Maserati wird 100 Jahre alt : Das Auf und Ab des Trident

Maserati ist emotional, genial und nicht selten auch katastrophal. Es gibt kaum einen anderen Autobauer, der eine derart wechselvolle Geschichte erlebt und gleichzeitig über 100 Jahre hinweg immer wieder Automobilgeschichte geschrieben hat.

David-Emanuel Digili
Stolzer Dreizack: Der Trident des Neptunbrunnens von Bologna stand Pate für das Firmenlogo von Maserati. Foto: Promo
Stolzer Dreizack: Der Trident des Neptunbrunnens von Bologna stand Pate für das Firmenlogo von Maserati.Foto: Promo

Wer heute in Bologna die Via Pepoli entlangschlendert, dem wird vielleicht an der Hausnummer 1a dieses silberne Schild ins Auge fallen. „Società Anonima Officine Alfieri Maserati“ steht da unter dem Symbol des Dreizack und erinnert an die Gründung von Maserati am 1. Dezember 1914. Am 14. Dezember, also heute vor 100 Jahren, wurde das Unternehmen in das Handelsregister der Stadt eingetragen. Es begann die Geschichte eines der italienischsten aller Autobauer. Die Geschichte von Enthusiasten, von Auto-Fanatikern, aber auch von schlechten Unternehmern und falschen Entscheidungen. Eine Geschichte von Aufstieg, Triumph und Niedergang. Die Geschichte des Trident aus Bologna.

Enge Gassen, historische Bauwerke, große kulinarische Tradition. Die Stadt Bologna mit ihren heute 384 000 Einwohnern kann auf eine lange und wechselvolle Geschichte zurückblicken: Bis ins sechste Jahrhundert vor Christus reichen die Aufzeichnungen zurück, zahlreiche Namensänderungen und Eroberungen prägen die ersten Jahrzehnte, ehe die Stadt nach einem Brand unter dem römischen Kaiser Nero wieder von Grund neu aufgebaut wurde. Die Sehenswürdigkeiten erzählen von früheren Epochen: Die „zwei Türme“, der „Torre Garisenda“ und der 94,5 Meter hohe „Torre degli Asinelli“, nach seiner Errichtung 1300 für fast anderthalb Jahrhunderte das höchste Gebäude Europas. Auch die Arkaden von Bologna sind berühmt.

Medienereignis: Die Einweihung der Maserati-Gedenkplakette vor wenigen Tagen in Bologna. Foto: Promo
Medienereignis: Die Einweihung der Maserati-Gedenkplakette vor wenigen Tagen in Bologna.Foto: Promo

Die Anfänge der Brüder Maserati

Besonders aber der prächtige Neptunbrunnen im Zentrum beschreibt die Stadt. 3,35 Meter hoch ragt der Meeresgott hier in die Höhe, die fast 450 Jahre alte Skulptur prägt die Piazza Nettuno - und steht für eine der neueren, erfolgreichsten Legenden vom Fuße des Apennin: Der Trident, der Dreizack der Statue, er stand Pate für das Firmenlogo von Maserati, als Würdigung der Heimatstadt, als Referenz für Stärke und Stolz. Maserati und Bologna, sie haben weit mehr gemeinsam als Geographie.

Der Neue. 40 Jahre nach der Premiere des „Ur“-Quattroporte kam auf der IAA 2003 in Frankfurt mit dem Maserati Quattroporte V das große Comeback. Foto: Promo
Der Neue. 40 Jahre nach der Premiere des „Ur“-Quattroporte kam auf der IAA 2003 in Frankfurt mit dem Maserati Quattroporte V das...Foto: Promo

In diesem Dezember 1914 tun sich die Brüder Alfieri, Ettore, Ernesto und Bindo Maserati zusammen, um mitten im Herzen der Stadt Automobile zu bauen. Alle der Gebrüder Maserati sind früh aktiv im Geschäft der Automobil-Produktion, -Entwicklung und -Technik: Alfieri und Bindo arbeiten schon im Alter von Heranwachsenden für den damaligen Edelhersteller Isotta Fraschini in Mailand, auf Empfehlung des ältesten der Maserati-Brüder, Carlo. Der wiederum versucht sich erst in einer Fahrradfabrik, entwickelt dort schon um die Jahrhundertwende ein Einzylinder-Verbrennungsaggregat für Motorräder, ehe Stationen als Testfahrer für Fiat oder Bianchi folgen. Er fährt Rennen wie die Coppa Florio, einen Vorgängerwettbewerb der später weltberühmten Targa Florio, und steigt bis zum Manager des jungen Herstellers auf. Carlo ist der Rückhalt, das Fundament der engen Brüder-Beziehung, er fühlt sich verantwortlich für die Geschwister, bindet sie immer wieder in seine Unternehmungen ein - ihn trennen 17 Jahre Altersunterschied von Ernesto, dem Jüngsten.

Hit mit Tücken: Der Maserati Biturbo wurde von 1981 bis 1994 produziert und prägte die de-Tomaso-Ära. Foto: Promo
Hit mit Tücken: Der Maserati Biturbo wurde von 1981 bis 1994 produziert und prägte die de-Tomaso-Ära.Foto: Promo

Alfieri, der Geschickte

Als Carlo 1910 mit nur 29 Jahren an Tuberkulose stirbt, übernimmt nicht Bindo, der zweitälteste, sondern der findigere Alfieri die Geschicke der Familie. Er überzeugt seine Brüder vom Schritt in die Selbstständigkeit, die „Societa Anonima Officine Alfieri Maserati“ wird geboren. Anfangs ist das Unternehmen Zulieferer für den kurzlebigen Autohersteller Diatto, stellt Motoren für Rennwagen her. Der Auftraggeber jedoch gerät immer weiter in finanzielle Schwierigkeiten, die Maserati-Brüder wagen die Zäsur: Das erste eigene Auto. Der Maserati Tipo 26 feiert 1926 sein Debüt bei der Targa Florio, dem damals härtesten Autorennen der Welt. Gefahren wird der Tipo 26 von Alfieri und er wird auf Anhieb Neunter.

Das ist die Initialzündung: Bereits im zweiten Jahr belegt Alfieri Platz drei, die Produktion wird erweitert auf Modelle mit 8- und sogar 16-Zylinder-Motoren. Doch bald folgen die nächsten Einschnitte: 1932 stirbt Alfieri an den Folgen eines Rennunfalls, die verbliebenen Brüder verkaufen ihre Firmenanteile, der Betrieb wird nach Modena umgesiedelt. Noch heute steht dort die Firmenzentrale.

Der Erste: Mit dem Coupé A6 wagte die Edel-Schmiede 1947 den Schritt in den italienischen Alltag, zuvor hatte Maserati einzig Sonderanfertigungen für exklusive Kundschaft fertigen lassen. Foto: Promo
Der Erste: Mit dem Coupé A6 wagte die Edel-Schmiede 1947 den Schritt in den italienischen Alltag, zuvor hatte Maserati einzig...Foto: Promo

Nach Kriegsende gelingen dem Unternehmen 1947 und 1948 gleich zwei Meisterstücke: Die Produktion wird erweitert auf Straßenwagen, der Maserati A6 feiert seine Premiere. Die Modellbezeichnung setzt sich zusammen aus „A“ für den verstorbenen Alfieri, und „6“ für die sechs Zylinder. Das schicke Coupé wird zu immer neuen Höchstleistungen getrieben, um den für damalige Verhältnisse hohen Anschaffungspreis zu rechtfertigen. Der A6G54 erreicht schließlich eine damals unglaubliche Höchstgeschwindigkeit von 210 km/h. Dann fährt der Maserati 4CLT von Sieg zu Sieg, 18 Grand-Prix-Rennen gewinnt der Einsitzer, der mit 260 PS, einer Höchstgeschwindigkeit von 270 Stundenkilometern und seiner aerodynamischen Röhrenform der Konkurrenz davonfährt - im wahrsten Sinne des Wortes. Maserati profitiert vom Einfluss neuer Mitarbeiter: Alberto Massimino war zuvor verantwortlicher Konstrukteur der Scuderia Ferrari. 1957 gewinnt der große Juan Manuel Fangio im Maserati 250F den Formel-1-Titel, der Rennwagen setzt sich nach jahrelangem Wettkampf gegen die Übermacht von Mercedes-Benz durch.

Der Exklusive: Der staatstragende Maserati Quattroporte (li., mit dem Nachfolger Quattroporte V) wurde 1963 zum damals schnellsten Viertürer der Welt: Bis zu 255 Stundenkilometer erreichte die Limousine - dank kräftiger V8-Motoren von Maserati. Foto: Promo
Der Exklusive: Der staatstragende Maserati Quattroporte (li., mit dem Nachfolger Quattroporte V) wurde 1963 zum damals schnellsten...Foto: Promo

Der Maserati Quattroporte hat bis heute überlebt

Doch der Fokus liegt längst nicht mehr nur auf dem Rennsport. PS-Protz und Glamour zieht, damals wie heute, exklusive Privatkundschaft an. Der namensgerecht viertürige Maserati Quattroporte von 1963 geht auf einen Auftrag des pakistanischen Fürsten Aga Khan zurück. Erstmals verbinden Designer und Ingenieure ein großzügiges Raumangebot mit feiner Leder-Innenausstattung und kräftiger Motorleistung. Bis heute ist der Quattroporte fester Bestandteil der Modellpalette. Maserati erarbeitet sich einen Ruf als schicke, elegante - und teure - Alternative mit Hang zu extravagantem Design.

Beim Sportwagen Maserati Ghibli darf sich ein junger Giorgio Giugiaro versuchen, damals noch am Anfang seiner Karriere. Auf dem Turiner Autosalon 1966 wird er präsentiert und mit seiner langgezogenen, flachen Motorhaube, seinen Klappscheinwerfern und dem steil abfallenden Heck direkt zur Sportwagen-Ikone. Umgerechnet über 70 000 Mark kostet der extravagante Renner, damals ein Vermögen. Trotzdem verkauft sich der Ghibli über 1200 Mal, Filmstars wie Jean-Paul Belmondo lieben das Coupé, heute ist er ein begehrtes und seltenes Sammlerstück.

Der Feine: Mit dem 3500GT stieg Maserati 1957 auch in die Serienfertigung von Sportwagen für die Straße ein. Foto: Promo
Der Feine: Mit dem 3500GT stieg Maserati 1957 auch in die Serienfertigung von Sportwagen für die Straße ein.Foto: Promo

Im Zuge des steigenden Erfolgs übernimmt Citroën 1968 den Hersteller - und treibt Produktion wie Absatz voran. Innerhalb weniger Jahre erweitert der neue Eigner das Angebot um Sportler wie den Maserati Indy, den Bora oder den Khamsin - stets mit schlanker Silhouette, mittlerweile das Markenzeichen. Ein Glücksgriff war die neue Liaison jedoch nicht: Erneut erfolgt ein plötzlicher Einschnitt, als Citroën Mitte der 70er kurzzeitig Konkurs anmelden muss und der Ex-Rennfahrer Alejandro de Tomaso den Betrieb vor dem Aus rettet - trotz aller Lobeshymnen arbeitet Maserati nie profitabel.

Der Weltmeister: Insgesamt 26 Stück des Rennwagens Maserati 250F wurden ab 1954 hergestellt - der größte Erfolg kam 1957, als der legendäre Juan Manuel Fangio im Röhren-Maserati zum Formel-1-Titel fuhr. Foto: Promo
Der Weltmeister: Insgesamt 26 Stück des Rennwagens Maserati 250F wurden ab 1954 hergestellt - der größte Erfolg kam 1957, als der...Foto: Promo

Ein Debakel namens Biturbo

Auch unter de Tomaso entsteht eine Ikone, der Maserati Biturbo, ein Hybrid aus Mittelklasse und Sportwagen. Im Dezember 1981 - zum 67. Jahrestag der Maserati-Gründung - eingeführt, kann der Biturbo anfangs mit günstigem Preis und starker Leistung voll überzeugen - bis drastische Qualitätsmängel dem Modell zuschaffen machen. 2007 schreibt das Time-Magazin rückblickend: „Der Biturbo war das Produkt einer verzweifelten, chronisch klammen, kurz vor dem Bankrott stehenden Firma - und das merkt man auch. Alles, was auslaufen, brennen, oder reißen konnte, tat das auch.“ Trotzdem gilt der Pannen-Biturbo als meistverkaufter Maserati überhaupt.

Auch in den jüngeren Jahrzehnten kommt die Marke kaum zur Ruhe. Eine fragwürdige Politik in Preis, Modellpalette und Qualität bringt Maserati erneut in arge finanzielle Bedrängnis. Mitte der 90er ersteht erst Fiat die Aktienmehrheit am Unternehmen, unterstellt den Dreizack dann Ferrari - um im Jahr 2005 eine neue Markengruppe mit Alfa Romeo und Abarth zu schaffen. Mit dem neuesten Quattroporte, einer neuen Ausgabe vom Ghibli oder dem GranCabrio scheint die Traditionsschmiede gut aufgestellt, erstmals seit 1990 schreibt Maserati schwarze Zahlen.

Fiat-Chef Marchionne: Verkaufszahlen verfünffachen

Bei Fiat hat man noch große Pläne mit der Edel-Schmiede aus Modena, die ihre Wurzeln aus Bologna bis heute im Wappen trägt. „Im Jahr 2018 werden die Verkaufszahlen von Maserati fünfmal so hoch sein wie heute“, sagt Fiat-Konzernchef Sergio Marchionne zum 100. Geburtstag der Marke. „Maserati wird nicht die größte Luxusmarke sein, aber die beste.“ Ein Credo, das schon die Maseratis vor 100 Jahren verwirklichen wollten. Geschafft haben sie es nicht immer. Aber wenn, dann ist stets etwas Außergewöhnliches entstanden.

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