, der gut fährt - oder schwimmt.

 

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