Oldtimer als UNESCO-Weltkulturerbe : Kulturgut Auto

Oldtimer befinden sich seit Jahren im Aufwind. Nun soll das Auto auf die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes. Im Vorfeld der Branchenmesse Techno Classica erklärte der Vorsitzende des Parlamentskreises Automobiles Kulturgut im Bundestag, Carsten Müller (CDU), warum.

Lange Zeit war Mobilität ein Privileg der Reichen. Doch nach und nach konnte sich auch die breite Masse ein privates Fortbewegungsmittel leisten - nicht zuletzt dank kleiner Stadtflitzer wie den Fiat 500 Jolly (Erstbaujahr 1957).
Lange Zeit war Mobilität ein Privileg der Reichen. Doch nach und nach konnte sich auch die breite Masse ein privates...Foto: dpa


Herr Müller, das Auto ist für die meisten Menschen ein Gebrauchsgegenstand. Was hat das mit Weltkulturerbe zu tun?

Die Fahrzeuge zum aktuellen täglichen Gebrauch haben gar nichts mit dem immateriellen Kulturgut zu tun. Allerdings hat die Erfindung des Automobils unsere Gesellschaft stark geprägt. Es ist eine der weltweit bedeutsamsten Entwicklungen der vergangenen 120 Jahre und ein ganz wesentlicher Teil der Industriegeschichte. Unsere Städte wurden an den Kraftverkehr angepasst. Und es geht um Mobilität für Menschen und Sachen: Diese Mobilität, wie wir sie heute kennen und für selbstverständlich halten, wurde durch das Automobil überhaupt erst möglich.

Autos bringen die Menschen von A nach B.

Das war aber nicht immer so. Reisen war früher ein Privileg der obersten Schicht. Meine Großmutter, 1910 in einem Dorf in Sachsen-Anhalt geboren, sah in ihrem Leben Braunschweig, Magdeburg und Haldensleben. Zwei Mal war sie in Leipzig, ein Mal in Dresden und in Berlin und einmal in Wyk auf Föhr. Aber sie war nie im Ausland, es gab ja auch kein Auto in der Familie. Daran sieht man schon: Mobilität war lange Zeit sehr begrenzt. In der Wiederaufbauzeit nach dem Krieg war dann der Inbegriff der Mobilität, mit einem eigenen Fahrzeug – egal wie groß oder klein – mit der Familie nach Italien zu fahren. Es ist spannend zu sehen, wie sich das verändert hat.

Heute gibt es allein in Deutschland über 40 Millionen Pkw, die die Straßen verstopfen. Viele Berufstätige stehen zusammengerechnet mehrere Jahre ihres Lebens im Stau.

Ja, das ist so. Hinzukommt der autogerechte Umbau von Städten. Natürlich muss der verkehrsgerecht sein, denn sonst funktioniert eine Stadt nicht. Aber musste man durch historische Stadtkerne autobahnähnliche Magistralen schlagen? Auch das ist Zeitgeschichte und man muss sie in Erinnerung halten. Das heißt allerdings nicht, dass man das wieder so haben will.

Offensichtlich gibt es nicht nur Anlass, das Automobil zu glorifizieren.

Den gibt es keinesfalls. Autos belasten auch die Umwelt. Aber ohne dies relativieren zu wollen – moderne Fahrzeuge werden doch viel stärker unter dem Gesichtspunkt der Umweltschonung gebaut. Aber was ein Stück weit verloren geht, ist die Nachhaltigkeit bei der Instandsetzung von defekten Fahrzeugen. Also wann wird heute noch repariert oder einfach getauscht? Und getauscht heißt: Das alte, vielleicht noch reparable Teil wird entsorgt, weggeschmissen.

Könnten Autos länger leben, wenn man sich pfleglicher um ihren Erhalt kümmern würde?

Die IAK Initiative Automobiles Kulturgut e. V. steht nicht unter dem Motto: Früher war alles besser. Was die Emissionswerte angeht, sind klassische Fahrzeuge modernen Fahrzeugen deutlich unterlegen. Anders sieht es beim Unterhalt aus. Vielleicht könnte man wieder häufiger die Frage stellen, wie ein gebrauchtes Fahrzeug erhalten werden kann. Also ich würde mir wünschen, dass man nicht nur stumpf tauscht, sondern wieder mehr repariert. Reparieren ist ja die Verwendung vorhandener Substanz mit der bloßen Ergänzung eines kleinen oder womöglich kleinsten Bauteils, das die Gesamtfunktion wiederherstellt. Oldtimer sind da ein Beispiel für Nachhaltigkeit und Ressourcenschonung, denn bei ihnen wird noch eine Menge repariert.

Heiligs Blechle. Jedes Jahr bestaunen tausende Besucher Oldtimer auf der Techno Classica in Essen. Die weltgrößte Messe für klassische Automobile beginnt dieses Jahr am 15. April. Es werden rund 2500 Young- und Oldtimer zum Verkauf angeboten und viele historische Raritäten ausgestellt.
Heiligs Blechle. Jedes Jahr bestaunen tausende Besucher Oldtimer auf der Techno Classica in Essen. Die weltgrößte Messe für...Foto: dpa

Sofern die Ersatzteile noch verfügbar sind.

Oder sofern man sie nachbauen kann. Viele Autohersteller haben mittlerweile den Wirtschaftszweig der klassischen Mobilität für sich entdeckt. Ich will aber auch ganz deutlich sagen: Unsere Initiative ist getragen von Privatpersonen, es ist genau das Gegenteil von Absatzförderung. Wir sind ein Verein, wir freuen uns auch über Fördermitglieder, aber der ganzen Sache liegt keine Vermarktungsidee zugrunde.

Die meisten Menschen freuen sich, wenn sie einen Oldtimer auf der Straße sehen – das haben Studien gezeigt.

Ja, und der Zuspruch wächst weiter. Wir merken das daran, dass selbst Bereiche der historischen Mobilität Interesse wecken, wo der Glamour-Faktor doch relativ gering ist. Beispielsweise bei den klassischen Landmaschinen und Traktoren: Dieser Bereich entwickelt sich rasend schnell, ihm fliegen die Herzen nur so entgegen. Dabei kann man ja nicht annehmen, dass mit einem Traktor geprotzt wird. Mit einem alten Trecker fährt man nicht vor und sagt: Guckt mal, was ich habe! Nein, das ist eher eine Begeisterung für diese Ursprünglichkeit von Technik und Mobilität.

Viele Oldtimer-Fans besitzen ja selbst gar keinen Oldtimer.

Genau, denn man kann sich dafür interessieren, ohne selbst einen Oldtimer fahren zu müssen. Es ist wie bei der Kunst. Nicht jeder Liebhaber klassischer Musik ist ein begnadeter Musiker. Genau so ist es bei der klassischen Mobilität. Man braucht kein eigenes altes Auto oder Motorrad. Das Hobby ist stark demokratisiert und für die ganze Familie. Eine alte Baumaschine oder ein alter Laster, wo man noch Hebel und Knöpfe erkennt; ein älterer Pkw mit kantiger Form, wo die Funktionen unmittelbar ablesbar sind – das finden gerade Kinder und Jugendliche interessant.

Heute hat man zig versteckte Steuergeräte im Auto, da kann man seinen Kindern nicht mehr viel erklären.

Oder Touchscreens mit bunten Displays. Noch in den achtziger Jahren hatten Autos mechanische Uhren, die man per Hand verstellen konnte wie eine Küchenuhr. Heute undenkbar!

Elektromobilität, Carsharing, autonomes Fahren: Verliert das Auto seine Bedeutung als Statussymbol?

Wir erleben in der Tat im Moment einen Umbruch bei der Frage der Mobilität. Der Verbrennungsmotor bekommt erstmals seit 120 Jahren substanzielle Konkurrenz durch alternative Antriebsarten. Und wir sehen, dass sich die Mobilität selbst verändert. Statt Sachen werden zunehmend Daten bewegt – denken Sie an Daten-Clouds und den ganzen Aspekt der Vernetzung und Konnektivität in modernen Autos. Das ist schon ein Einschnitt.

Vielleicht ist die Sympathie in der Bevölkerung für alte Autos auch deshalb so groß. Früher ging es noch ums Fahren.

Ja, viele Millionen Menschen in Deutschland erleben diesen Wandel mit. Deshalb geht es uns auch um Anerkennung als immaterielles Kulturgut. Also uns geht es nicht darum, ob ein blaues Auto einer bestimmen Marke, gebaut vor 1970, geschützt wird. Das ist nicht Gegenstand des Schutzes, sondern es ist die sich daraus ergebende gesellschaftliche Konsequenz und auch das Brauchtum, das sich darum rankt. Also die ganze Clubszene, in der viele hunderttausend Menschen organisiert sind. Und dass wir über die Pflege des automobilen Kulturguts heute noch Berufe antreffen, die sonst schon vollkommen untergegangen wären – etwa Sattler, Stellmacher, Spengler und andere traditionelle Berufe der Metallverarbeitung. Hinzu kommen modische Erscheinungen der Mobilität, Designgeschichte. Im Raketenzeitalter sahen plötzlich auch die Autos auf der Straße aus wie radangetriebene Raketen. Oder in der Frühzeit des Automobils: Das waren erst motorisierte Kutschen. Heute gibt es dagegen wohl kein Fahrzeug mehr, in dem der Fahrer im Freien sitzt und die Fahrgäste in einem überdachten, abgetrennten Abteil.

Im Idealfall kommt das Automobil also auf die Liste des immaterielles Weltkulturerbes. Was hat das für Vorteile?

Es wird keinerlei Steuererleichterungen für Oldtimer-Besitzer oder Ähnliches geben. Aber die kulturelle, gesellschaftliche Relevanz der Mobilität würde dadurch anerkannt und geschützt. Ich glaube, dass wir mit der Anerkennung als immaterielles Unsesco-Kulturerbe, an der wir mit der Initiative Automobiles Kulturgut e. V. derzeit intensiv arbeiten, eine Art Impfschutz bekommen gegen Benachteiligung dieses geschichtlichen Aspekts. Und es geht uns um das Hobby der Oldtimerei an sich, das die Menschen verbindet.

Und das ist kein Reichenhobby, wie manche denken?

Im Gegenteil, es ist klassenlos. Man muss nicht Porsche oder Mercedes fahren. Niemand, der mit einem nur 3000 Euro teuren Simca 1301 zu einem Oldtimer-Treffen kommt, wird schief angeguckt. Weil die Simca ein sehr günstiges, aber klassisches und zugleich seltenes Fahrzeug ist. Und wenn einer zu Fuß kommt, weil er gar keinen Führerschein besitzt, aber sich gerne alte Autos ansieht – dann ist er auch herzlich willkommen.

Das Gespräch mit Carsten Müller führte Haiko Prengel.

Die Mehrfahrgelegenheit - Carsharing in Berlin


Carsharing gilt als Verkehrskonzept der Zukunft, in Berlin wächst das Angebot rasant. Die einen macht die neue Ich-Mobilität glücklich, andere reich, manche wütend. Begegnungen mit Pionieren und Kritikern - und eine Datenanalyse mit vielen interaktiven Grafiken.

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