Neues Rometsch-Karosserie-Museum : Die Edel-Käfer aus Berlin

Ob der Berliner Karosseriebauer Rometsch eher 200 oder 500 seiner prachtvollen Oldtimer auf Käfer-Basis schuf, ist bis heute unklar. Doch seit Oktober können einige der Schmuckstücke im neuen Rometsch-Karosserie-Museum bestaunt werden.

Heinrich Niemeier, Renate Freiling
60 Jahre nach ihrer Entstehung haben zahlreiche Oldtimer, die auf dem Fahrgestell des VW Käfers basieren, in Hessisch Oldendorf einen würdigen Platz für den Ruhestand gefunden haben. Dort haben zwei Sammler dem Berliner Sonderkarossier Rometsch mit einem Karosserie-Museum ein Denkmal gesetzt.
60 Jahre nach ihrer Entstehung haben zahlreiche Oldtimer, die auf dem Fahrgestell des VW Käfers basieren, in Hessisch Oldendorf...Foto: Renate Freiling/Heinrich Niemeier

„Jetzt sterben alle meine Freunde um mich herum, und ich alte Kuh bin immer noch da“, sagte einst die Schauspielerin und Rometsch-Fahrerin Brigitte Mira. Ebenso mag es - im übertragenen Sinne - den sieben Oldtimern gehen, die nach fast 60 Jahren einen würdigen Standort in Hessisch Oldendorf gefunden haben. Dort haben zwei Sammler besonderer historischer Automobile dem Berliner Sonderkarossier Rometsch ein Denkmal gesetzt.

Traugott Grundmann und sein Sohn Christian stehen glücklich in ihrer strahlenden Sammlung automobiler Raritäten des West-Berliner Karosseriebauers. Das Schatzkästlein schufen die Grundmanns eigens für ihre Pretiosen der Marke. Zur Eröffnung Anfang Oktober haben sich drei ehemalige Mitarbeiter der Berliner Firma sowie viele Sammler und Kenner der Szene eingefunden. Endlich bietet sich in dieser Runde die Gelegenheit, mit dem einen oder anderen Mythos um die Marke Rometsch aufzuräumen.

VW untersagte den Verkauf von Fahrgestellen und gebrauchten Käfern an Rometsch

Friedrich Rometsch, der 1924 eine Karosseriebau-Werkstatt in Berlin-Charlottenburg eröffnete, rief Anfang der 1950er Jahre die Automobilmarke ‚Rometsch' ins Leben. Er konstruierte und baute mit seiner Mannschaft zwischen 1950 und 1961 in Berlin Halensee die beiden Modelle ‚Beeskow' und ‚Lawrence', benannt nach den jeweiligen Konstrukteuren. Beide Karosserieformen basieren auf den Fahrgestellen des VW Käfers, samt deren Antriebseinheit. Sie gelten als stilistisch prägende automobile Schöpfungen der 1950er Jahre und wurden mehrfach auf dem Genfer Automobilsalon ausgezeichnet. Wie avantgardistisch Johannes Beeskow mit seinem Entwurf aus dem Jahr 1949 war, zeigt sich beispielhaft an den sogenannten Radpfeifen der vorderen Kotflügel: Auffällige, waagerechte Elemente über den Radausschnitten, die später im selben Jahrzehnt an den Mercedes-Modellen 300 SL und 190 SL wiederzufinden sind.

Karosseriekunst aus Berlin Charlottenburg: Friedrich Rometsch nahm im Berlin der Nachkriegszeit den VW Käfer als Basis und baute darauf seine wunderschönen, handgefertigten Karosserien.
Karosseriekunst aus Berlin Charlottenburg: Friedrich Rometsch nahm im Berlin der Nachkriegszeit den VW Käfer als Basis und baute...Foto: Renate Freiling/Heinrich Niemeier

Zuverlässige Informationen über die Marke Rometsch gibt es kaum. Recherchen im Internet bringen wenig, selbst die Rometsch-Registry einer rührigen Amerikanerin namens Marybeth Ladley gibt nicht auf alle Fragen Antworten. Diese beginnen schon bei der tatsächlichen Anzahl aller hergestellten Fahrzeuge. Die Rometsch-interne Nummerierung führt eher zu Verwirrung. „Von bis zu 500 gebauten Exemplaren munkelte man früher in der Oldtimerszene“, merkt Traugott Grundmann an. Ein zur Eröffnung angereister holländischer Enthusiast und Sammler weiß die genauen Zahlen der gebauten Exemplare, es waren gerade einmal 117 Beeskow und 85 Lawrence.

Eines der Hindernisse zur weiteren Steigerung der Produktivität, so merkt der Niederländer an, sei das Verhalten des VW-Werks, sprich: seines Generaldirektors Heinrich Nordhoff gewesen. Dieser lieferte nicht nur keine Fahrgestelle mehr an Rometsch, er untersagte auch den VW-Händlern, Rometsch komplette Käfer zu verkaufen.

Eine große Bonbonniere mit automobilen Köstlichkeiten

Ein anderer früherer Mitarbeiter im Rometsch-Sonderkarosseriebau, Baldur Pauli, zeigt auf einem historischen Foto auf seinen Kollegen Günther Asmuß: „Der wurde oft losgeschickt, um im weiteren Umland für Rometsch neue Käfer unter seinem Namen zu kaufen.“ Anstoß zu diesem Verhalten gab wohl das von Johannes Beeskow entwickelte viertürige Käfer-Taxi. Insgesamt wurden auf Anregung der Berliner Taxiunternehmerschaft 38 von ihnen gebaut. Von den weltweit übrig gebliebenen drei Käfer-Taxen steht eine in neuwertigem Zustand im Museum und lässt das Herz der Enthusiasten höher schlagen.

Außer dem Motor und der Technik haben die Rometsch-Modelle keine Ähnlichkeit mehr mit dem Käfer. Im Inneren ist der Wolfsburger Genspender aber durchaus noch zu erkennen.
Außer dem Motor und der Technik haben die Rometsch-Modelle keine Ähnlichkeit mehr mit dem Käfer. Im Inneren ist der Wolfsburger...Foto: Renate Freiling/Heinrich Niemeier

Angestoßen wurde der Neubau einer Museumshalle für die sieben Klassiker durch den Hannoveraner Einrichter Anand Steinhoff, der zuvor für sein „kleinstes Designmuseum Deutschlands“ einmal einen Rometsch aus der Sammlung Grundmann als Leihgabe erhielt. Steinhoff befand, dass Grundmanns Rometsch-Sammlung eines angemessenen Umfelds der Präsentation bedürfe. Dank seiner innenarchitektonischen Leistung vermittelt die Sammlung in ihrer formalen Geschlossenheit den Eindruck eines Gesamtkunstwerks. Ganz am Rande bekommt der automobile Genießer und Träumer mitunter das Gefühl, sich in einer großen Bonbonniere mit automobilen Köstlichkeiten zu befinden. Steinhoffs kühle Gestaltung des umgebenden Raums bewirkt, dass sich die Aufmerksamkeit des Besuchers voll und ganz auf die farblich perfekt abgestimmte Inszenierung der ausgestellten Fahrzeuge fokussiert.

Auch die "Ikone des Berliner Selbstbewusstseins" schmückte sich mit einem Rometsch

Neben dem Büro des Firmengründers, das mitsamt der Rometsch-Werkstatteinrichtung nach der Schließung des Betriebs bereits um das Jahr 2000 nach Hessisch-Oldendorf umzog, zeugen große, hölzerne Werkzeuge zur Karosserieherstellung neben umfangreicher Dokumenten- und Fotosammlung vom Bestreben, die darstellende und handwerkliche Kunst in ihrer Ganzheit zu würdigen.

Dort steht Günter Kaulmann, ehemals leitender Angestellter bei Rometsch und Nachfolger Johannes Beeskows, als Entwickler. Er bringt weiteres Licht ins Dunkel der Mutmaßungen und Gerüchte. „Der Karmann Ghia hat den Rometsch nicht kannibalisiert“, erzählt er, „auch wenn der rund 1500 DM billiger gewesen ist.“ Kaulmann berichtet weiter, dass er als eine der ersten Handlungen bei Rometsch das bereits als Holzmodell existierende Modell Lawrence durchkalkuliert habe. Er stellte dabei fest, dass Rometsch bei jedem verkauften Auto zwischen 1500 und 2000 DM zusetzte. Daraufhin veranlasste Kaulmann sofort eine Straffung und Neustrukturierung der Produktion. „Fortan wurde nach Leistung bezahlt und eine Art Akkordarbeit eingeführt“, erklärt er. Das damals noch überwiegende Alltagsgeschäft Rometschs, nämlich die Instandsetzung von Unfallkarossen vornehmlich aus dem Taxigewerbe, war so lukrativ, dass sich Rometsch den Luxus erlauben konnte, seine Autos als Imageträger bis 1961 weiterzubauen.

Viele Prominente schmückten sich mit den edlen Rometsch-Karossen. Der Schauspieler Viktor de Kowa bekam 1950 einen der ersten Rometsch, den er einst als „Ikone des Berliner Selbstbewusstseins“ bezeichnete. Auch Brigitte Mira, Gregory Peck und Audrey Hepburn zählten zur Kundschaft.
Viele Prominente schmückten sich mit den edlen Rometsch-Karossen. Der Schauspieler Viktor de Kowa bekam 1950 einen der ersten...Foto: Renate Freiling/Heinrich Niemeier

Dankbare Abnehmer der edlen Karossen gab es genug. Viele Prominente schmückten sich mit den Pretiosen. Der Schauspieler Viktor de Kowa bekam 1950 einen der ersten Rometsch, und die einst als „Ikone des Berliner Selbstbewusstseins“ bezeichnete, unvergessene Brigitte Mira besaß - wie eingangs erwähnt - auch eines dieser wunderschön gezeichneten Autos. Dass die glamourösen US-Schauspieler Gregory Peck und Audrey Hepburn ebenfalls zur Kundschaft zählten, sei nur noch der Vollständigkeit halber erwähnt. Die zweite Modellvariante Lawrence, meist in Zweifarbenlackierung, mit Panoramascheiben und Heckflossen ganz dem amerikanischen Geschmack verpflichtet, schuf der Berliner Stilist Bert Lawrence. Sein Entwurf wurde von 1957 bis 1961 gebaut.

Inzwischen hat Volkswagen mit Rometsch seinen Frieden gemacht

Das letzte Exemplar des Modells erhielt 1961 der Direktor des Berliner Zoos. Wie jedes Fahrzeug bei Rometsch ließ er es individuell konfektionieren. Der rote Wagen findet sich in unrestauriertem Originalzustand samt wunderbarer Patina in der Sammlung der Grundmanns. Im Verhältnis zur Bauzeit wurden vom Lawrence pro Jahr ebenso viele Autos gebaut wie vom Modell Rometsch, nämlich etwa 17 Stück. Damit wäre ein weiterer Mythos aus der Welt geschafft, nämlich, dass der Lawrence sich schlechter verkauft habe und dieser Umstand zum Produktionsstopp führte. „Die Nachfrage war 1961 immer noch da“, sagt Kaulmann. „Aber die Errichtung der Berliner Mauer machte den handgefertigten Cabriolets und Coupés aus dem Hause Rometsch den Garaus!“

Das Karosserie-Museum beherbergt auch eine Käfer-Sammlung mit Polizei- und Post-Käfern sowie einige der ältesten noch erhaltenen Modellen überhaupt. Zudem gibt es originale Einrichtungsgegenstände aus dem Rometsch-Werk, Vitrinen, Werkzeuge und Wände voller Fotos und Originalskizzen zu sehen.
Das Karosserie-Museum beherbergt auch eine Käfer-Sammlung mit Polizei- und Post-Käfern sowie einige der ältesten noch erhaltenen...Foto: Renate Freiling/Heinrich Niemeier

Die meisten der Facharbeiter, die die Aluminiumkarosserien von Hand fertigen konnten, kamen aus dem Berliner Osten. So sank die Zahl der Mitarbeiter des West-Berliner Betriebs nach dem Mauerbau von etwa 90 auf rund 45. Es hätte mindestens vier Jahre gedauert, so Günter Kaulmann, den handwerklich versierten Stamm von Karosseriespenglern zu ersetzen, die in der Lage gewesen wären, solche Sonderkarosserien weiterhin zu bauen. Kaulmann wechselte nach seiner Zeit bei Rometsch im Jahr 1961 zu Karmann nach Osnabrück. Dort leitete er eine von vier Entwicklungsabteilungen unter dem Chefentwickler Johannes Beeskow, den er erst dort kennenlernte. Beeskow entwarf dort noch den Karmann-Ghia Typ 34 Cabriolet, welcher aber nur noch in 16 Vorserienexemplaren gebaut wurde. Bert Lawrences Spuren, sagt Günter Kaulmann, verlieren sich bereits Anfang der 1960er Jahre in Italien.

Übrigens hat Volkswagen in der Zwischenzeit mit Rometsch seinen Frieden gemacht. Auch im Museum ZeitHaus in der Autostadt in Wolfsburg stehen mehrere perfekte Exponate des Berliner Edel-Karossiers. Als wahrlichen Pilgerort jedoch hat nun Hessisch-Oldendorf das wahrscheinlich weltweit einzige Rometsch-Karosserie-Museum, in dem die prachtvollen Oldtimer und andere Relikte aus der Berliner Karosserieschmiede besucht werden können.

Besuchstermine auf Anfrage bei Christian Grundmann unter Tel. 05152 526670 oder E-Mail kiki@bugnet.de.

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