Die Erfolgsgeschichte des Renault 16 : Schräge Kiste

Der R 16 startete vor 50 Jahren als "Auto des Jahres" eine einzigartige Erfolgsgeschichte. Mit dem neuartigen Fließheck wurde er zum Trendsetter und dank der Liegesitze zum Inbegriff des komfortablen Reisens.

Renate Freiling
Familienwagen, Geschäftswagen, Campingwagen und eine Prise Sportlichkeit - dank dieses Erfolgsrezeptes erhob eine Jury von Journalisten den unter dem Arbeitstitel ‚Renault 1500‘ entwickelten Fronttriebler im Jahr 1966 zum „Auto des Jahres“.
Familienwagen, Geschäftswagen, Campingwagen und eine Prise Sportlichkeit - dank dieses Erfolgsrezeptes erhob eine Jury von...Foto: Renault

Wer heute einen Renault 16 im alltäglichen Straßenverkehr sieht, dreht sich in der Regel fragend nach ihm um. Die schlanke, etwas schräge Karosserieform passt so gar nicht in unser alltägliches Straßenbild. Im Dezember 1970 ist das noch anders. Autos wie VW Käfer, Opel Kadett 1100 oder Ford Escort bevölkern in bunten Lackierungen und diversen Bauarten Deutschlands Straßen. So ist die gesuchte RAF-Terroristin Ulrike Meinhof auch eher unauffällig mit einem solch zeitgenössischen Wagen unterwegs, als sie in eine Routinekontrolle kommt und – von den Polizisten nicht erkannt - weiter fahren darf, wie der ‚Spiegel‘ im Februar 1971 berichtet. Zu dieser Zeit ist der von ihr gefahrene Renault 16 ein modernes und häufig zu sehendes Brot-und-Butter-Auto.

Als er nur fünf Jahre zuvor präsentiert wird, ist der Renault 16 mit Schrägheck und großer Heckklappe ein Avantgarde-Automobil. Dementsprechend spektakulär fällt das Medienecho aus. „Kein Wunderauto, wahrscheinlich nicht billig, aber doch eine Ohrfeige für die deutsche Automobiltechnik: der Renault 16“, titelte die ‚mot Auto-Kritik‘ im Januar 1965. Autor Dr. Paul Simsa brachte den entscheidenden Wettbewerbsvorteil des R 16 auf den Punkt: „Mit gut durchdachten Konstruktionsmitteln bietet dieser neue Wagen technisch und fahrtechnisch mehr als Autos konservativer Anlage. Es ist ein neuer Maßstab in einer Autowelt voll von bequemen Konventionen.“

Das Fließheck ist nur eine der Neuerungen, die den R 16 zum Trendsetter machen

Schnell folgen Fahrberichte und Dauertests in allen Fachtiteln. Die Autotester der Technik-Zeitschrift ‚hobby‘ entdecken ein mysteriöses Phänomen: „Der R 16 ist innen größer als außen.“ Zur rationalen Erklärung dieses Raumwunders stellen sie eine verblüffend einfache Formel auf: „4 mal R 4 = R 16“. Für ‚hobby‘ ist der R 16 gleichermaßen „Familienwagen, Geschäftswagen, Campingwagen und sogar ein sportlicher Wagen“. 1966 erhebt eine Jury von Journalisten den unter dem Arbeitstitel ‚Renault 1500‘ entwickelten Fronttriebler zum „Auto des Jahres“.

Die lange Getriebeübersetzung des Vierzylinder-Reihenmotors mit 1470 ccm und 55 PS animiert zu einer schaltfaulen, entspannten Fahrweise, woraus im Nebeneffekt ein Verbrauch von rund acht Litern pro hundert Kilometer resultiert.
Die lange Getriebeübersetzung des Vierzylinder-Reihenmotors mit 1470 ccm und 55 PS animiert zu einer schaltfaulen, entspannten...Foto: Matthias Leitzke/AUTOSTADT

Die zahlreichen Vorzüge des Mittelklasse-Renault kommen ihm auch beim direkten Vergleich mit dem Wettbewerb zugute. 1966/67 gewinnt er bereits den großen zweiteiligen ‚auto motor und sport‘-Vergleichstest. Auch optisch mutet der R 16 im Vergleich zu Stufenhecklimousinen wie dem Audi 60, dem Simca 1000 oder dem VW 1500 mit seiner neuen Karosserieform modern an. Das Fließheck ist nur eine der Neuerungen, die den R 16 zum Trendsetter für den zukünftigen Automobilbau machen. Und obwohl er nicht als ‚schön‘ bezeichnet wird – die mot schreibt 1967: ‚Wäre er es, so wäre er weniger zu loben‘, benennt man ihn als Maßstab für den Stand der Technik. Neben den positiven Eigenschaften der Ausstattung sowie der Technik und Motorleistung wird besonders die Variabilität des Innenraums geschätzt.

Der R 16 bietet Schlafkomfort und viele Extras

Die gut gepolsterte Sofalandschaft des R 16, die mit wenigen Handgriffen zur Liegefläche umzubauen ist, verschafft dem R 16 den Ruf eines rollenden Wohnzimmers. Auch die einfach zu handhabende Vergrößerung auf ein Ladevolumen von 1.200 Litern ist spektakulär. Die Sitze lassen sich insgesamt sieben unterschiedlichen Situationen anpassen. Als besonderen Luxus bietet die in Deutschland fast ausschließlich gefragte Topausstattung „Grand Luxe“ zwei Liegekombinationen für den Beifahrersitz: „Rallye“ und „Liegesitze“. Während erstere dem Sozius eine Ruhepause auf Reisen erlaubt, ist letztere für das Nickerchen auf dem Rastplatz gedacht. Bei der „Mutter und Kind“-Position rückt die hintere Sitzbank 15 Zentimeter nach vorn und der Beifahrersitz auf Tuchfühlung an die Fondbank, so dass der schlafende Sprössling bei einer Vollbremsung nicht in den Fußraum purzelt. IsoFix-Befestigungen und aufprallsichere Kindersitze stehen noch nicht im Lastenheft der Konstrukteure.

Reserverad links und Batterie mit anhängendem Kabelbaum rechts thronen über dem kleinen Vierzylinder, der sich fast bis zur Hälfte unter dem Instrumententräger versteckt.
Reserverad links und Batterie mit anhängendem Kabelbaum rechts thronen über dem kleinen Vierzylinder, der sich fast bis zur Hälfte...Foto: Matthias Leitzke/AUTOSTADT

Doch folgen im Laufe der 15 Jahre währenden Bauzeit des R 16 noch viele weitere Optimierungen wie Sicherheitsgurte vorn und hinten. Ab der TS-Version von 1967 mit 83 PS und 1.565 Kubikzentimetern Hubraum gehören Innovationen wie heizbare Heckscheibe, Halogen-Zusatzscheinwerfer, Scheibenwischer mit zwei Geschwindigkeiten plus elektrische Scheibenwaschdüsen sowie ein abblendbarer Innenspiegel zur Serienausstattung. 1969 kommen Rückfahrscheinwerfer, elektrische Fensterheber vorn, ein elektrisches Schiebedach und Ledersitze als Optionen hinzu. Den rechten Ellbogen auf der Mittelarmlehne abgelegt, lässt sich der R 16 lässig lenken und schalten. Das klassische ‚H‘ ist rechts an der Lenksäule verankert. Auch Licht und Hupe sind ohne großen Bewegungsaufwand an einem Hebel links des Lenkrads zu bedienen. Lediglich die Bedienung des Scheibenwischers an einem Wippschalter weit vorn auf dem Armaturenbrett und die des Radios auf der Mittekonsole erfordern - aus heutiger Sicht - zu viel Körpereinsatz.

Die Spitzenversion TX bringt es auf 93 PS

Die Leistung von 55 PS erbringt ein 1470ccm-Vierzylinder-Reihenmotor, der hinter der Vorderachse sitzt. Der langhubige Motor und die lange Getriebeübersetzung animieren geradezu zu einer schaltfaulen, entspannten Fahrweise, woraus im Nebeneffekt ein Verbrauch von rund acht Litern pro hundert Kilometer resultiert. Der Renault 16 erweist sich aber auch als ausgesprochen sportlich. Der hinter der Vorderachse angeordnete Front-Mittelmotor verleiht ihm in Kombination mit sehr langen Federwegen ein dynamisches Kurvenverhalten. Motorblock, Zylinderkopf und Getriebe sind aus Aluminium gefertigt.

Der Renault 16, einer von rund 100 Meilensteinen aus dem Museum ZeitHaus der Autostadt.
Der Renault 16, einer von rund 100 Meilensteinen aus dem Museum ZeitHaus der Autostadt.Foto: Matthias Leitzke/AUTOSTADT

Das 1,5-Liter-Aggregat wird später leistungsgesteigert im Lotus Europa eingesetzt. Eine 1,6-Liter-Variante treibt die Sportwagen Alpine A110 und A310 an, deren Rennsport-Modelle mit der R 16-Technik bis zu 172 PS erzielen. Im Renault 16 selbst steigt die Leistung des Aluminiummotors bis auf 93 PS in der 1973 vorgestellten Spitzenversion TX mit 1.647 ccm Hubraum. Das Fahrwerk hat größere Bremsscheiben, einen serienmäßigen Bremskraftverstärker und breitere Reifen. Ausstattungsdetails wie die Leselampe für den Beifahrer oder der beleuchtete Zigarettenanzünder verbreiten dazu einen Hauch von Savoir Vivre.

Gut erhaltene Exemplare sind selten, aber bezahlbar

 

Der Durchbruch ins Zeitalter der Schräghecklimousinen macht den Renault 16 zum Meilenstein und zum Verkaufserfolg. Auch in den 1970er Jahren besteht der R 16 noch so manchen Vergleichstest, doch ziehen auch die deutschen Hersteller mit der neuen Karosserieform nach und folgen dem gesetzten Trend. Der R 16 behauptet sich und hätte dies wahrscheinlich auch noch einige weitere Jahre getan, doch Renault stellt die erfolgreiche Produktion 1980 ein. Der Renault 20, der bereits seit 1975 die Nachfolge antreten soll, rückt nach. Er wird zwar auch mit einem Diesel-Motor angeboten, der Erfolg bleibt jedoch aus und die Produktion endet 1984.

Der R 16 ist heute nur noch selten zu sehen. Die meisten der 1,8 Millionen gebauten Exemplare fielen dem Rost zum Opfer. Gut erhaltene Exemplare des Jubilars zu finden, ist schwer, aber noch bezahlbar. Kostete ein neuer Renault 16 im Jahr 1966 noch 7.640 DM, ruft das Classic-Data-Marktbarometer der Fachzeitschrift AutoBild klassik derzeit für gut erhaltene Exemplare mit Zustandsnote 2 einen fast ebenso hohen Eurobetrag auf.

 

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