Italienische Traditionsmarke vor dem Aus : Der lustige Vincenzo und der letzte Hauch von Lancia

Der einst ruhmreiche Autobauer aus Turin steht vor dem Aus, Konzernmutter Fiat will die Produktion auf ein Modell eindampfen. Dabei galten Autos aus dem Piemont früher als Avantgarde, führend in Technik und Design. Ein Rückblick auf glorreiche Jahre - und einen schillernden Firmengründer.

von und David Digili
Der Lancia Stratos gewann 1974, '75 und '76 die Rallye-WM.
Der Lancia Stratos gewann 1974, '75 und '76 die Rallye-WM.Foto: Promo

Der bange Blick ist stets auf das Seil gerichtet. Reißt es? Etwas mehr Gas, aber nur nicht auffahren, sonst ist alles aus. Vorne gibt ein vergnügter Chef auf dem Parcours nahe Turin Gas, im hinteren Auto schwitzen die Anwärter auf eine Position als Testfahrer bei Lancia. Wer das werden will, der muss sich einer besonderen Prüfung stellen.

Mit einem Seil verbindet Vincenzo Lancia zwei Autos miteinander. Vorne steigt der Chef selbst ein, hinten der Kandidat. Dann geht es los. Im konstanten Abstand müssen sie dem Firmengründer auf der Teststrecke folgen. Reißt das Seil, dann ist der Kandidat durchgefallen, fährt er dem Auto von Lancia hinten drauf, sowieso. Und Vincenzo Lancia ist kein Schleicher, sondern Rennfahrer. Wer diese Prüfung besteht, darf bei Lancia anheuern. Versucht haben es viele, geschafft nur wenige. Es ist eben ein Traumjob, beim sportlichsten und innovativsten Autobauer seiner Zeit zu arbeiten. So penibel Vincenzo Lancia in beruflichen Dingen sein konnte, so lebenslustig und genussvoll war er privat.

Der verblasste Ruhm von Lancia
Der Lancia Alfa wurde 1908 enthüllt - und bot bereits 28 PS. Es war das erste Modell des Startups aus dem Piemont. Lancia gründete die Firma mit vollem Fokus auf technische und mechanischen Fortschritt.Weitere Bilder anzeigen
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27.01.2014 10:19Der Lancia Alfa wurde 1908 enthüllt - und bot bereits 28 PS. Es war das erste Modell des Startups aus dem Piemont. Lancia gründete...

Vom Schreibtisch auf die Rennstrecke

Als viertes und letztes Kind des Konservenfabrikanten Cavaliere Giuseppe Lancia 1881 im kleinen Bergdorf Forbello im piemontesischen Sesia-Tal geboren, war Vincenzo das Nesthäkchen einer reichen Familie. Schulisch eher faul, war die für ihn vorgesehene Karriere als Rechtsanwalt schon bald in weite Ferne gerückt. Dafür interessierte er sich für Autos, die Ende des 19. Jahrhunderts als Spielzeug für reiche Leute in Mode kamen. So fing er als Buchhalter in Turin bei Fiat an. Aber natürlich war ihm auch das zu langweilig und schon bald tauschte der junge Vincenzo den Bleistift gegen den Schraubenschlüssel und begann als Rennfahrer Karriere zu machen.

Vincenzo Lancia machte die Firma zum technischen Vorreiter der Branche.
Vincenzo Lancia machte die Firma zum technischen Vorreiter der Branche.Foto: picture-alliance / maxppp

Zunächst war er gar nicht mal unerfolgreich, gewann 1902 mit der Sessa-Superga nahe Turin für Fiat sein erstes Rennen. Daraufhin nahm er an zahlreichen Wettläufen für Fiat teil, siegen konnte er aber nur selten. Zu ungestüm war seine Fahrweise, zu risikoreich. Er holte zahlreiche Einzelrekorde für schnelle Runden oder auf kürzeren Strecken. Bei normalen Rennen wurde er oft durch Kollisionen zurückgeworfen oder erreichte gar nicht das Ziel. Ein Lebemann eben, der alles in vollen Zügen genoss, bis ins letzte. Die Rennfahrerei genauso wie gutes Essen, feine Gesellschaften, bei denen er den lustigen Gastgeber gab. Er liebte Musik, insbesondere Wagner.

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