Opel baut eigenständiges Coupé : Wenn ein Astra kein Astra sein darf

Opel hat es geschafft, ein eigenständiges Coupé zu bauen. Der Astra GTC lockt mit schönen Formen und besticht durch eine technisch herausragende Vorderachse. Aber der stärkste Motor überzeugt nicht.

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Der GTC ist nicht als Konkurrent innerhalb der eigenen Familie gedacht. Vielmehr tritt er in Wettbewerb zu VW Scirocco oder Peugeot RCZ.
Der GTC ist nicht als Konkurrent innerhalb der eigenen Familie gedacht. Vielmehr tritt er in Wettbewerb zu VW Scirocco oder...Foto: Hersteller

Es folgt die 500.000-Euro-Frage bei Jauch: Was ist ein Coupé? A eine dreitürige Limousine; B eine spezielle Ecke in einem Restaurant; C eine Sexzeitschrift oder D ein Dreitürer von Opel, der keiner sein will. Die richtige Antwort lautet natürlich D. Der neue Astra GTC (steht für Gran Tourismo Compact) soll alles andere als ein schnöder Fünftürer ohne hintere Pforten sein. Und so haben die Designer kein Blech auf dem anderen gelassen und ungewohnten Aufwand für einen Dreitürer getrieben: Nur Türgriffe, Außenspiegelgehäuse sowie die Antenne wurden vom Fünftürer übernommen.

Hauptsache anders. Der GTC ist flacher, breiter und stämmiger. Ein Opel, dessen knackigem Hinterteil man gerne hinterher schaut. Doch für den schönen Körper zahlt der Besitzer einen hohen Preis: Das Maß an Unübersichtlichkeit, das der GTC offeriert, dürfte wohl nur schwer zu überbieten sein. Hinten ein flaches Guckloch, vorn dicke Pfosten, die beim Abbiegen oder jeder Kurvenfahrt die Sicht versperren. Viel mehr Spaß macht da das Fahren. Denn das ist wirklich großes Kino.

Vor allem, wenn die optionale Panoramascheibe (zirka 1200 Euro extra) montiert ist. Man fühlt sich wie in einer Pilotenkanzel; vor allem abends ein Erlebnis für die Mitfahrer. Der Himmel ist so nah. Allerdings ist dieses Extra noch nicht zum Marktstart am 14. Januar verfügbar; im Frühjahr soll es so weit sein. Da wir gerade bei Extras sind: unbedingt den Sportsitz mit dem Gütesiegel Aktion Gesunder Rücken (390 Euro für Fahrer; 685 Euro für beide Seiten) testen. Eine bessere Sitzmöglichkeit in einem Auto gibt es derzeit nicht für das Geld. Das lohnt sich schon allein deswegen, weil der GTC mit seiner speziellen Vorderradaufhängung ein völlig anderes Auto geworden ist. Eines, mit dem man Kurven lieben wird. Eines, das einem das Autofahren extrem erleichtert.

Nachholbedarf beim Antrieb

Die Vorderachse stammt aus dem Insginia OPC, wo sie es mit 325 PS und Tempo 270 zu tun bekommt. "HiPerStrut" nennen die Opel-Ingenieure diese Radaufhängung, die den Sturz minimiert und das Antriebszerren verringert. Die angetriebenen Räder bleiben auch in schnell gefahrenen Kurven fester am Boden; die sogenannte Rückmeldung verbessert sich. Der Fahrer weiß exakt, was die Räder auf der Straße tun. Ein tolles Gefühl. Und hat der Opel-Fahrer zuvor nach das adaptive FlexRide-Fahrwerk für 980 Euro geordert, das sich – elektronisch gesteuert – blitzschnell den Fahrbedingungen anpasst, dann wird die Sache perfekt. Trotz der sportlichen Abstimmung und der auf unserem Testwagen montierten 19-Zoll-Räder, federt der GTC über die Maßen gut.

Bestechende Technik: Die Radaufhängung "HiPerStrut" überzeugt auf der Straße.
Bestechende Technik: Die Radaufhängung "HiPerStrut" überzeugt auf der Straße.Foto: Hersteller

Weniger Lob hingegen verdient das Antriebskapitel, wo Opel klar Nachholbedarf gegenüber VW, Ford und Co hat. Vier Benziner (100, 120, 140,180 PS) und nur ein Diesel (165 PS) lassen sich zum Marktstart ordern. Ein Automatikgetriebe? Fehlanzeige! Uns standen nur die beiden größten Maschinen zur Verfügung. Dem 180-PS-Benziner (einziger Motor ohne Start-Stopp-System?!) glaubt man seine Leistung nicht. So richtig begeisterungsfähig wirkt er nicht; der Funke will von der Maschine einfach nicht zum Menschen überspringen.

Selbstbewusster Preis für den Diesel

Eher zögerlich tritt der Vierzylinder-Turbo an, er hat erst oberhalb von 3000 Touren Biss, wird dann aber laut. Unser Verbrauch: 9,7 Liter statt der von Opel angegebenen 7,2 Liter. Viel besser schlägt sich der Diesel, der zwar kein Leisetreter ist, aber kräftig durchzieht und weniger Schaltarbeit erfordert. Verbrauch? 6,4 Liter statt der utopischen Werksangabe von 4,8 Litern. Vier Erwachsene reisen gut; der Gepäckraum (380 bis 1165 Liter) zählt zu den Größten seiner Klasse. Los geht es ab 19.900 Euro für die 100-PS-Version mit ordentlicher Ausstattung. Dieser konventionelle Sauger wird es jedoch nicht leicht haben mit dem voll beladen immerhin zwei Tonnen schweren Astra GTC. Das von uns gefahrene Topmodell mit 165-PS-Diesel landet bei selbstbewussten 27.855 Euro, allerdings inklusive des absolut überzeugenden adaptiven Fahrlichts mit variabler Lichtverteilung je nach Wetter und Situation.

Zum Schluß kommt keine Euro-schwere Frage, sondern eine dem Autoren und vielleicht nicht nur ihm auf dem Herzen brennende Frage: Warum baut Opel diese geniale Vorderachse, die das Auto so zum Positiven verändert, nicht in jeden Astra ein? Dann würde jeder Opel-Fahrer wieder etwas haben, von dem – nicht zuletzt im Hinblick auf die Autos aus Wolfsburg – stolz erzählen kann.

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