Luxuslimousine für weniger als 10 000 Euro : Einmal Rolls Royce für jeden

Die Britische Luxusklasse aus den Achtzigern lässt sich schon für 10 000 Euro einkaufen. Aber was bekommt man dafür? Fahrspaß? Oder ein Fass ohne Boden?

Patrick Broich
Buy british? Mit seinen klaren, kantigen Form wirkt der Silver Spirit eher zeitlos als altbacken. Foto: Patrick Broich
Buy british? Mit seinen klaren, kantigen Form wirkt der Silver Spirit eher zeitlos als altbacken.Foto: Patrick Broich

Sie laden schon ziemlich zum Träumen ein, die Gebrauchtwagenbörsen im Internet. Ferrari für 30 000 Euro, Maserati schon ab 5000, selbst ein Rolls Royce kommt als leicht verlebter Dritt- bis Siebthandwagen so langsam in Reichweite für normale Portemonnaies.

Aber was kann man für dieses Geld erwarten? Einen noblen Auftritt und den Neid der Nachbarn gratis? Oder Kernschrott mit dem „Spirit of Ecstasy“ auf dem Kühlergrill? Ein Mobil, dessen Reparatur- und Folgekosten den Käufer zügig in die Privatinsolvenz treiben?

Finger weg von Angeboten unter 9000 Euro

Das erfährt man nur, wenn man sich eins der Angebote ansieht – und genau das ist das, was wir tun wollen. Modelle wie etwa der Silver Shadow, der typische Rolls Royce der Siebziger, sind schon für weniger als 10 000 Euro im Angebot. Das gleiche gilt für den weniger barocken Nachfolger Silver Spirit, den die Briten an den Mann brachten, bis BMW das Unternehmen übernahm und eine völlig neue Modellpalette anschob.

Diese Modelle sind also die legitimen Vorgänger der aktuellen Ghost-Baureihe, die man nur ziemlich selten auf der Straße sieht. Und sie sind selbst für heutige Verhältnisse ausgewiesene Komfort-Gleiter. Also, Traumschiffe oder Ruinen? Es wird Zeit, das herauszufinden.

Außen zeitlos elegant, innen edel pompös: Wer in den Rolls einsteigt, den erwartet ein Meer aus Holz und feinem Leder. Foto: Patrick Broich
Außen zeitlos elegant, innen edel pompös: Wer in den Rolls einsteigt, den erwartet ein Meer aus Holz und feinem Leder.Foto: Patrick Broich

Die allerbilligsten Silver Spirit stehen sogar schon für weniger als 9000 Euro in den Inseraten. Allerdings sind das nicht die Autos, die wir im Auge haben. Denn dabei handelt es sich meist um abgemeldete Exemplare ohne TÜV – man ahnt, dass es ein paar Scheine kosten würde, die Plakette zu bekommen. Erst recht deshalb, weil Probefahrten mit roten Kennzeichen nach Auskunft der Verkäufer in der Regel ebenfalls nicht drin sind. Mal sind es defekte Bremsen, mal ist es ein Motor, der wegen der langen Standzeit nicht mehr anspringen will. Hat jemand zufällig einen Rolls-Royce-Schrauber im Bekanntenkreis, der kurz ein paar Handgriffe erledigen könnte? Nicht? Dann wohl besser weitersuchen.

Ein H-Kennzeichen lohnt sich

Denn so ein Luxusschiff ohne Probefahrt zu kaufen, ist nur etwas für Leute, die ihre Ersparnisse im Casino einfach mal auf „rot“ setzen würden. Und Autos, an denen nicht alles wesentliche funktioniert, sind ebenfalls keine Option, wenn man nicht gerade eine KFZ-Ausbildung im Hintergrund hat. Denn der Silver Spirit ist ein hochkomplexes Auto, selbst mittelgroße Schäden an Fahrwerk oder Antrieb können schnell ein paar Tausender an Kosten mit sich bringen.

Allerdings... Es soll ja Spielernaturen unter den Gebrauchtwagenkäufern geben. Und für etwas mehr als 10 000 Euro sind schon grundsätzlich funktionierende Rolls Royce mit etwas Rest-TÜV im Angebot. Wer dieses Risiko eingehen mag , kann erst einmal eine Weile Freude mit seinem Neuerwerb haben, bevor es ans Investieren geht. 1980 wurde der Silver Spirit präsentiert, für Exemplare bis Baujahr 1985 gibt es inzwischen ein H-Kennzeichen. Dann locken erschwingliche 191 Euro Steuern pro Jahr – ein Schnäppchen für einen Achtzylinder mit 6,75 Litern Hubraum – und über Abgasreinigung oder Schadstoffplaketten muss man angesichts des Oldtimerstatus auch nicht mehr nachdenken.

Wenn das schwere Schiff nur heile bleibt

Die Firma Pinguin Mobile in Berlin ist eine freie Werkstatt, die sich auf britische Klassiker spezialisiert hat. Hier rät man: Wer sich für die 10 000 Euro-Nummer entscheidet, der sollte zusätzlich weitere 5000 Euro in der Hinterhand halten, damit noch ein Budget für Reparaturen da ist. Dabei ist der Motor noch das geringste Problem, der gilt nämlich als ausgesprochen haltbar.

Ein seltener Anblick im Zeitalter des Downsizing: Der Motor ist ein Eisenklotz der alten Schule mit acht Zylindern und 6,75 Litern Hubraum. Foto: Patrick Broich
Ein seltener Anblick im Zeitalter des Downsizing: Der Motor ist ein Eisenklotz der alten Schule mit acht Zylindern und 6,75 Litern...Foto: Patrick Broich

Aber auch edles Rolls-Royce-Blech kann rosten und muss dann eventuell geschweißt werden. Und auch das Fahrwerk kann Probleme bereiten: Denn derart sänftiges Fahrverhalten erreichen Konstrukteure nur mit aufwändigen Radaufhängungen, außerdem ist ein Silver Spirit ein sehr, sehr schweres Schiff, so dass die Komponenten hohen Belastungen ausgesetzt sind.

Mindestens 2,2 Tonnen bringt das Modell auf die Waage, vor allem die Sanierung der aufwändigen Hinterachs-Konstruktion mit hydropneumatischer Niveauregulierung kann gut und gerne mit 3000 Euro ins Kontor schlagen. Dagegen ist die Erneuerung der Spurstangenköpfe für rund 700 Euro geradezu günstig. Für den Tausch der Querlenker werden 1500 Euro fällig. Und auch wenn der betagte Achtzylinder aus heutiger Sicht so stark nicht ist (Rolls Royce gab als Leistung damals ja „ausreichend“ an), sein Drehmoment genügt locker, um die Hardyscheibe rasch verschleißen zu lassen, Kosten: 1500 Euro, falls sie getauscht werden muss. Rechnen Sie solche Posten mal zusammen – na, merken Sie was?

Der wohl berühmteste Engel auf Erden: Anmutig glänzt der „Spirit of Ecstasy“ auf dem Kühlergrill des Silver Spirit. Foto: Patrick Broich
Der wohl berühmteste Engel auf Erden: Anmutig glänzt der „Spirit of Ecstasy“ auf dem Kühlergrill des Silver Spirit.Foto: Patrick Broich

Aber wie fährt sich ein solcher Rolls mit Vergangenheit denn überhaupt? Ist das Erlebnis die finanziellen Qualen wert? In puncto Komfort macht der Achtzylinder eine gute Figur. Untermalt von dezentem Rauschen hebt sich die „Spirit of Ecstasy“-Kühlerfigur gen Himmel, wenn das rechte Pedal Richtung Bodenbelag wandert. Feine Ohren hören den V8 ganz zart durchklingen, doch selbst bei hoher Drehzahl bleibt er im Hintergrund, alles andere wäre zu vulgär für einen Rolls. Einen Drehzahlmesser hielten die Rolls-Royce-Macher schon immer für überflüssig, er ist hier ebenso wenig an Bord wie bei den neuen Modellen. Wen schert’s, der Motor macht das schon.

Am besten für den gemütlichen Sonntagsausflug

Und die Federung? Butterweich gleitet der ausladende Insulaner über schlechte Straßen und erinnert dabei ein bisschen an die alten Lincoln-Continental-Oberklassen der Sechziger. Doch der Rolls Royce bietet mehr Holz und auch mehr Teppich. Selbst nach dreißig Jahren verströmt die große Karosse eine derartige Noblesse, dass selbst ein flammneuer Audi A6 gegen den alten Rolls geradezu billig wirkt. Der Deutsche ist schneller? Egal, im Silver Spirit verweilt man gern ein paar Minuten länger.

Fassen wir also zusammen: Vom Kaufpreis her wäre ein Rolls Royce aus den Siebzigern oder Achtzigern im Budget, auch den Unterhalt könnte man dank H-Kennzeichen stemmen. Man braucht eine Weile, um ein gutes Exemplar zu finden, und eine spezialisierte Werkstatt, die es warten kann. Und kaputtgehen sollte besser ganz lange nichts, denn sonst endet die Schönrechnerei auf dem Boden der Tatsachen.

Bleibt nur die Frage, was der Brite verschluckt. Formulieren wir so: Der Verbrauch ist ebenfalls ein verschleißmindernder Faktor. Denn Kilometer fressen wird man bei 20 Litern plus x je 100 Kilometer kaum. So fährt man den Rolls selten – und um so länger hält er.

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